Nach dem Tod ihres Mannes fühlt sich Johanna einsam. Ihren echten Namen möchte sie nicht veröffentlichen. Mehr als ihr halbes Leben war sie mit ihm zusammen. "Ein absoluter Schock natürlich", sagt die 63-Jährige aus der Oberpfalz. "Wir waren 43 Jahre zusammen." Um neue Leute kennenzulernen, meldet sie sich bei der Freizeit-App "Meet5" an. Dort schreibt sie ein Mann an, der ihr Leben für kurze Zeit auf den Kopf stellt.
Vom Flirt zur Betrugsmasche
Anton, wie er sich nennt, wirkt attraktiv und erfolgreich. Sein Profil: 60 Jahre alt, Architekt, gerade nach München gezogen, zuvor in Dublin und den Niederlanden gelebt. "Das Foto allein – der hätte gar nichts schreiben müssen. Ich war wirklich blind", sagt Johanna. "Das Foto hat mich absolut überzeugt und angezogen."
Was sie damals nicht ahnt: Hinter dem Profil steckt kein Architekt, sondern ein Betrüger. Nach Angaben der bayerischen Polizei beginnen Love-Scam-Fälle häufig nach demselben Muster: attraktive Fotos, ein spannender Lebenslauf und großes Interesse am Leben des Gegenübers.
Auch Johanna lässt sich darauf ein, obwohl Freunde sie warnen. "Jeder hat mich gewarnt, ich habe es nicht gehört", erzählt sie. "Alle haben gesagt: 'Pass bitte auf!' Nein, nein, nein. Bei mir ist das nicht so, das ist kein Fake."
Die beiden schreiben immer häufiger. "Ich muss ganz ehrlich sagen, das hat gar nicht lang gedauert. Er wurde einfach immer einfühlsamer", sagt Johanna. Sie erzählen sich Privates, auch vom Tod ihres Mannes. Genau dieses Vertrauen wollen Täter laut Polizei aufbauen, bevor sie ihre Opfer unter Druck setzen.
Warnzeichen, die sie übersieht
Johanna will mehr als nur mit Anton schreiben. Doch ein Treffen kommt nie zustande. Kurz vorher sagt Anton ab. Angeblich muss er beruflich nach Istanbul, um dort ein Hotel einzurichten. Stattdessen schreibt er weiter – jeden Tag.
Schon zuvor bittet er Johanna, den Chat auf WhatsApp zu verlegen und Meet5 zu löschen. Auch das gilt laut bayerischer Polizei als typisches Warnsignal: Betrüger versuchen oft, die Kommunikation auf Messenger außerhalb der Plattform zu verlagern. "Ich hab zweieinhalb Wochen eine absolute rosarote Brille aufgehabt", sagt Johanna heute.
Eine Nachricht verändert alles
Dann kommt die Nachricht, die alles verändert. "Dann hat er mich gefragt, ob ich ihm helfen kann. Hab ich gesagt: 'Natürlich, selbstverständlich.' Und dann hat er gesagt, er muss sehr viele Rechnungen bezahlen und sein Offshore-Konto funktioniert hier nicht. Ob ich für ihn Überweisungen tätigen kann?"
In diesem Moment wird Johanna stutzig. "Warum wurde ich stutzig? Das war das Wort Offshore-Konto. Und auf einmal fiel mir der Enkeltrick ein." Sie überweist kein Geld, beendet sofort den Kontakt und erstattet Anzeige.
Als plötzlich Geld ins Spiel kommt, wird Johanna misstrauisch.
Laut dem Global Financial Crime Report 2026 [externer Link] verloren Menschen in Deutschland allein 2025 rund 380 Millionen Euro durch Love Scamming. Das entspricht etwa 86 Prozent der in der EU erfassten Schäden dieser Betrugsmasche. Aktuelle Zahlen für Bayern gibt es nicht. Das Landeskriminalamt veröffentlicht sie nicht, weil Love Scam in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert erfasst wird und Auswertungen aus dem Vorgangssystem als nicht belastbar gelten. Bekannt ist aber: Schon vor wenigen Jahren registrierte die Polizei Hunderte Anzeigen und Schäden in Millionenhöhe.
Was Betroffene wissen sollten
Meet5 teilt auf BR24-Anfrage mit, Love Scamming komme auf der Plattform nur in wenigen Einzelfällen vor. Täglich würden rund 1.000 Profile überprüft. Das Unternehmen rät, zunächst auf der Plattform zu bleiben, einen Videoanruf vorzuschlagen und niemals Geld an Menschen zu überweisen, die man nicht persönlich kennt.
Genau darauf weist auch die bayerische Polizei hin: Love Scammer arbeiten mit wiederkehrenden Mustern. Sie täuschen mit fremden Fotos eine falsche Identität vor, bauen über Wochen Vertrauen auf und bringen schließlich Geld ins Spiel.
Johanna möchte deshalb ihre Geschichte erzählen. Ihr Rat: "Einfach anhand dieser Chatverläufe diese Muster rausfiltern. Es waren einfach Muster da. Wichtig ist natürlich auch: Lasst euch nicht von Fotos blenden."
Dieser Artikel ist erstmals am 20. Juli 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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