Agathe Petersen ist 68 Jahre alt und schwer krank. Sie hat Darmkrebs und einen künstlichen Ausgang, ein sogenanntes Stoma. Trotz der Erkrankung hat sie sich zu einem Interview entschieden, wenn auch unter anderem Namen. Denn die Zustände in der geriatrischen Rehaklinik in Bruckmühl im Juli 2026 waren unerträglich, sagt Agathe Petersen. Sie habe immer wieder nach dem Personal geklingelt: "Erst am dritten Tag haben sie die OP-Wunden angeschaut und gesagt: 'Oh, das schaut aber nicht schön aus'", erinnert sie sich. Auch um das Stoma kümmerte sich laut Agathe Petersen niemand. Schonkost erhielt sie nach eigenen Angaben nicht. Als sie die Reha nach vier Tagen abbrach, wog sie am Tag darauf bei der Aufnahme im Krankenhaus Wolfratshausen noch rund 36 Kilo.
Was kam bei der BR-Recherche sonst noch heraus? Darüber sprach BR24 live mit BR-Journalistin Claudia Gürkov und dem Patientenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, Thomas Zöller (Freie Wähler). Das Video finden Sie oben über dem Artikel.
In eine geriatrische Rehaklinik kommen ältere Menschen, die oft an mehreren Erkrankungen leiden und besonders hilfsbedürftig sind. Die Reha soll die Selbstständigkeit der Patienten fördern und den Pflegebedarf reduzieren.
Im Audio: Patienten erheben schwere Vorwürfe gegen die geriatrische Rehaklinik in Bruckmühl
Ein Betreiberkonstrukt, zwei Rehakliniken, viele Probleme – BR-Recherchen zeigen Missstände auf.
Hinweise auf jahrelange Missstände in Bruckmühl
BR-Reporter führten zahlreiche Gespräche mit Senioren, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern zur Rehaklinik Bruckmühl. Sie klagen Missstände in der Einrichtung zwischen 2023 und Juli 2026 an. BR Recherche liegen entsprechende Dokumente und Krankenhausunterlagen vor. Interviews für das ARD Politikmagazin report München zeichnen ein ähnliches Bild:
Die Patienten und ihre Familien kritisieren die Patientenversorgung. Sie berichten, dass es den Senioren nach der Reha in Bruckmühl schlechter gegangen sei als zuvor. Neben Mängeln bei Wund- und Stoma-Versorgung gibt es den Betroffenen zufolge Hinweise auf teils fehlende, teils falsche Medikamentengabe und Medikamentenschwund sowie Mängel bei der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Es habe zu wenig Personal gegeben. Auf Klingeln habe das Personal teils sehr spät reagiert. Es habe wenige Anwendungen gegeben und diese seien oft ausgefallen. Das Essen wird übereinstimmend als zu wenig, von schlechter Qualität und in der Regel in Form von nur einem Essensangebot für alle Patienten beschrieben.
Betreiber lassen Vorwürfe zurückweisen
Die Betreiber der Geriatrischen Rehabilitation Oberbayern Bruckmühl GmbH haben eine Agentur für Krisenkommunikation mit der Antwort an den BR beauftragt: Sie weist Vorwürfe insbesondere zum Umgang mit Medikamenten und zu überlangen Reaktionszeiten auf Patientenrufe zurück. Strukturell bedingte Patientenschädigungen oder einen patientengefährdenden Betrieb habe es demnach nicht gegeben. Der PR-Berater betont, wie viel investiert und an Prozessen und Strukturen geändert worden sei. In Bruckmühl, so sein Schluss, hätten die Bemühungen der Betreiber zu "einer nachhaltig funktionierenden geriatrischen Rehaklinik geführt".
Aufsichtsbehörde verweist auf regelmäßige Kontrollen
2023 hatte das Landratsamt Rosenheim auf Druck des bayerischen Gesundheitsministeriums und der Regierung von Oberbayern hin kontrolliert. Dazu schreibt das Amt auf Anfrage: "Dabei bestätigte sich eine reduzierte Personalausstattung mit Mängeln in der medizinischen und pflegerischen Betreuung von Patienten." Für die Rehaklinik Bruckmühl wurde ein Aufnahmestopp verhängt und die Zahl der Betten vorübergehend reduziert.
Im Juli 2026 schreibt das Amt auf BR-Anfrage, es gebe regelmäßige Routinekontrollen, zuletzt in diesem Frühjahr. Auffälligkeiten hätten nicht bestanden. Auf einzelne Patientenbeschwerden habe die Klinikleitung zeitnah reagiert. BR Recherche liegt allerdings die Beschwerde einer Familie vom April 2026 vor, in der von schwerem Durchfallgeschehen in dem Haus die Rede ist. Der hochbetagte Patient erhielt demnach über drei Tage hinweg keine Hilfe, Schutzmaßnahmen vor Ansteckung seien nicht getroffen worden.
Im August 2026 schreibt das Landratsamt dem BR, nach einer unangekündigten Routinekontrolle im Frühjahr seien keine Maßnahmen erforderlich gewesen.
Im Video: report München: Recherchen zu Missstand in Rehakliniken
Patienten und ihre Angehörigen erheben schwere Vorwürfe gegen Rehakliniken in Oberbayern. Was ist an den Vorwürfen dran?
