In vielen Gärten in Bayern herrscht weiter "Kinderzimmer-Alarm". Amseln, Meisen, Mönchsgrasmücken, Sperlinge und Stare füttern noch eifrig ihren Nachwuchs – teils schon in der zweiten Brut, so der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV). Manche Arten wie Kohl- und Sumpfmeise, Grünfink oder Stare schaffen bei einem zeitig eintretenden Frühjahr zwei bis drei Bruten.
Nicht alle Nester sind erfolgreich
Doch nicht alle Nester sind erfolgreich. Katzen, Marder oder Elstern finden immer wieder Gelege oder Jungvögel. Dazu kommt der Klimastress, wie die Ornithologin Angelika Nelson vom LBV Cham erklärt: "Die Trockenheit macht es den Eltern schwer, genug Insekten zu finden." Schon in den vergangenen Jahren sei die Vielfalt und Zahl der Insekten – der wichtigsten Futterquelle der Jungvögel – stark zurückgegangen. Viele Arten legen deshalb mehr Eier als am Ende Jungvögel ausfliegen, so die promovierte Expertin.
Hitzewelle bringt Mauersegler und Schwalben in Not
Besonders hart treffen Hitzewellen Gebäudebrüter wie Mauersegler und Mehlschwalben. Ihre Nester sitzen unter Dächern oder in Mauernischen. Laut LBV können sich diese Orte auf bis zu 60 Grad aufheizen. Am vergangenen Wochenende mit bis zu 40 Grad Außentemperatur im Schatten sind in Bayern zahlreiche noch nicht flugfähige Mauersegler und Mehlschwalben aus den Nestern gestürzt. Da die überhitzten Nester für sie zur tödlichen Falle werden, suchen die Jungvögel kühlere Orte, oftmals am Boden. Doch dort wird der Nachwuchs von den Altvögeln nicht mehr versorgt. Die Folge: viele tote, geschwächte und verletzte Tiere.
Notlage in der Vogelauffangstation Regenstauf
Das bemerkte auch die Vogelauffangstation Regenstauf im Landkreis Regensburg und meldete eine bisher einmalige Notlage. "Wir wurden regelrecht überrollt", sagt der fachliche Leiter Ferdinand Baer. Mehrere Hundert Mauersegler und Mehlschwalben seien im Akkord gefüttert und versorgt worden. Seitdem sei die Auffangstation sowohl räumlich als auch personell am Limit. Erstmals seit der Gründung vor rund 30 Jahren gilt in der größten Vogelauffangstation ihrer Art in Bayern deshalb ein Aufnahmestopp.
Im gesamten Jahr 2025 versorgte die Regenstaufer Vogelstation fast 1.800 gefiederte Patienten. Dieses Jahr sind es zur Halbzeit schon rund 1.400 Vögel. Allein am vergangenen Juni-Wochenende kamen im Laufe eines einzigen Tages mehr als 200 Tiere, fast ausschließlich Mauersegler. Da auch andere bayerische Tierauffangstationen überlastet sind, stammen die Jungvögel aus dem gesamten Freistaat. Enttäuschte Anrufer reagierten teils mit Beschimpfungen, so Baer: "Wir sind am Rande unserer Kapazitäten. Wir füttern ununterbrochen. Es geht nicht mehr."
Lebensgefährliche Lernphase nach dem Ausfliegen
Während Gebäudebrüter unter der Hitze leiden, sind Gartenvögel in der letzten Phase der Brutzeit. Nach rund zwei Wochen verlassen Jungvögel von Meisen, Amseln oder Rotkehlchen ihr Nest und kehren nie zurück. Dann beginnt die gefährlichste Phase des Aufwachsens. In diesen Tagen sitzen die Kleinen wegen der noch nicht ausgebildeten Flugmuskulatur oft am Boden oder niedrig im Strauch, werden weiter von den Eltern gefüttert und lernen alles fürs Überleben.
Gleichzeitig halten die Jungvögel schon nach möglichen Revieren Ausschau, in denen sie im nächsten Jahr selbst brüten könnten. Ab August starten dann die Zugvögel ihre Reise gen Süden. Zuerst fliegen die Altvögel Richtung Winterquartier, erst danach folgen die Jungvögel. Die Zugrichtung und -dauer ist ihnen angeboren. Zudem löst der Aufbruch anderer Zugvögel einen entscheidenden Impuls aus.
Was tun, wenn man einen Jungvogel findet?
Der LBV rät dazu, aufgefundene Jungvögel zunächst nur zu beobachten. Nackte, noch unbefiederte Jungvögel gehören, wenn möglich, zurück ins Nest. Menschengeruch schreckt die Eltern nicht ab. Befiederte Jungvögel – sogenannte Ästlinge – werden meist noch von den Eltern versorgt. Sie sollten nur bei akuter Gefahr umgesetzt werden: etwa einige Meter weiter in eine dichte Hecke, idealerweise in dornige Sträucher wie Rosen.
Bei jungen Mauerseglern und Schwalben weicht der LBV aufgrund der Hitze von dieser Empfehlung jedoch ausnahmsweise ab. Vogelfreunde sollten die aufgefundenen Vögel stattdessen zunächst selbst stabilisieren und sich an den Erstversorgungs-Tipps von wildvogelhilfe.org [externer Link] orientieren. Das Aufpäppeln beider Vogelarten gilt als sehr anspruchsvoll. Da die Stationen derzeit keine weiteren Vögel aufnehmen können, komme man aber ohne Hilfe aus der Bevölkerung nicht aus.
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