Ein Delphin mit Sonnenbrille, der eine Bibel unter der Flosse trägt. Für Außenstehende mag das wie ein ungewöhnliches Tattoo wirken. Für den Nürnberger Diakon Rainer Fuchs steckt dahinter eine Botschaft. Während er in einem Tattoo-Studio auf der Liege liegt, wird das Delphin-Motiv auf seine Wade gestochen. Die Bibel verweist auf Matthäus 4,19 und das Bild des Menschenfischers.
Tattoos gelten längst nicht mehr als Randerscheinung. Jeder fünfte Deutsche ist tätowiert, bei den 25- bis 34-Jährigen trägt sogar rund jeder oder jede Vierte mindestens ein Tattoo.
Christliche Tattoos als Glaubensbekenntnis
Vor dem Termin ist Fuchs angespannt. "Nervös macht es mich schon, ob der Tätowierer heute einen guten Tag hat und ob das dann auch tatsächlich gut aussieht", sagt er. Zwei Stunden muss er stillhalten, bis das neue Motiv fertig ist.
Fuchs trägt fast am ganzen Körper christliche Symbolik. Seinen Körper sieht er als "Tempel Gottes" - und der sei bei ihm eben etwas bunter als bei anderen. Auf seinen Armen sind die sieben Werke der Barmherzigkeit tätowiert, auf der Brust eine Lutherrose. Auf dem Rücken betet Jesus Christus, auf der Schulter ist eine Taube zu sehen. Seine Tätowierungen versteht er als Ausdruck seines Glaubens und seines Auftrags als Diakon, als Seelsorger.
"Fremde beherbergen, Gefangene besuchen, Kranke heilen, Durstige tränken, Hungrige speisen, Tote bestatten und Nackte bekleiden", zählt er die sieben Werke der Barmherzigkeit auf. "Das ist das, was mich so antreibt."
Diakon setzt bewusst Grenzen bei Tätowierungen
Als Fuchs vor rund 20 Jahren begann, sich tätowieren zu lassen, stieß das nicht überall auf Zustimmung. Tätowierungen seien damals noch deutlich ungewöhnlicher gewesen. Heute seien sie gesellschaftlich viel stärker akzeptiert.
Trotzdem zieht er für sich klare Grenzen. Hals, Hände und Gesicht bleiben frei. Er wolle als Diakon wahrgenommen werden und nicht als "tätowierter Rock'n'Roller", sagt er. Unter dem liturgischen Gewand bleiben die Motive verborgen. "Dann soll der Fokus auf dem Gottesdienst liegen und nicht auf mir als buntem Hund."
Gleichzeitig erlebt er, dass die Tätowierungen Türen öffnen. Wenn Menschen seine Motive entdecken, entstehen Gespräche über Lebensfragen und Glauben. Oft werde aus einer Frage zum Tattoo schnell ein persönlicher Austausch.
Tätowierer beobachtet Nachfrage nach christlichen Tattoos
Der Münchner Tattoo-Künstler Silas Becks beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit christlichen Motiven. Für ihn ist die Verbindung von Tätowierkunst und Glaube eng mit seiner eigenen Biografie verknüpft. "Die Leidenschaft für christliche Tattoos kommt einfach durch meinen eigenen Glauben", sagt er.
Seiner Beobachtung nach ist das Interesse an christlichen Tattoos über die Jahre hinweg konstant geblieben. Besonders nach gesellschaftlichen Einschnitten oder persönlichen Schicksalsschlägen suchten Menschen verstärkt nach religiösen Symbolen. Als Papst Johannes Paul II. gestorben sei, habe es beispielsweise besonders viele Anfragen gegeben, berichtet Becks.
Für viele Kunden erfüllten die Motive eine wichtige persönliche Funktion. "Für die einen ist es eine Art Schutz", sagt Becks. Andere verstünden religiöse Tätowierungen als Erinnerung daran, niemals aufzuhören zu glauben.
Glaube, Hoffnung und Orientierung auf der Haut
Auch Fuchs erlebt seine Tattoos als sichtbare Zeichen seines Glaubens. Zugleich sind sie für ihn Gesprächseinstiege. Sobald Menschen nach den Motiven fragen, entstehen oft Gespräche über Lebensfragen und Religion.
Als er nach dem Termin von der Liege steigt und den frisch tätowierten Delphin betrachtet, ist die Erleichterung groß. "Ja, ich freue mich riesig", sagt er. "Das werde ich jetzt mit Stolz tragen." Für ihn ist das neue Tattoo nicht einfach Körperschmuck. Es ist ein weiteres sichtbares Zeichen seines Glaubens.
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