Anke Potzel zieht ihrem 16 Jahre alten schwerbehinderten Sohn Jaron die Orthesen an.
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Schwerbehinderten Kindern in Bayern ist plötzlich der Betreuungsplatz gekündigt worden. Betroffen sind vor allem Kinder alleinerziehender Mütter.
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Schwerbehinderten Kindern in Bayern ist plötzlich der Betreuungsplatz gekündigt worden. Betroffen sind vor allem Kinder alleinerziehender Mütter.

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Kinder mit Behinderung und die Angst der Mütter vor der Zukunft

Kinder mit Behinderung und die Angst der Mütter vor der Zukunft

Schwerbehinderten Kindern in Bayern ist plötzlich der Betreuungsplatz gekündigt worden. Betroffen sind vor allem Kinder alleinerziehender Mütter. Warum das kein Zufall ist und wovor die Mütter jetzt besonders große Angst haben.

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Vor der Heilpädagogischen Tagesstätte in Bayreuth stehen Mütter. Sie haben früher als geplant ihre Arbeit beendet und holen ihre schwerbehinderten Kinder nach Hause. Nach der Förderschule am Morgen konnten die Kinder bis vor Kurzem den Nachmittag in der Tagesstätte verbringen. Konnten dort mit ihren Freunden essen, schlafen und spielen. Dazu erhielten sie wichtige Therapien und die Eltern ein wenig Zeit. Dann wurde ihnen binnen weniger Tage der Betreuungsplatz gekündigt – weil Fachkräfte fehlen. Die Mütter traf das wie ein Blitz. Auffallend viele von ihnen sind alleinerziehend.

In der BR24-Community sorgt das für Diskussionen über Väter, die sich wegen der Behinderung ihrer Kinder aus dem Staub gemacht hätten, und über die Folgen, die das für die Mütter habe. Über sie schreibt BR24-Userin "Muenchnerin26": "Das kommt zu dem eigentlichen Problem noch hinzu, da diese oftmals von Armut besonders betroffen sind."

Aber ist das so? Und wenn ja, warum? Der Reihe nach:

Nur etwa jede fünfte Frau, die an diesem Mittag ihr Kind abholt, hat zuhause einen Partner an ihrer Seite – ein auffallend geringer Anteil. Selbsthilfevereine teilen diese Beobachtung. "Unser Eindruck ist, dass es bei behinderten Kindern mehr alleinerziehende Mütter gibt", sagt Henriette Högl vom Verein Kindernetzwerk.

Und bei "siaf", einer Münchner Initiative alleinerziehender Mütter, kennt Roswitha Zirngibl Studien, wonach Kinder mit Behinderung fast doppelt so oft mit nur einem Elternteil aufwachsen wie Kinder ohne Behinderung. Erst vergangenes Jahr hat das Deutsche Jugendinstitut [externer Link] gezeigt, dass die Behinderung des Kindes häufig ein Trennungsgrund sein kann.

Mütter mit schwerbehinderten Kindern an der Belastungsgrenze

Die Gründe dafür sind komplex: Zu sehr kommen die Eltern behinderter Kinder an ihre Belastungsgrenze, haben kaum Zeit, durchzuatmen, sagt Högl vom Kindernetzwerk. Unstrittig ist, dass die Pflege im Trennungsfall fast immer der Mutter zufällt. "Viele werden zur Löwenmutter", sagt Anke Potzel, eine der Mütter in Bayreuth, die mit der Betreuung ihres schwerbehinderten Sohnes alleine ist.

Eigentlich alle von der Kündigung der Tagesstätte betroffenen Mütter können ein Lied von der Überlastung singen. Die ständige Auseinandersetzung mit Behörden und Krankenkasse sei "nervenaufreibend und kräfteraubend". Otti Bauer, Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom, erzählt von Widersprüchen, die es in endlosen Gesprächen aufzulösen gelte. Seit dem Säuglingsalter müsse sie um jede Unterstützung kämpfen.

