Pressekonferenz in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg: Die Vorstandsvorsitzende Andrea Nahles präsentiert die monatlichen Zahlen. Seitlich neben ihr steht Sabrina Özalp vor einer Kamera. Sie ist Gebärdensprachdolmetscherin und übersetzt simultan in visuelle Sprache.
Gebärdensprache dolmetschen: Ein Kraftakt des Gehirns
Konjunktur, Ausbildungsmarkt, Hilfebedürftigkeit: "Es gibt natürlich Begriffe, die schwierig zu übersetzen sind", sagt die 35-Jährige im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. Diese können zwar zur Not buchstabiert werden, hinzu kommt aber, dass nicht Wort für Wort, sondern Zusammenhänge und Inhalte übersetzt werden müssen.
Die Inhalte der Pressekonferenz kann Özalp vorbereiten, sie hat vorab einen Sprechzettel erhalten. Nicht alle ihre Termine verlaufen aber so: Denn Özalp übersetzt nicht nur für die Bundesagentur, sie arbeitet im medizinischen Bereich, bei Gericht oder bei politischen Terminen. Gerade das simultane Übersetzen kann besonders herausfordernd sein: Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher können deswegen auch nur etwa 30 Minuten am Stück gut dolmetschen, erklärt Özalp.
Gebärdensprachdolmetscher: Beruf mit Mensch im Vordergrund
Viele ihrer Klientinnen und Klienten kennt die Dolmetscherin schon lange persönlich. Loredana Hanganu ist eine von ihnen. Seit sieben Jahren begleitet Özalp die junge Frau unter anderem zu Arztterminen. Sekundenschnell übersetzt sie Fragen, Befunde und weiteres Vorgehen und beide Seiten, die Patientin und der Arzt, fühlen sich verstanden.
"Ohne Dolmetscherin wäre es für mich sehr schwierig zu kommunizieren mit hörenden Personen", erklärt Hanganu im Gespräch. In ihrer Muttersprache, also der Gebärdensprache, zu kommunizieren, ist ihr auch das Angenehmste.
Özalp: Inklusion nur durch Gebärdensprache möglich
Eigentlich wollte Özalp aber nie Dolmetscherin werden. Ihre Eltern sind beide gehörlos. Die 35-Jährige musste schon als Kind viel übersetzen. In jungen Jahren hat sie ihr Können noch als Last empfunden – das Dolmetschen wollte sie deswegen nie zum Beruf machen. Erst nachdem Gehörlose auf die 35-Jährige zukamen, erkannte sie die Wichtigkeit und entschied sich doch für eine berufsbegleitende Ausbildung.
Mit der Gebärdensprache können sich gehörlose Menschen leichter austauschen, denn ohne müssten sie auf andere Hilfsmittel wie das Schreiben zurückgreifen. Özalp findet, nur durch die Gebärdensprache kann man Kommunikation so inklusiv und gerecht wie möglich machen.
60 bis 80 Prozent: Gehörlose Menschen haben oft Leseprobleme
Da die geschriebene Sprache auf einer Lautsprache fußt, ist diese für gehörlose Menschen oft nur mit hohen Hürden zu erlernen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (externer Link) erklärt, dass davon auszugehen ist, dass 60 bis 80 Prozent der gehörlosen Menschen Leseprobleme haben. Man spricht auch von funktionalem Analphabetismus, wenn Betroffene einzelne Wörter oder Sätze, nicht aber komplexere, zusammenhängende Texte verstehen können.
Es ist deswegen nicht einfach damit getan, Konversationen schriftlich zu führen oder Filme zu untertiteln, erklärt Gebärdensprachdolmetscherin Özalp. Gerade aus diesem Grund findet die 35-Jährige ihren Job so wichtig. Sie baut mit ihrem Dolmetschen Brücken und schafft es so jeden Tag, die Barrieren ein Stück kleiner zu machen. Gerade dass der Mensch im Vordergrund steht, sei das Schöne.
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