Ein sich drehendes Roulette.
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Glücksspiel hat sich in den vergangenen Jahren stark ins Netz verlagert.
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Glücksspiel hat sich in den vergangenen Jahren stark ins Netz verlagert.

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Online-Casinos und Sportwetten: Ex-Zocker gegen die Spielsucht

Online-Casinos und Sportwetten: Ex-Zocker gegen die Spielsucht

Glücksspiel ist längst nicht mehr die geheime Pokerrunde im Hinterzimmer einer Kneipe oder der Casino-Besuch am Wochenende. Die Möglichkeiten zu zocken sind durch das Internet quasi grenzenlos. Das birgt viele Risiken, vor denen Betroffene warnen.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Niederbayern und Oberpfalz am .

Spielsucht – eine Sucht, die anders als Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, oft lange im Verborgenen bleibt. Bis das Kartenhaus irgendwann zusammenbricht und Betroffene pleite sind. Oft zerbrechen ganze Familien, Existenzen gehen kaputt.

Der Betroffenenbeirat Bayern [externer Link] bezeichnet sich als Stimme der Spielerinnen und Spieler, weist auf Hilfsangebote hin und will auf Gefahren aufmerksam machen, besonders bei jungen Menschen. Aktuell sind sie an Schulen in Regensburg unterwegs.

Erster Glückspiel-Kontakt in der Kindheit

"Ich glaube zu wissen, mein erster Kontakt zum Glücksspiel, da war ich sieben Jahre alt." So beginnt Christian Hummel vom Betroffenenbeirat Bayern seinen Vortrag vor einer Regensburger Berufsschulklasse. Der 56-Jährige war 30 Jahre lang spielsüchtig, verlor Haus und Hof. Zusammen mit anderen Ex-Zockern erzählt er jungen Menschen seine Geschichte.

Bei ihm fing alles zunächst ganz harmlos an, mit 20 Pfennig an einem Spielautomaten. "Dann hat sich alles gedreht, dann sind drei Siebener gekommen, dann hat der natürlich eine Melodie gespielt, alle Lichter haben geleuchtet. Also für mich hat sich das eingeprägt: Ich hab was gewonnen."

Spielsucht zerstört Existenzen

Spielen – das gehörte schon immer zum Leben von Christian Hummel dazu. Bis eines Tages kein Geld mehr da war. Er sei depressiv geworden, erzählt der 56-Jährige. Das sei so schlimm geworden, dass er sich das Leben nehmen wollte. Dann habe er verstanden: "Ich brauche Hilfe." Noch heute besuche er regelmäßig eine Selbsthilfegruppe.

Eine lange Zocker-Karriere hat auch Peter Kratzer vom Betroffenenbeirat hingelegt. Poker, Black-Jack, Börsenspekulationen: Der Regensburger verzockte einst mehr als zwei Millionen Euro, als Bankberater veruntreute er Kundengelder, landete am Ende im Gefängnis. Dort bekam er Hilfe, unter anderem von der Caritas.

Junge Menschen zocken online

Die Geschichten der Ex-Spieler bewegen die Regensburger Berufsschülerinnen und -schüler, die größtenteils bereits volljährig sind und selbst spielen dürfen. Einige von ihnen haben schon Erfahrungen gesammelt, vor allem online ist das Angebot riesig.

Der 21-jährige Jan hat die App eines Sportwettenanbieters auf dem Handy. "Also es muss schon ein gutes Spiel sein in meinen Augen, wo man vielleicht auch denkt, dass man das richtige Ergebnis im Gefühl hat, und natürlich ist es dann ansprechend, wenn man aus dem Geld, das man hat, mehr machen könnte." Seine Bilanz falle insgesamt aber eher negativ aus. Rund 50 Euro habe er schon verloren, berichtet er.

Online-Games: Alles im Griff?

Mitschüler Dominik hat ein Online-Game auf dem Smartphone installiert. Wer Geld investiere, könne sich einen Vorteil verschaffen, sagt er. In den vergangenen zehn Monaten habe er mehr als 2.000 Euro in das Spiel gesteckt. Damit könne man sich zwar auch einen schönen Urlaub leisten, er habe aber alles unter Kontrolle. "Ich hab jetzt gemerkt, dass da wirklich einige drin sind, die sehr sehr viel investieren, aber das Spiel nicht beherrschen. Wenn man dann am Monatsende ein bisschen was investiert, dann ist man denen meistens wieder einen Schritt voraus." Sich selbst halte er nicht für besonders gefährdet, "ein wenig vielleicht", räumt der 32-Jährige ein.

Betroffene wünschen sich Werbeverbot

Rund 220.000 Menschen im Freistaat gelten laut der Landesstelle für Glücksspielsucht als spielsüchtig. Und auch an der Berufsschule in Regensburg gibt es Spieler, erzählt Christian Hummel. "Es gibt Dinge, wo auch ich noch sage, das schockt mich. Also wenn ein Schüler, der hier auf die Berufsschule geht, mir unter vier Augen erzählt, dass er schon 100.000 Euro verspielt hat, ist das eine Hausnummer." Wenn es nach ihm und seinen Kollegen geht, sollte es ein komplettes Werbeverbot für Glücksspiel geben.

Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, hält der Betroffenenbeirat allerdings für unrealistisch: Denn auch der Staat verdient beim Glücksspiel mit: Laut dem Statistischen Bundesamt [externer Link] flossen im Jahr 2023 rund zweieinhalb Milliarden Euro Steuereinnahmen durch Glücksspiel in die Staatskasse.

Laut der Deutschen Suchthilfestatistik hatten 2024 in Bayern 20,7 Prozent der wegen Spielsucht in der ambulanten Suchthilfe betreuten Personen Schulden von mehr als 25.000 Euro.

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