Eine gleichberechtigte Aufteilung von Familienaufgaben und Job ist für junge Paare attraktiv – zumindest in der Theorie: Sie verspricht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, bei der Mann und Frau gemeinsam Verantwortung für Finanzen und Familienleben übernehmen, und Berufserfahrungen sammeln können. Dazu kommt eine vertrauensvolle Bindung der Kinder an Mutter und Vater. Aber in der Praxis gelingt eine 50-50-Aufteilung noch selten.
Modernes Familienmodell dank Homeoffice und flexibler Arbeitszeit
Michaela ist 35 Jahre alt und ihr Familienmodell derzeit – rein statistisch – die Ausnahme: Die junge Mutter arbeitet in der IT-Branche, genauso wie ihr Mann. Seit der Geburt ihres Sohnes vor zwei Jahren haben sie ihre Aufgaben bei der Betreuung partnerschaftlich aufgeteilt. Damit sind die Münchner in ihrem Familien- und Freundeskreis Pioniere.
"In der Elternzeit war jeder von uns sieben Monate zu Hause, und einen Monat in der Mitte haben wir gemeinsam genommen, zur "Übergabe" quasi, das hat sehr gut funktioniert." Den jungen Eltern war wichtig, dass auch Vater und Sohn von Anfang an eine enge Beziehung aufbauen. Michaela wollte selbst finanziell unabhängig bleiben, deshalb haben sie und ihr Mann nach der Elternzeit beide ihre Vollzeitjobs um wenige Stunden reduziert.
Mütter stemmen weiterhin Hauptlast bei Care-Arbeit
Anders als Michaela arbeiten Dreiviertel der Mütter mit kleinen Kindern in Deutschland laut Mikrozensus 2024 in Teilzeit- oder Minijobs. Auch langfristig verbringen Frauen rund 50 Prozent mehr Zeit mit Haushalt, Pflege- und Sorgearbeit als Männer. "Nach wie vor ändert sich die Aufgabenteilung nach der Geburt des ersten Kindes, und dabei organisierten vor allem die Frauen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren ihren bisherigen Lebensalltag um", betont Soziologe Florian Schulz vom Staatsinstitut für Familienforschung (ifb) an der Universität Bamberg.
Wenig Veränderung beim klassischen Familienbild
Obwohl Frauen statistisch bessere Schul- und Studienabschlüsse haben als Männer und zudem der Fachkräftemangel in vielen typisch weiblichen Berufsfeldern wächst: Laut Schulz ist der Trend zum klassischen Familienbild beim Übergang zur Elternschaft nahezu konstant, auch wenn sich die Einstellung zur typischen Rollenaufteilung verändert habe.
Zwar sieht der Familienforscher seit Einführung des Elterngelds 2007 auch eine neue Dynamik, sich die Kinderbetreuung aufzuteilen. Doch statistisch stagniere dieser Verhaltenswandel. Laut Bayerischem Landesamt für Statistik nahmen 2025 gut ein Viertel der Väter für zwei bis drei Monate Elternzeit, Frauen dagegen für rund 15 Monate.
Hürden für eine gleichberechtigte Aufgabenteilung
Ein Grund: Die Verdienstunterschiede. Im Zweifelsfall entscheiden sich Paare dafür, auf das geringere Einkommen zu verzichten. Und Frauen bevorzugen oft schlechter bezahlte Berufe, etwa im sozialen oder Pflegebereich. Aber auch bei gleicher Berufsqualifikation erzielen Männer im Schnitt sechs Prozent mehr Gehalt als Frauen. In Bayern liegt der sogenannte "unbereinigte" Gender Pay Gap mit 19 Prozent sogar knapp über dem Bundesdurchschnitt.
Dazu kommt: Ausreichende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder fehlen vielerorts genauso wie flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten für Mütter und Väter. Frauen haben deshalb oft keine realistische Alternative zum klassischen Familienmodell. Arbeitsmarktexpertin Michaela Hermann von der Bertelsmann-Stiftung sieht hier Handlungsbedarf. "Wenn das statistisch so deutlich ist, dass viele Menschen eine andere Aufteilung wollen, sollte sich die Politik überlegen, wie sie die Rahmenbedingungen verändern soll, damit dieser Wunsch auch wirklich umgesetzt werden kann."
Sie empfiehlt eine schrittweise Erhöhung des Elterngelds, um Vätermonate finanziell attraktiver zu machen sowie Maßnahmen, um die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen zu verringern. Das schütze Frauen vor Altersarmut und sei angesichts der demographischen Entwicklung und Fachkräftemangel sinnvoll.
Längere Babypause erschwert die Rückkehr zum Vollzeitjob
Allerdings: Laut Mikrozensus ist rund die Hälfte der Mütter zunächst mit dem Familienmodell "Vater als Hauptverdiener" zufrieden. Einige Sozialforscher bezeichnen diese Situation nach der Familiengründung auch als "vernünftige Ungleichheit".
Doch Florian Schulz betont: "Später kommt der Knackpunkt, wenn die Kinder älter werden, denn es gelingt vielen Frauen nicht, so wie gewünscht wieder richtig in im Job durchzustarten." Wenn sich Beziehungsmuster und Verantwortlichkeiten mit dem ersten Kind eingeschliffen haben, sei es schwierig, sie wieder zu überwinden.
Dieser Artikel ist erstmals am 8. Mai 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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