654.300 Kinder kamen 2025 in Deutschland auf die Welt, so die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Das sind so wenige Geburten wie noch nie in der Nachkriegszeit.
Laut Statistischem Bundesamt erklärt sich der Rückgang teils rein demografisch: Frauen im typischen Alter zur Familiengründung sind in den 1990er-Jahren auf die Welt gekommen. Diese Jahrgänge waren zahlenmäßig klein – es gibt aktuell einfach weniger potenzielle Mütter.
Geburtenrate sinkt seit 2021
Doch schon seit einigen Jahren sinkt die Geburtenrate. 2021 lag sie noch bei durchschnittlich 1,58 Kindern pro Frau, 2024 erreichte sie einen Wert von 1,35 (externer Link). Die Geburtenrate für 2025 wird im Juli veröffentlicht.
"Das ist ein sehr abrupter und schneller Abfall, auch vor dem Hintergrund, dass die Geburtenrate von 2005 bis 2018 von 1.35 auf 1.57 Geburten gestiegen war", sagt Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) im Gespräch mit BR24. Zwar unterliege die Geburtenrate Schwankungen, die Entwicklung seit 2021 sei aber ungewöhnlich.
Auch in Bayern weniger Geburten
In Bayern ist die Geburtenrate leicht höher als im bundesweiten Durchschnitt – sie lag 2024 bei 1,39. Aber auch in Bayern lässt sich der Abwärtstrend seit 2021 beobachten. Laut Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg wurden 2021 insgesamt 134.321 Kinder in Bayern geboren – 2025 waren es 110.573.
Geburten werden aufgeschoben
Wie lässt sich die sinkende Geburtenrate erklären? Wissenschaftliche Untersuchungen verweisen allen voran auf eine Kombination aus globalen Krisen, wirtschaftlicher Instabilität und schwieriger Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
"Es ist relativ bekannt, dass Menschen gerade in Krisenzeiten, sei es ökonomisch, kriegerisch oder sonst wie, aufschieben, Kinder zu bekommen – wegen dieser Unsicherheit, in der sie nicht diese langfristige, verbindliche Entscheidung treffen wollen", sagt Schubert vom MPIDR.
Die aufgeschobenen Geburten könnten später nachgeholt werden – solch ein Nachholeffekt sei auch in der Vergangenheit beobachtet worden. "Dem könnte allerdings entgegenstehen, dass heutzutage das Durchschnittsalter bei Geburten höher ist. Dadurch sind der Zeitraum und das biologische Potenzial, Geburten nachzuholen, begrenzt", so Schubert. Falls Krisen länger andauern, könne es auch zu einem "kontinuierlichen Aufschub" kommen.
"Fertility Gap" treibt Forscher um
"Man sieht aber: Es ist nicht so, dass Familie nicht mehr gewollt ist, oder dass junge Menschen sagen, Familie ist out", sagt Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Das Institut erforscht den Kinderwunsch von Menschen in Deutschland.
Demnach haben sich Frauen 2025 durchschnittlich 1,67 Kinder gewünscht, Männer 1,63. Die Diskrepanz zwischen diesem Wert und der deutlich niedrigeren Geburtenrate wird in der Fachliteratur als "Fertility Gap" bezeichnet.
"Es wünschen sich sehr viel mehr Kinder als die, die das dann realisieren. Das ist genau das, was uns als Forscher umtreibt und in meinen Augen auch das, was die Politik am meisten interessieren sollte", sagt Spieß.
Rolle der Corona-Pandemie und Social-Media
Auch Spieß sieht die Ursachen für die sinkenden Geburtenzahlen vor allem in Krisen, wirtschaftlichen Faktoren und der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Aber auch in Ländern wie Schweden oder Frankreich, wo die Vereinbarkeit als deutlich leichter gilt, kommt es zu einem Geburtenrückgang."
Die wissenschaftliche Untersuchung des Geburtenrückgangs seit 2021 brauche noch Zeit. Spieß hat mehrere Themen auf ihrer Forschungsagenda: "Eine Hypothese ist, dass man während der Corona-Pandemie nicht mehr so viele Menschen kennenlernen konnte und weniger gedatet wurde. Auch die Auswirkung von Social Media und Dating-Plattformen müsste man sich systematischer anschauen." Spieß kennt noch keine repräsentativen, kausalen Wirkungsstudien für Deutschland, die Zusammenhänge belegen.
Was tun gegen den Geburtenrückgang?
Aus wirtschaftlicher Sicht bräuchte es in Deutschland mehr Geburten, um langfristig die Sozialsysteme zu stabilisieren. 2,1 Kinder pro Frau gelten allgemein als das sogenannte "Bestandserhaltungsniveau“.
Bei politischen Maßnahmen zur Umsetzung von Kinderwünschen sollte es für Spieß vor allem darum gehen, Familien den Alltag zu erleichtern und wirtschaftliche Nöte zu nehmen. "Zum Beispiel, indem man Wohnraum für Familien schafft, Kindertagesbetreuung ermöglicht, Ganztagsschulen verlässlich macht." Von familienpolitischen Maßnahmen wisse man aus früheren Studien, dass Infrastruktur höhere Effekte auf Geburtenraten habe als bloße Geldleistungen wie etwa Erhöhungen des Kindergeldes.
Dieser Artikel ist erstmals am 11. Mai 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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