Die goldenen Jahre des Fernsehens sind vorbei, darauf können sich die Allermeisten einigen. Gerade junge Menschen schauen Videoinhalte hauptsächlich in der Mediathek, auf Streamingportalen und Social Media. Der private Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 antwortet nun auf diese Herausforderungen mit einem für viele unerwarteten Lösungsansatz: dem neuen Fernsehprogramm Sat.2.
Es ist der achte klassische TV-Sender des Münchner Konzerns, der seit September 2025 zur italienischen Media for Europe (MFE) Gruppe gehört. Sat.2 soll ab Januar 2027 Heile-Welt-Stimmung in die Wohnzimmer der Zuschauerinnen und Zuschauer bringen. Es werden hauptsächlich alte Serien gezeigt, beispielsweise "Kommissar Rex", "Der Bulle von Tölz" und "Verliebt in Berlin". Erklärte Zielgruppe von Sat.2 sind Frauen zwischen 45 und 65 Jahren.
Nostalgie als Mittel gegen sinkende Zuschauerzahlen
Die bereits bestehenden Spartensender des Konzerns, wie beispielsweise Sixx und ProSieben MAXX, verzeichneten letztes Jahr eine leicht gestiegene Zuschauerquote. Außerdem gäbe es "in bestimmten Zielgruppen die Sehnsucht nach Vertrautem. Und genau diese Sehnsucht werden wir mit Sat.2 erfüllen", erklärt ein Sprecher von ProSiebenSat.1 gegenüber BR24-Medien.
Der Sender wolle die ältere Zielgruppe mit dieser Nostalgie für sich gewinnen. Mit der Strategie ist er nicht alleine, sagt Medienjournalist Steffen Grimberg vom KNA-Mediendienst. Auch andere private sowie öffentlich-rechtliche Fernsehsender würden entsprechende ältere Filme und Serien ausstrahlen und in die Mediatheken stellen.
Sat.2 als neue Quelle für Werbeeinnahmen
ProSiebenSat.1 versteht den neuen Sender laut Programmchef Henrik Pabst nur als einen Baustein einer Reihe von "360-Grad-Investitionen". Also Marken, die über alle Kanäle, klassisch im Fernsehen und digital ausgestrahlt werden, um möglichst viele Menschen zu erreichen.
Sat.2 wird ein kostenloses Programm in Zeiten von Streaming-Abos, mit dem ProSiebenSat.1 selbst Geld sparen dürfte. Denn Sat.2 wird vor allem mit alten Eigenproduktionen und Fernsehserien gefüllt, für die bereits Rechte bestehen. Außerdem erhofft sich das Unternehmen steigende Einnahmen von seinen Werbepartnern. Diese hätten bereits "positive Signale" gesendet, wie Pabst Mitte Juli der "Süddeutschen Zeitung" mitteilte.
Medienjournalist Grimberg sieht dafür vor allem zwei Gründe: Zum einen würden Privatsender sogenannte "Bundling-Geschäfte" abschließen – also nicht mehr einzelne Werbespots anbieten, sondern ein "Gesamtpaket" für das komplette Senderportfolio. Die Einführung von Sat.2 biete dem Konzern eine Chance, "die aufgerufenen Preise ein bisschen nach oben schrauben" zu können.
Zum anderen soll Sat.2 mit den 45- bis 65-Jährigen eine Gruppe ansprechen, die älter ist als das Zielpublikum der bisherigen Sender. Für Werbekunden bedeutet das laut Grimberg die Möglichkeit, eine einkommensstarke Klientel anzusprechen. Zudem habe diese das klassische Werbefernsehen "noch gelernt und verinnerlicht". Somit seien ältere Menschen auch leichter und effizienter durch TV-Werbung zu erreichen als jüngere Zielgruppen.
Wird es klassisches Fernsehen in Zukunft noch geben?
Trotz sinkender Quoten sieht Grimberg eine Zukunft für das klassische Fernsehen – vor allem, wenn es um Live-Übertragungen gehe. Diese würden häufig und noch immer gemeinschaftlich geschaut. "Wir sind eine alternde Gesellschaft und ältere Menschen nutzen noch gezielt klassisches Fernsehen", sagt Grimberg. Außerdem seien Sendungen wie etwa die Hauptnachrichten von ARD und ZDF stark in den Alltag vieler eingebunden. Manche Sendungen haben Kultcharakter, sie anzuschauen, gleiche Ritualen. Dazu gehört laut Grimberg zum Beispiel der "Tatort" sonntags um 20.15 Uhr im Ersten.
Auch der US-amerikanische Streamingdienst Netflix hatte es mit einem eigenen Fernsehkanal versucht. "Das heißt, auch die digitale Welt zeigt letztlich, dass in der alten klassischen Fernsehwelt immer noch eine Kraft steckt." Sonst würden sie "diese Elemente aus der linearen Fernsehwelt wiederum in die digitale Welt rüber holen".
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