Todesfälle in anderer Klinik der Betreiber - Staatsanwaltschaft ermittelt
2023 wurde eine andere geriatrische Rehaklinik des Betreibers in Lenggries erstmals geschlossen. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seitdem. Auf BR-Anfrage bestätigt die Ermittlungsbehörde, dass "eine mittlere zweistellige Zahl an Todesfällen" in der Rehaklinik in Lenggries geprüft wird. Zudem steht unter anderem der Verdacht auf vorsätzliche Körperverletzung im Raum. Mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen will man sich nicht weiter äußern.
Landratsamt stellte 2026 erneut Missstände in Rehaklinik in Lenggries fest
2024 hat das Haus wiedereröffnet, im Mai 2026 widerrief das zuständige Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen die Betriebserlaubnis. Nach erneuten Patientenbeschwerden hatte das Landratsamt die Rehaklinik in Lenggries regelmäßig kontrolliert, teils unangekündigt, teils auch am späten Abend, und dabei wiederholt Verstöße gegen den Personalschlüssel festgestellt.
Julia Trempetic, Leiterin des Gesundheitsamtes und Ärztin, betont die Folgen der jahrelangen Mängel für die Senioren: "Die Patienten wurden nicht vernünftig versorgt, es wurden Medikamente falsch gegeben. Und das ist eine logische Folge von zu wenig Personal."
Hinweise auf Trickserei bei Personalien
Die Personalsituation sei undurchsichtig gewesen, gibt Juristin Valentina Prams vom Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen an: "Die Qualifikation war sehr schwer nachzuweisen, es gab viele ausländische Mitarbeiter. Dann haben die Betreiber gesagt, die Qualifikation weisen wir noch nach. Aber bei der nächsten Kontrolle gab es dann schon wieder neue Mitarbeiter. Das bedeutet, dass wir im Grunde nicht kontrollieren können, ob die Auflagen erfüllt sind und ob das mitgeteilte Personal tatsächlich da ist."
Nach Angaben der Betreiber ist der Vorwurf der Behörden, dass Aufgaben von Fachfremden übernommen wurden, anhand konkreter Nachweise und Zeugenaussagen widerlegt. Nach BR-Recherchen hat die Geschäftsleitung dem Landratsamt in mindestens einem Fall eine Mitarbeiterin in einer Position gemeldet, in der sie gar nicht gearbeitet hat.
Frühere Mitarbeiter werfen der Geschäftsleitung vor, den Klinikbetrieb auf maximalen Gewinn ausgerichtet zu haben. Die Patienten, so sagt eine ehemalige Beschäftigte, seien ihrem Eindruck nach "Gelddruckmaschinen" gewesen. Die Betreiber lassen auf BR-Anfrage versichern, sie hätten keine Gewinne erwirtschaftet. Vom Hauptgesellschafter, dem Finanzinvestor Auctus mit Sitz in München, heißt es: "Wir haben zu keinem Zeitpunkt Gewinn- oder Renditeziele für die Kliniken vorgegeben."
Kassen kündigten den Versorgungsvertrag
Die Krankenkassen zahlen eine Reha in der Regel dann, wenn es nicht um das Ziel geht, arbeitsfähig zu bleiben. Bei einer geriatrischen Reha ist das der Fall. Die Krankenkassen kündigten den Versorgungsvertrag der Rehaklinik in Lenggries – wegen massiver Mängel und weil alte Menschen zu Schaden gekommen seien. Die Betreiber teilen dem BR auf Anfrage mit, Patienten seien nicht gefährdet, geschweige denn geschädigt worden: "Die Schließung der Klinik Lenggries erfolgte (...) aus wirtschaftlichen Gründen, ausdrücklich nicht aufgrund medizinischer Qualitätsmängel."
Krankenkassen und Landratsämter dürfen nicht zusammenarbeiten
BR-Recherchen legen Probleme bei der Kontrolle von Rehakliniken offen: Landratsämter dürfen unangekündigt kontrollieren, sie bekommen auch alle beruflichen Qualifikationen vorgelegt – mit Namen. Die Kassen hingegen erhalten diese Zertifikate – bis auf wenige Leitungsfunktionen – lediglich geschwärzt.
Auf Anfrage schreibt die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE), die Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten seien gesetzlich eingeschränkt: "So sind beispielsweise unangekündigte Kontrollen gesetzlich nicht vorgesehen." Tatsächlich muss sich der Medizinische Dienst, den die Kassen mit Kontrollen beauftragen, 48 Stunden vorher ankündigen. Und auch dann darf er im Wesentlichen nur Papiere und Strukturen prüfen. Kasseninsider sehen die größte Hürde allerdings darin, dass Krankenkassen und Landratsämter aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zusammenarbeiten dürfen.
Das bayerische Gesundheitsministerium sieht auch die Krankenkassen in der Pflicht. Ein Sprecher schreibt: "Von Krankenkassenseite ist bislang nicht moniert worden, es bedürfe weiterer Kontrollmöglichkeiten." Zu Missständen in anderen Rehakliniken liegen dem Ministerium nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse vor.
Mehr zu diesem Thema in report München am 25.8. um 21.45 Uhr im Ersten.
Wenn Sie Missstände melden wollen, können Sie sich per Mail an das Investigativteam des Bayerischen Rundfunks wenden: brrecherche@br.de
Ein Betreiberkonstrukt, zwei Rehakliniken, viele Probleme – BR-Recherchen zeigen Missstände auf.
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