Orthopäde Rudolf Dietz und Essings Bürgermeister Jörg Nowy puzzeln das Skelett des "Mannes von Neuessing" aus 67 Einzelteilen zusammen.
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Orthopäde Rudolf Dietz und Essings Bürgermeister Jörg Nowy puzzeln das Skelett des "Mannes von Neuessing" zusammen.
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Orthopäde Rudolf Dietz und Essings Bürgermeister Jörg Nowy puzzeln das Skelett des "Mannes von Neuessing" zusammen.

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Der Ur-Bayer aus dem Altmühltal - Ein ganz besonderes Puzzle

Der Ur-Bayer aus dem Altmühltal - Ein ganz besonderes Puzzle

Sein Fund war eine archäologische Sensation: Der "Mann aus Neuessing" ist ca. 34.000 Jahre alt. Jetzt soll er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – als detailgetreues 3-D-Skelett, das aber erst einmal zusammengepuzzelt werden muss.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau am .

Aus 67 Einzelteilen soll ein Skelett werden – Essings Bürgermeister Jörg Nowy (FCW) und Rudolf Dietz, ein ortsansässiger Orthopäde, nutzen dazu aufwendig erstellte Nachbildungen der Knochen aus dem 3-D-Drucker. Die Originale lagern in der Anthropologischen Staatssammlung in München. Zu wertvoll ist der Fund. Die Knochen wurden schon vor Jahrzehnten im Altmühltal gefunden – sie sind ca. 34.000 Jahre alt. Und somit fast 30.000 Jahre älter als der berühmte Mann aus dem Eis, der "Ötzi".

Vom "Knochen-Puzzle" zum Exponat

Im alten Pfarrhof in Essing, im Kunst- und Kulturzentrum MEMU (externer Link), soll das Skelett jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dafür muss es aber erst einmal zusammengepuzzelt werden. Bürgermeister Jörg Nowy packt also die sorgfältig in Folie verpackten Knochen aus. Er legt die ersten in einen mit schwarzem Granulat gefüllten rechteckigen Schaukasten: "Man hat sowas noch nie gemacht, also ist das eine völlig neue Aufgabe, mit der man selten konfrontiert ist."

Auch für Rudolf Dietz ist es eine spannende Aufgabe, obwohl er sich als Orthopäde mit dem menschlichen Knochenaufbau auskennt: "Normalerweise habe ich mit Knochen zu tun, die noch im Menschen drin sind!" Nach und nach legen die beiden Männer die Knochen aus. Der linke Fuß ist langsam schon erkennbar.

Eine archäologische Sensation – Knochenfund im ehemaligen Bierkeller

Nicht weit vom Kunst- und Kulturzentrum in Essing entfernt wurden die Knochen 1913 gefunden, in den Klausenhöhlen. Schon seit Jahrzehnten gehören sie der ortsansässigen Brauereifamilie von Josef Schneider. Sie sind über 300 Meter lang, und erstrecken sich auf mehrere Felsnischen. 

Mit einer Taschenlampe leuchtet Josef Schneider dorthin, wo das Skelett damals gefunden wurde: "Die Skelettteile sind ungefähr 50 Zentimeter unter dem damaligen Bodenniveau gelegen. Auf einer Felsplatte drapiert, also eine richtige Bestattung." Eine Tatsache, die eine weitere Sensation darstellt, denn es handelt sich somit um eine der ältesten Bestattungen eines modernen Menschen in ganz Europa.

Dass das Grab so lange unbeschädigt blieb, grenzt an ein Wunder. Schließlich dienten diese Höhlen lange Zeit als Bierkeller. Josef Schneider erklärt: "Eine Kegelbahn war da, ein Schießstand war da. So wie man das heute von fränkischen Bierkellern noch kennt." Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde der Bierkeller betrieben – danach wurde er nicht mehr genutzt, weil der Großvater von Josef Schneider eine Kühlmaschine gekauft hatte.

Das Skelett kehrt ins Altmühltal zurück

Über 100 Jahre hat es gedauert, bis das Skelett als 3D-Druck zurück ins Altmühltal kehrt – wenn es Jörg Nowy und Rudolf Dietz gelingt, es zusammenzusetzen. Langsam erkennt man zwar menschliche Umrisse, aber das außergewöhnliche Puzzle hat seine Tücken: Die Proportionen müssen stimmen. 1 Meter 63 war der Eiszeitjäger groß und die müssen auch in den Schaukasten passen. Noch einmal müssen die beiden Männer die Knochen zurechtrücken.

So sah der Ur-Bayer aus: dunkle Haut und schwarze Haare

Es ist ein Glück, dass die Knochen so viel über den "Mann aus Neuessing" verraten können. Beinahe wäre das unmöglich gewesen: Nach dem Fund wurden die Knochen mit Lack überzogen, um sie zu konservieren. Damals Standard, heute undenkbar, weil der Lack wertvolle DNA kontaminiert. Nur ein winziges Stück wurde übersehen, etwa so groß wie ein Reiskorn, und dadurch konnten die Forscher spannende Details herausfinden – zum Beispiel, dass der Mann dunkle Haut und schwarze Haare hatte. Dass er sich von Fischen, Wildpferden oder Rentieren ernährte und vermutlich deshalb auch keinerlei Karies hatte.

Nach eineinhalb Stunden ist das Skelett fertig zusammengesetzt. Schön drapiert liegt es im Schaukasten. Bürgermeister Jörg Nowy freut sich: "Das war eigentlich die Urbesiedelung Bayerns. Deshalb sag ich immer: 'Der Ur-Bayer muss eigentlich ein Essinger gewesen sein.'"

Und damit kehrt der "Mann aus Neuessing" – zumindest als 3-D-Druck – wieder heim ins Altmühltal. Am 18. April eröffnet die 4. Kunstausstellung im MEMU Essing – eines der Höhepunkte ist dort sicherlich der zusammengepuzzelte Ur-Bayer.

Im Video: Der Ur-Bayer aus dem Altmühltal - Ein ganz besonderes Puzzle

1913 gab es in Bayern einen spektakulären Fund: Knochen eines Mannes, die rund 30.000 Jahre älter sind, als die von "Ötzi".
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1913 gab es in Bayern einen spektakulären Fund: Knochen eines Mannes, die rund 30.000 Jahre älter sind, als die von "Ötzi".

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