"In München geht man nicht in Restaurants, sondern in Tagesbars", erzählt die Influencerin Alicia Dern ihren Followern. So leitet sie jedes Video ein, in dem sie anschließend eine Tagesbar testet. Und davon gibt es mittlerweile nicht nur in München ziemlich viele. Neben größeren Städten wie Regensburg oder Augsburg haben auch in ländlicheren Gegenden wie Garmisch-Partenkirchen oder Bad Heilbrunn Tagesbars eröffnet.
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Belastbare Zahlen zu Tagesbars erhebt der Gaststättenverband DEHOGA nicht. Aber der Geschäftsführer für Bayern, Frank-Ulrich John, beobachtet bei den Gästen ein verändertes Ausgehverhalten. "Die Leute treffen sich früher am Abend und verbringen weniger Zeit im Nachtleben." Aber ist das der einzige Grund für den Erfolg der Tagesbars? Oder steckt noch mehr dahinter?
Kleine Häppchen und Prosecco zu jeder Uhrzeit
Um herauszufinden, was eine Tagesbar ist, fragt man am besten bei einer nach. "Es ist dieses Lebensgefühl aus Italien, um 11 Uhr einen Espresso zu trinken und ein Cornetto zu essen", erklärt Sinah Steinhart. Danach trinkt man dann vielleicht noch einen Prosecco oder Spritz. Steinhart betreibt eine Tagesbar im Münchner Stadtteil Schwabing.
Ihr Mitbesitzer Matthias Wachniuk ergänzt: Man könne hier den ganzen Tag verbringen, von morgens um 8 Uhr bis abends um 20 Uhr. "Du kannst auch um 11 Uhr schon einen Prosecco trinken und niemand schaut dich doof an." Was den Unterschied zu normalen Restaurants ausmache, sei das Essen. "Hier gibt es nur kleine Häppchen." Alles sei ein bisschen unkomplizierter als im Restaurant. Wachniuk und Steinhart sagen, sie sprächen alle Altersgruppen an – die Hauptgruppe sei aber Mitte 30. "Viele Menschen, die abends nicht mehr so feiern gehen. Unter denen sind auch viele junge Familien", so Steinhart.
Mehr Selbstachtsamkeit
Wachniuk glaubt, dass der Erfolg von Tagesbars viel mit dem Trend zu mehr Selbstachtsamkeit zu tun hat. Klar, die Leute würden auch bei ihnen Alkohol trinken. Aber: "Viele wollen untertags fitter sein und den Tag genießen. Wenn du bis in die Nacht rein trinkst, bist du am nächsten Tag verkatert." Da sei der Tag dann erstmal gelaufen. Aber ist tagsüber trinken wirklich achtsamer? Oder sogar besser für den Körper?
"Der Körper unterliegt keinem biologischen Rhythmus beim Alkoholabbau. Der wird tagsüber nicht anders abgebaut als nachts", erklärt Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie an der Universität Bamberg, der zu den Auswirkungen von Alkoholkonsum forscht. Alkohol könne aber Einfluss auf die Schlafqualität haben. Wer abends viel trinkt, schläft womöglich schlechter. Umgekehrt: Wer früher trinkt und abends wieder ausgenüchtert ist, könnte besser schlafen. Die Forschungslage dazu sei aber noch dünn, betont Wolstein.
Ist es wirklich achtsamer?
Langfristig mache es für den Körper keinen Unterschied, zu welcher Tageszeit man trinke, so Wolstein. "Die Frage ist, ob ich überhaupt trinke, und nicht, wann ich das tue." Trotzdem glaubt er nicht, dass Daydrinking zu mehr Konsum führt. "Das ist nicht die Zielgruppe dafür." Das kann auch Steinhart bestätigen. "Wir hatten hier noch nie einen Ausfall in der Bar, dass jemand vollkommen betrunken war." Das liege auch daran, dass nichts Hochprozentiges verkauft wird.
Neben weniger Stress mit Gästen macht noch eine Sache Tagesbars auch für Betreiber attraktiv: Weniger Ärger mit Anwohnern, die sich von Bars abends und nachts gestört fühlen. Wachniuk und Steinhart haben beispielsweise nur eine Teilkonzession, haben also Einschränkungen im Verkauf und bei den Öffnungszeiten. Heißt: Auch am Wochenende ist nur bis 20.30 Uhr geöffnet. Mit einer Vollkonzession hätten sie länger bedienen und mehr Speisen anbieten dürfen, dafür aber mehr umbauen müssen. So sperren sie zu, bevor das Nachtleben Fahrt aufnimmt – und den Ärger mit Anwohnern überlassen sie anderen.
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