In den meisten deutschen Bundesländern gibt es frühestens ab der dritten Klasse Ziffernnoten. In Bayern schon in der zweiten Klasse. Immer wieder gibt es daran Kritik.
Pro: Vorbereitung auf die weiterführenden Schulen
Mit der Vergabe von Noten solle der Lernerfolg gemessen werden. Laut des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus sind Noten für die Grundschülerinnen und Grundschüler eine "transparente, klare und leicht verständliche Rückmeldung darüber (…), wo sie erfolgreich sind, Fortschritte gemacht wurden, aber auch, wo noch mehr Engagement erforderlich ist."
Laut Ministerium sind Noten in der Grundschule vor allem wichtig, um in der vierten Klasse zu entscheiden, wie es für die Kinder nach der Grundschule weitergeht. Aber auch für die Versetzung innerhalb der Grundschule seien die Noten bedeutsam. Und darüber hinaus: Auch für Hochschulen oder Arbeitgeber seien Noten eine wichtige Orientierung. Konkrete Gründe, warum aber in Bayern in der zweiten Klasse mit den Noten begonnen wird, während mehr als die Hälfte aller Bundesländer erst die dritte Klasse für geeignet ansehen, nennt das Ministerium nicht.
Contra: Noten verderben den Spaß am Lernen
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) erkennt die Bedeutung von Noten auch in der Berufswelt, steht ihnen aber dennoch kritisch gegenüber. Reine Benotung sei inhaltsleer, oft fehlten Begründungen: "Wir hätten gerne mehr individuelles Feedback", sagt Fleischmann. Auch in Gesprächen des BR mit Grundschullehrkräften wird klar: Sie sehen keine Notwendigkeit für Noten in der zweiten Klasse.
Die frühe Benotung kann auch Folgen für das Lernverhalten der Kinder haben: "Wir wissen aus der Forschung, dass mit der Einführung der Noten die Freude am Lernen sinkt – die Angst aber steigt", sagt Katrin Lohrmann, Professorin für Grundschulpädagogik an der LMU München. Kinder fingen an, sich zu vergleichen und nur für die Noten zu lernen, nicht aus Interesse. Ihrer Meinung nach gelte bei der Vergabe von Schulnoten: Je später, desto besser.
Plan der Politik: Mehr zusätzliches Feedback
Während die Stimmen aus den Schulen und der Wissenschaft die frühe Benotung der Kinder kritisch beurteilen, will die bayerische Landesregierung daran festhalten. Noten seien aber nur ein Baustein, sagt Anna Stolz (Freie Wähler), Ministerin für Unterricht und Kultus auf Anfrage des BR: "Entscheidend hierfür ist, dass Kinder neben einer individuellen Förderung eine kontinuierliche Rückmeldung zu ihrem Lernstand erhalten."
Ein Baustein davon sind die sogenannten Lernentwicklungsgespräche. Diese werden zum Halbjahr geführt. Dabei sprechen die Lehrkräfte einzeln mit jedem Kind, die Eltern sind im Hintergrund auch dabei. Die Kinder schätzen sich und ihren Lernfortschritt dann zunächst selbst ein und entwickeln dann gemeinsam mit der Lehrkraft Ziele für das weitere Schuljahr.
Fazit: Noten abschaffen – Problem gelöst?
Noten einfach abzuschaffen, sei aber nicht die Lösung, sagt Simone Fleischmann vom BLLV. Für sie gilt mit Blick auf die Schulnoten: Man müsse das gesamte System überdenken. "Noten will die Gesellschaft, Noten kennen alle. Aber Noten müssen ergänzt werden durch ganzheitliches Feedback."
Neben den Lernentwicklungsgesprächen ginge das unter anderem durch ständiges, persönliches Feedback im Unterricht. Lehrkräfte sollten außerdem darauf achten, bei der Benotung von Arbeiten wie Aufsätzen nicht in verdeckten Noten zu bewerten, sagt Fleischmann. Zum Beispiel: Statt "Dein Einstieg in die Geschichte war gut" lieber "Mir hat gefallen, wie du die Gefühle der Hauptfigur am Anfang beschrieben hast".
Fleischmann hofft, dass auch über die Grundschulen hinaus der starke Fokus auf die Ziffernnoten in Zukunft abnimmt: "Dann könnte man hoffen, dass die Gesellschaft versteht, dass Noten einen Menschen nicht ausmachen."
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