"Bildet Banden" steht auf dem großen Stofftuch, das Sophie, Antonia und Denise für die Fahrraddemo in München besprüht haben. Das ist das Motto des Protests, auch in Augsburg, Kempten und Regensburg gehen heute Hebammen auf die Straße. Antonia Mühlbauer, 29, ist stellvertretende Sprecherin der Jungen und werdenden Hebammen (JuWeHen) in Bayern. Trotz ihres fordernden Berufsalltags engagieren sich die drei politisch – weil sie finden, dass sich dringend etwas ändern muss.
Weniger Geld für viele Hebammen
Der neue Hebammenhilfevertrag, der seit November 2025 gilt, sollte eigentlich Verbesserungen bringen. Tatsächlich wurde die Bezahlung in Teilen reformiert, die 1:1-Betreuung wird besser vergütet, der normale Stundenlohn steigt von 41 auf 59 Euro. Unter der Geburt im Kreißsaal kann die Vergütung auf über 80 Euro steigen. Doch gleichzeitig wurde die Parallelbetreuung deutlich schlechter bezahlt, also wenn eine Hebamme mehrere Frauen gleichzeitig betreut.
Für einige Hebammen bringt der Vertrag Vorteile, vor allem im außerklinischen Bereich. Antonia arbeitet freiberuflich in der Vor- und Nachsorge und wird nun im Fünf-Minuten-Takt statt über Pauschalen bezahlt. Das ermöglicht ihr, sich mehr Zeit für einzelne Frauen zu nehmen – und diese Zeit auch besser abzurechnen. Gleichzeitig kann sie dadurch insgesamt weniger Frauen betreuen.
Anders ist die Lage in Kliniken, dort ist die Situation angespannter. Die Vergütung für mehrere parallele Geburten ist jetzt gestaffelt – und sinkt mit jeder weiteren Betreuung. Für die vierte Geburt gibt es gar kein Geld. Obwohl das nur freiberufliche Hebammen in Kliniken betrifft, ist das für Antonia ein "Skandal", eine "große Ungerechtigkeit" und "weit weg von der Praxis". Und immerhin: in Bayern arbeiten rund 75 Prozent der Geburtsstationen mit freiberuflichen Hebammen, sogenannten Beleghebammen.
Auch die Vorsitzenden des Bayerischen Hebammen Landesverbands (BHLV), Mechthild Hofner, sagt: Es ist unrealistisch, an allen Kliniken genug Hebammen vor Ort zu haben, um eine 1:1-Betreuung zu garantieren. Für Antonia steht fest: Damit nicht noch mehr Hebammen kündigen, muss sich vor allem die Bezahlung ändern.
Viele denken ans Aufhören
Fast jede zweite Hebamme denkt laut Deutschem Hebammenverband darüber nach, den Beruf aufzugeben.
Neben der Bezahlung kritisieren viele auch die Bürokratie. Antonia weiß, wie groß der Aufwand ist, "Rechnungen zu stellen, die man dann oft von der Krankenkasse auch wieder zurückbekommt, weil Kürzungen vorgenommen wurden. Man muss Einspruch erheben und das ist einfach wirklich ein großer Teil der Hebammenarbeit."
Obwohl der Hebammenhilfevertrag zum 1. April nachgebessert wurde, bleibt der Deutscher Hebammenverband nur teilweise zufrieden. Es gibt mehr Geld, neue abrechenbare Leistungen etwa für Beleghebammen, flexiblere Vergütungsregeln wie beim Zuschlag für die 1:1-Betreuung und weniger Bürokratie bei Dokumentation und Abrechnung. Die Verbesserungen könnten finanzielle Einbußen jedoch allenfalls abmildern und seien "nicht viel mehr als ein Trostpflaster", so die Verbandspräsidentin Annika Wanierke.
Forderungen: mehr Anerkennung und Reformen
Neben einer fairen Bezahlung fordern die Jungen und Werdenden Hebammen auch: eine kontinuierliche Betreuung von Schwangeren, verlässliche Versorgung überall und mehr Anerkennung für ihre Arbeit von der Politik.
Für Antonia ist der Beruf mehr als nur ein Job: "Weil ich Frauen unterstützen kann – in der Lebensphase, die so wichtig ist oder so vulnerabel." Aufhören möchte sie nicht, wünscht sich aber mehr politische Aufmerksamkeit.
Nach jahrelangen Verhandlungen ist sie vom Ergebnis enttäuscht. Sie vermisst einen Inflationsausgleich und strukturelle Reformen.
Zum Beispiel: Dass Hebammen als Primärversorgerin stärker anerkannt werden. Das würde bedeuten, dass sie normale Schwangerschaften eigenständig betreuen und nur bei Auffälligkeiten an Gynäkologen überweisen: "Die Frauen sind nicht krank", sagt Antonia, "und brauchen nicht so eine Überversorgung."
Auch Denise Miethke vom Bayerischen Hebammen Landesverband sieht Probleme – vor allem bei Hausgeburtshebammen. Viele gäben auf, weil sie die hohen Haftpflichtversicherungen kaum noch bezahlen könnten. Damit es sich rechnet, müssten die Hebammen viele Geburten und Familien gleichzeitig begleiten.
Neue Energie bei jungen Hebammen
Trotz der schwierigen Lage beobachtet Denise nach 27 Jahren im Beruf einen Wandel. Mehr Energie, mehr Kampfgeist – und den Willen, etwas zu verändern. Junge Hebammen heute könnten mehr bewirken als früher. In ihrer eigenen Ausbildung sei man deutlich zurückhaltender gewesen: "Wir haben schon mehr gekuscht."
BR24 auf TikTok: Darum demonstrieren Hebammen
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