Fehlende Betreuung setzt Abwärtsspirale in Gang

Gleichzeitig wird durch fehlende Unterstützung eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, warnt Högl: Wo weniger Zeit für Arbeit, da weniger Einkommen und weniger Rente. Stattdessen Zuzahlungen zu Medikamenten und Hilfsmitteln. Die Geschäftsführerin des Kindernetzwerks schätzt, dass eine Familie mit behindertem Kind jedes Jahr mehrere Zehntausend Euro weniger zum Leben hat als andere – "enorme Summen" über die Jahre, sagt Högl.

Vor der Angst vor Altersarmut berichten sie daher alle. Korinna Losert zum Beispiel, die trotz behindertem Kind wieder Vollzeit arbeiten geht. Aus Angst vor Altersarmut, aber auch, um vorzusorgen für Sohn Karl: "Ich weiß, dass sich mein Kind nie selbst versorgen können wird und ich ihm gegenüber eine lebenslange, auch finanzielle Verantwortung haben werde", sagt Losert.

Ohne Betreuung? "Dann bin ich nicht mehr arbeitsfähig"

Ramona Limke hat für ihren Sohn Aaron seit einigen Wochen nur noch jeden zweiten Tag einen Betreuungsplatz. Gerade noch so konnte sie eine vollständige Kündigung abwenden. Limke ist selbstständig und sagt: "Wenn der Platz für meinen Sohn in der Tagesstätte ganz wegfällt, bin ich nicht mehr arbeitsfähig."

Limke und andere Mütter, denen die Tagesstätte noch nicht komplett gekündigt hat, hoffen, dass ihre Kinder auch nach den Sommerferien noch betreut werden können. Denn arbeiten wollen sie alle. Nur jede dritte alleinerziehende Mutter mit behindertem Kind ist ganz aus dem Job ausgeschieden. Ist der Vater noch anwesend, sind es mehr, auch das zeigt der jüngste Bericht des Jugendinstituts.

Ein Blick nach Bayreuth zeigt aber auch: Manche der alleinerziehenden Mütter können nicht einmal mehr halbtags, sondern nur noch stundenweise einer Arbeit nachgehen. Zu groß sind inzwischen die Betreuungslücken und zu viel Zeit frisst der Schriftwechsel mit Behörden und Kassen. "Und so rutschen die Frauen trotz Arbeit in die Armutsfalle ab", sagt Zirngibl vom Selbsthilfeverein "siaf". Gleichzeitig fehlt ihnen für sich selbst die Zeit.

Angst der Mütter vor der Pflegereform

Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Mit den Plänen der Bundesregierung, die Pflegekasse zu entlasten, sehen die Mütter weitere Verschlechterungen auf sich zukommen. So sollen Rentenbeiträge für pflegende Mütter deutlich reduziert und die sogenannte Verhinderungspflege gekürzt werden. Das ist Geld, das bisher floss, wenn Pfleger ausfielen und spontan Ersatz gefunden werden musste. Die Mütter vor der Tagesstätte in Bayreuth fanden gerade diese Unterstützung gut, weil sie Spielraum für die jeweiligen Lebensverhältnisse ließ. Und auch wenn beim Unterhaltsvorschuss gespart wird, trifft das die alleinerziehenden Mütter und ihre behinderten Kinder.

Ex-Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verteidigte die Pläne damit, dass sie einen breiten Ansatz gewählt habe. Dass also möglichst viele einen Beitrag zu den Einsparungen leisten sollten. Sozialverbände hingegen kritisieren die Pläne scharf. Zirngibl von "siaf" sagt, sie sei "sprachlos und entsetzt". Es treffe schließlich die, die sowieso schon kämpfen, überlastet sind und täglich an ihre Grenzen gehen. "Der Aufschrei in der Gesellschaft müsste viel größer sein", sagt Zirngibl.

Im Video: Schwer behinderte Kinder plötzlich ohne Betreuung

Der 16 Jahre alte schwerstbehinderte Jaron Potzel sitzt auf der Rückbank eines Autos. Seine Mutter Anke Potzel schnallt ihn gerade an. Jaron wird aus der Föderschule abgeholt, weil ihm der Betreuungs- und Therapieplatz in einer Heilpädagogischen Tagesstätte in Bayreuth gekündigt wurde.
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Jaron wir von seiner Mutter abgeholt. Der Familie wurde der Betreuungs- und Therapieplatz in einer Heilpädagogischen Tagesstätte gekündigt.

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