Die zwei Bohrtürme sind bald Vergangenheit - in Geretsried kommt die Geothermie-Revolution ins Stocken.
Die zwei Bohrtürme sind bald Vergangenheit - in Geretsried kommt die Geothermie-Revolution ins Stocken.
Bild
Die zwei Bohrtürme sind bald Vergangenheit - in Geretsried kommt die Geothermie-Revolution ins Stocken.
Bildrechte: Eavor
Schlagwörter
Bildrechte: Eavor
Audiobeitrag

Die zwei Bohrtürme sind bald Vergangenheit - in Geretsried kommt die Geothermie-Revolution ins Stocken.

Aktualisiert am
Audiobeitrag
Erschien zuerst am
>

Geothermie-Revolution auf Eis: Bohrtürme werden abgebaut

Geothermie-Revolution auf Eis: Bohrtürme werden abgebaut

Als Geothermie-Revolution gefeiert, jetzt ausgebremst: Das Energieunternehmen Eavor zieht die Bohranlagen aus Geretsried ab. Der zweite Loop liegt auf Eis. Was das für die Fernwärmepläne der Stadt und die Millionenförderung der EU bedeutet.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Oberbayern am .

Die Erwartungen waren groß: Als der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im August 2023 die Baustelle in Geretsried besuchten, galt das Projekt als möglicher Durchbruch für die Geothermie. Mit einer neuartigen Bohrtechnik sollte Erdwärme auch dort nutzbar werden, wo natürliches Thermalwasser fehlt. Scholz bezeichnete das Vorhaben als "technische Meisterleistung". Söder sprach von einer großen Chance für die Energieversorgung der Zukunft.

Drei Jahre später steht das Vorzeigeprojekt vor einem erneuten Rückschlag: Der kanadische Betreiber Eavor zieht beide Bohranlagen vom Standort ab. Der Bau des zweiten sogenannten Loops wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Wann die Arbeiten weitergehen, ist offen. Als Grund nennt das Unternehmen die hohen Kosten für die Bohranlagen und die dazugehörigen Dienstleistungen, solange diese nicht eingesetzt werden.

Stadt Geretsried kritisiert kurzfristige Information

Die Stadt Geretsried ist enttäuscht und kritisiert gegenüber BR24, dass sie und die Isar Loisach Naturwärme GmbH erst kurzfristig über die Verzögerung informiert worden seien. Die Folgen für die Wärmeplanung sind erheblich: Zwar gibt es seit 2024 einen Wärmeliefervertrag mit Eavor, doch Leistung und Wirtschaftlichkeit müssen wegen der veränderten Projektbedingungen neu bewertet werden.

Ohne einen verbindlichen Zeitplan für den zweiten Loop kann die Stadt weder den Beginn der Fernwärmeversorgung noch deren großflächigen Ausbau verlässlich planen. Deshalb prüft sie auch alternative oder ergänzende Möglichkeiten der Wärmeerzeugung.

Probleme beim ersten Loop kosteten Zeit und Geld

Der Eavor-Loop soll Erdwärme auch dort nutzbar machen, wo kein natürliches Thermalwasser vorhanden ist. Dafür zirkuliert Wasser in einem geschlossenen Rohrsystem tief im heißen Gestein und nimmt Wärme auf, die für Strom und Fernwärme genutzt werden soll.

Doch schon beim Bau des ersten Loops gab es technische Probleme: Die beiden vertikalen Stammbohrungen waren nach Angaben von Eavor nicht ausreichend zementiert. Dadurch gelangten Flüssigkeit und Bohrklein in bereits gebohrte horizontale Abschnitte. Eavor musste die Arbeiten deshalb nacheinander statt parallel durchführen. Das kostete Zeit und Geld.

Ursprünglich waren zwölf horizontale Bohrungspaare geplant. Fertiggestellt wurden sechs, nur vier davon vollständig. Im Dezember 2025 speiste die Anlage erstmals Strom ins öffentliche Netz ein. Nach Angaben von Eavor lag die elektrische Leistung zuletzt bei rund 8,5 Megawatt. Die geplante Fernwärmeversorgung ist dagegen bislang nicht angelaufen.

Bildrechte: Eavor
Bildbeitrag

Die Eavor Technik funktioniert wie eine Fußbodenheizung.

91,6 Millionen Euro EU-Zuschuss – was passiert jetzt?

Auch die Finanzierung rückt durch die Verzögerung in den Mittelpunkt. Für das Geothermieprojekt hat der Europäische Innovationsfonds einen Zuschuss von 91,6 Millionen Euro bewilligt. Zusätzlich wurde eine Finanzierung über einen Kredit der Europäischen Investitionsbank von bis zu 45 Millionen Euro angekündigt.

Welche Folgen die Verschiebung des zweiten Loops für diese Finanzierung hat, ist bislang offen. Entscheidend ist unter anderem, wie viel des bewilligten EU-Zuschusses bereits ausgezahlt wurde und welche Bedingungen und Fristen an die Förderzusage geknüpft sind. Auch die Frage, ob bereits ausgezahlte Mittel bei einer längeren Verzögerung zurückgezahlt werden müssen, ist ungeklärt.

Der Bayerische Rundfunk hat dazu beim EU-Innovationsfonds nachgefragt. Eine Rückmeldung lag zunächst nicht vor. Aus der bewilligten Fördersumme allein lässt sich nicht ableiten, wie viel Geld bereits geflossen ist oder ob eine Rückzahlung droht.

Von der Energie-Revolution zur Realität

Eavor hält an Geretsried als Vorzeigeprojekt fest. Die dort gewonnenen Erfahrungen sollen als Grundlage für weitere Anlagen dienen. Doch die anfängliche Aufbruchstimmung ist inzwischen einer Reihe von Rückschlägen gewichen.

Als Olaf Scholz und Markus Söder 2023 die Baustelle besuchten, wurde das Projekt als möglicher Durchbruch für die Geothermie gefeiert. Die Technik sollte Erdwärme auch dort nutzbar machen, wo natürliches Thermalwasser fehlt. Mit dem Abzug der Bohranlagen und dem Aufschub des zweiten Loops ist dieses Versprechen vorerst nicht eingelöst.

Für Geretsried bleibt offen, wann die geplante Fernwärme verfügbar sein wird. Eavor will zunächst die wirtschaftlichen Voraussetzungen verbessern, während die Stadt ihre Wärmeplanung neu bewerten muss. Der zweite Loop bleibt dafür entscheidend – doch wann er gebaut wird, ist unklar.

Dieser Artikel ist erstmals am 15. Oktober 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!