Christine, 50 Jahre alt, war von klein auf in den Bergen unterwegs, zeitweise auch auf Tourenski, lange ist sie auch geklettert. Als Frau mit einer eher kurvenreichen Figur scrollt sie durch Instagram und sieht junge Bergsportlerinnen, die auch nach langen Touren kaum verschwitzt oder erschöpft aussehen. Die polierte, athletische Zuschreibung im Internet funktioniert auch bei Männern.
So gibt es auch zum Autor dieses Textes Kommentare bei YouTube wie: "An seinem Gang und an seiner Figur sehe ich, dass der nicht viel und regelmäßig gewandert ist." Und einem ebenfalls etwas stämmigeren Kletterpartner wird bescheinigt: "Mit 65 und Bierplauze noch die Berge hoch, Respekt."
Gezeigt wird meist nur der durchtrainierte, gut gestylte Körper
Wer abweicht von der Norm, fällt auf, denn die ist immer gestylt und bestens inszeniert – das beobachtet auch Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein. Die Entwicklungen in den Bildwelten beobachtet er als Ressortleiter für Sportentwicklung schon seit längerem. Er bestätigt die Beobachtungen von Christine: "Der Typus, der da vorgelebt wird, ist ein perfekt durchtrainierter Körper, mit gut gestylter Optik, mit guter Ausrüstung und immer ein Lachen auf dem Gesicht."
Das Idealbild wird so zur Norm, mit Folgen für die Gesellschaft, die Alpinkultur und die alpinen Vereine.
Ausschlusseffekte durch Bilder
Industrie und Tourismuswerbung haben immer schon stereotype Körperbilder geprägt. Auch in den Bergen gilt dieses Modell, und durch die sozialen Medien hat das noch einmal einen zusätzlichen Schub bekommen.
Geht es im Fall der modischen Kleidung auch um ein Nachhaltigkeitsthema, so hat die, wie Stefan Winter sagt, "irrsinnige Klischeebildung" in der öffentlichen Zurschaustellung eine schwerwiegende Kehrseite. Etwa dann, wenn Leute sich wegen der Bilder ausgeschlossen fühlen, weil sie meinen, das 'falsche' Körpergewicht zu haben.
Outdoorkleidung in großen Größen nur in grau, schwarz, dunkelbraun?
Auch der Buchautor und Sportwissenschaftler Ingo Froböse betont diese Wirkung auf Menschen, die den herrschenden Körperbildern nicht entsprechen. Genauso wie es Christine aus ihrer Erfahrung unverblümt schildert: "Es gibt das Vorurteil, dass übergewichtige Menschen träge und unsportlich sind".
Und im reich ausgestatteten Outdoormarkt findet sie in großen Größen keine schicke Funktionskleidung, die zum Bergsport animieren würde. "Da gibt’s dann grau, schwarz, dunkelbraun - das sind die Farben, die mit höherem Körpergewicht assoziiert werden." Ein deutlicher Appell an die Herstellerfirmen, die sich in jeder Saison mit neuen Farbtönen zwischen Cyan und Magenta gegenseitig übertreffen. Frauen stehen in diesem Aufmerksamkeitswettbewerb noch stärker unter Druck als Männer, erklärt Ingo Froböse. Schönheit aber generiert Aufmerksamkeit - und so entstehen unrealistische Bildwelten, weil sie durch die sozialen Medien geprägt sind.
Neue Bilder braucht der Bergsport
Auch für Ingo Froböse liegt das Problem darin, dass die Modellathletinnen-Bilder andere Menschen vom Bergsport abhalten könnten, der mit seiner Verbindung zu Natur und Bewegung ausgezeichnet in unsere Gegenwart passt. Der Sportwissenschaftler fordert dringend mehr Diversität mit anderen Bildern und einer anderen Ansprache, damit ein leichter Zugang zum Bergsport gewährleistet ist.
Daher fordert er Initiative von den alpinen Vereinen, sich mit Gesundheitssportorganisationen zusammenzutun, um andere Zielgruppen zu erschließen.
Verschwitzte "Models" beim Deutschen Alpenverein
Stefan Winter stellt sich dieser Aufgabe beim Deutschen Alpenverein, und hat mit einer ersten Aktion damit begonnen, Stereotype aufzubrechen: Aktuell mit einer Kampagne für Menschen 60plus, die auf den Bildern auch mal angestrengt, verschwitzt oder in gebrauchten Klamotten zu sehen sind. Es sind erste Schritte auf einem weiten gesellschaftlichen Feld. Nach bisherigen Erfahrungen dürfte Künstliche Intelligenz dafür sorgen, dass erst recht eingeschliffene, stereotype Körperbilder reproduziert werden; die Aufgabe wird also größer und dringender.
Einen ausführlichen Artikel zu diesem Thema gibt es auch im aktuellen Alpenvereinsjahrbuch Berg 2025 der Alpenvereine.
Dieser Artikel ist erstmals am 30.3.2025 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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