Das vergangene Jahr hätte für Annabel und Frederic ein glückliches werden sollen. Sie wollten den Anfang eines neuen Lebens feiern, eine Familie gründen. Stattdessen halten sie in der Geburtsklinik einen Flyer des Münchner Sternenkind-Netzwerks in der Hand. Denn auch ihr Sohn ist ein Sternenkind.
Kurz vor dem Geburtstermin spürt Annabel, die wie Frederic ihren vollen Namen nicht nennen will, keine Kindsbewegungen mehr. Beim Arzt bringt ein Ultraschall die Gewissheit: Das Herz ihres Sohnes schlägt nicht mehr. Annabel muss ihr Kind tot zur Welt bringen.
Wenn Eltern ihr Kind verlieren
Was Annabel und Frederic erleben mussten, betrifft jedes Jahr tausende Familien in Deutschland (externer Link, möglicher Bezahlinhalt). Laut Statistischem Bundesamt liegt die Zahl bei etwa 4 bis 4,5 Totgeburten je 1.000 Geburten. Der Verlust eines Kindes hat nicht nur psychische Folgen: Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) zeigt, dass Frauen nach einer Fehl- oder Totgeburt einen langfristigen Rückgang ihrer körperlichen Gesundheit (externer Link, möglicher Bezahlinhalt) erfahren.
Erst zu Hause wird ihnen klar, dass sie den Verlust nicht allein verarbeiten können. Der schwerste Schritt sei gewesen, sich einzugestehen, dass sie Unterstützung brauchen: "Dass man Hilfe braucht und dass man so ein Netzwerk in Anspruch nehmen will oder muss", sagt Annabel.
Hilfe für Sternenkinder-Eltern
Am anderen Ende der Leitung war damals Astrid Gosch-Hagenkord. Sie arbeitet für das Münchner Sternenkind-Netzwerk (externer Link, möglicher Bezahlinhalt), ein Projekt des Vereins Verwaiste Eltern und Geschwister. Die Trauerbegleiterin unterstützt Eltern, die ihr Kind vor, während oder nach der Geburt verloren haben.
In den ersten Wochen nach dem Verlust gehe es vor allem darum, zuzuhören und erreichbar zu bleiben. In akuten Fällen gibt sie den Eltern ihre private Handynummer. Ihre Erfahrung habe gezeigt: "Zu wissen, da ist jemand, die kann ich anrufen, die ist belastbar, das ist jetzt nicht meine Mama oder Schwester, die selbst in der Trauer sind, das gibt eine unheimliche Stabilität."
In den Einzelgesprächen gehe es um den ersten Schock, ums Schweigen, Reden und Aushalten. Nach zwei Monaten besuchen Annabel und Frederic Gruppenstunden. Dort treffen sie andere Eltern und erleben, wie tröstlich dieser Austausch ist. "Das war für uns von Beginn an das, was uns sehr geholfen hat, dass man merkt, man ist nicht alleine", sagt Annabel.
Eine Kerze als Erinnerung
Von anderen Familien bekommen sie Ideen, wie sie ihrem Sohn im Alltag einen Platz geben können. Oft sind es kleine Rituale – bei Annabel und Frederic eine Kerze, die für ihren Sohn leuchtet. Besonders an Feiertagen gibt das Halt. Es gibt Tage, an denen die Trauer wieder stärker spürbar wird. Der erste Geburtstag ihres Sohnes steht bevor. Frederic fragt sich, ob man feiern oder trauern soll, "weil es einerseits schön ist, dass er jetzt ein Jahr alt wäre, aber andererseits traurig, weil er eben nicht so bei uns ist, wie wir uns das vorgestellt und gewünscht haben".
Die Trauer bleibt
Astrid Gosch-Hagenkord kennt dieses Gefühl gut. Vor 20 Jahren musste sie ihre Tochter tot zur Welt bringen. Noch heute könne die Trauer unvermittelt zurückkehren. "Vor ein paar Monaten stand ich in der Küche, das Radio lief, und ich dachte, was ist denn jetzt los?" Erst später habe sie gemerkt, dass ein Lied lief, das sie an die Musik der Beerdigung erinnerte. Diese Gefühle hätten auch nach Jahren ihre Berechtigung. Sie sagt, dass sie ihre Tochter natürlich gerne bei sich hätte, ihr Tod ihr aber auch etwas anderes hinterlassen habe, neue Gedanken und die Erkenntnis: "Ich darf mich auch um mich selbst kümmern".
Auch Annabel und Frederic haben ihren eigenen Weg im Umgang mit der Trauer gefunden. Annabel beschreibt sie als "wahnsinnig anstrengend", aber auch als etwas, das von Liebe zeugt: "Um ein Kind oder um einen geliebten Menschen zu trauern, ist ja auch ein Zeichen davon, dass man viel Liebe verspürt zu diesem Menschen."
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