Die juristische Aufarbeitung der schweren Pflegemissstände in der Seniorenresidenz Schliersee lässt weiter auf sich warten. Der Grund: unterschiedliche Ansichten bei dem zuständigen Landgericht und den Ermittlungsbehörden.
Die Staatsanwaltschaft München II hat im März 2025 Anklage erhoben. Und die Anklage wiegt schwer: Es geht um 101 Fälle von versuchter gefährlicher Körperverletzung sowie um vorsätzliche und gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen.
Das Landgericht München II regte ein Jahr später, im März 2026, eine Überprüfung der Anklageerhebung und gegebenenfalls Nachermittlungen an. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht dafür keinen Bedarf. Ein Sprecher schreibt auf BR-Anfrage: "Wir haben unsere Stellungnahme bei Gericht eingereicht, hierauf aber noch keine Rückmeldung erhalten. Über die Eröffnung des Hauptverfahrens ist weiter nicht entschieden." Vom Landgericht heißt es, die Staatsanwaltschaft habe auf sechs Seiten begründet, warum sie an der Anklageerhebung ohne Änderung und ohne Nachermittlungen festhalte. Diese Stellungnahme und die Aktenlage würden derzeit von der Strafkammer intensiv geprüft, schreibt ein Sprecher. Damit ist vorerst kein Gerichtsverfahren in Sicht.
Pflegewissenschaftlerin: "Fatale Botschaft auf mehreren Ebenen"
Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule empfindet die Verzögerung als nicht hinnehmbar: "Hier entsteht der Eindruck, dass das Leid der Menschen in diesem Pflegeheim und die Verantwortung für die erschütternden Versorgungsbedingungen nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt werden." Die Pflegewissenschaftlerin hatte ein Gutachten zu dem Altenheim verfasst. Martina Hasseler warnt, dass es nicht nur um den Fall der Seniorenresidenz Schliersee gehe; hier drohe zudem eine fatale Botschaft im Kampf gegen schlechte Versorgung in Pflegeheimen.
Ermittler sehen Verdacht auf zahlreiche Körperverletzungsdelikte
Nach Ansicht der Ermittler wurde in der Seniorenresidenz Schliersee an qualifiziertem Personal, Pflegematerialien und Lebensmitteln gespart. Die Anklage richtet sich gegen drei Frauen: eine frühere Heimleiterin, eine ehemalige Leiterin der Hauswirtschaft sowie eine frühere Pflegedienstleitung. Der Verdacht lautet auf 101 Fälle von versuchter gefährlicher Körperverletzung sowie auf vorsätzliche und gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Verantwortliche des italienischen Gesundheitskonzerns Sereni Orizzonti, der die Seniorenresidenz Schliersee betrieb, wurden nicht angeklagt.
Ein Corona-Ausbruch im März 2020 hatte den Fall ins Rollen gebracht. Helfer, darunter auch die Bundeswehr, übernahmen Versorgung und Pflege der meist hochbetagten Menschen. BR Recherche liegen Dokumente vor, die belegen, dass etliche Heimbewohner unterernährt, dehydriert und zum Teil völlig verwahrlost waren. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft auch zu 18 Todesfällen zwischen Februar und August 2020 ermittelt. Eine Kausalität zwischen dem Fehlverhalten der Angeklagten und dem Tod von 17 Heimbewohnern sowie einer Mitarbeiterin habe man nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit feststellen können, so die Staatsanwaltschaft.
BR-Recherchen zeigten Wirkung
Im März 2021 berichtete der Bayerische Rundfunk erstmals über das Ausmaß der Pflegemissstände, die den Aufsichtsbehörden seit Jahren bekannt waren. Der damalige Miesbacher Landrat Olaf von Löwis (CSU) räumte 2021 im BR-Interview Versäumnisse seiner Heimaufsicht ein.
Im September 2021 wurde die Seniorenresidenz Schliersee geschlossen. Etliche Bewohner wurden in das zweite Heim des Betreibers nach Augsburg verlegt, in dem der BR ebenfalls schwere Missstände nachweisen konnte. Im Februar 2022 schloss die Stadt diese Einrichtung.
Staatsregierung zog nach BR-Berichten Konsequenzen
Im März 2022 gründete das Gesundheitsministerium die Anlaufstelle "Pflege-SOS Bayern", angesiedelt am Landesamt für Pflege. Hier können Mitarbeiter, Heimbewohner oder Angehörige auch anonym Missstände melden.
Die BR-Recherchen waren außerdem mehrfach Thema im Landtag und stießen gesetzliche Änderungen an: Ende Juli 2026 verabschiedete das bayerische Kabinett die Novellierung des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes.
Betroffene und Hinterbliebene fordern nun rasche juristische Aufarbeitung
Die Pflegeexpertin Andrea Würtz war 2020 selbst in der Seniorenresidenz Schliersee im Einsatz. Sie arbeitete damals für das Landratsamt Miesbach und die Regierung von Oberbayern. Nach dieser Tätigkeit hatte sie sich an BR Recherche gewendet, weil sie mit einer internen Aufklärung gescheitert war. Auf BR-Anfrage reagiert Andrea Würtz bestürzt: "Für Angehörige und Überlebende sind sechseinhalb Jahre kein abstrakter juristischer Vorgang, sondern sechseinhalb Jahre Warten auf Antworten, Verantwortung und Konsequenzen."
Auch Hinterbliebene, mit denen BR Recherche nach wie vor in Kontakt steht, sind enttäuscht. Man versuche offenbar, auf Zeit zu spielen, erklärte eine Frau. Tatsächlich sind nach BR-Informationen bereits mehrere mögliche Zeugen verstorben.
Wenn Sie Missstände melden wollen, können Sie sich per Mail an das Investigativteam des Bayerischen Rundfunks wenden: brrecherche@br.de
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