Nach dem Absturz eines Felsturms mit 2.000 Kubikmetern Gestein im Juni glaubt Geologieprofessor Michael Krautblatter, dass der große Felsabbruch am Hochvogel inzwischen begonnen hat.
Fortlaufende Messungen
Messgeräte zeichneten schon im Frühjahr Bewegungsraten von bis zu fünf Millimetern pro Woche auf, was für geologische Zeiträume ein rasantes Tempo darstellt. Zum letzten Mal in diesem Jahr ist der Experte für Muren und Bergstürze von der Technischen Universität München mit einem fünfköpfigen Team auf den prominenten Allgäuer Gipfel gekommen, um noch einmal genaue Messungen vorzunehmen und die vorhandenen Geräte zu überprüfen. Ein Bewegungssensor beispielsweise wurde durch einen Blitzschlag zerstört und muss ausgetauscht werden.
Der neue Hotspot "Spalt 6"
Mit mehr als 30 Sensoren zählt der Hochvogel zu den bestüberwachten Bergen in Deutschland. Der ganze Gipfel wird millimetergenau vermessen. Beteiligt sind auch Wissenschaftler der Vermessungstechnik. Eine Drohne transportiert einen speziellen Laserscanner, dessen Daten dann zu einem 3D-Modell des Berges verarbeitet werden.
Neueste Überwachungstechniken werden hier eingesetzt. Jetzt hat sich an der Südwestkante ein neuer Riss aufgetan, er wird "Spalt 6" genannt und verzeichnet die größten Bewegungsraten.
Krautblatter erwartet, dass von diesem Riss aus der große Felsabbruch ausgelöst wird. Mit seinem Assistenten sucht er im steilen Schuttgelände unweit des Gipfels nach dem besten Platz für einen neuen Sensor, den sie hier anbringen wollen. Der seismische Vibrationssensor soll dann die Erschütterungen und Schwingungen im Gestein direkt aufs Handy funken. Wenn sie zunehmen, können die Wissenschaftler vorhersagen, wann ein großer Felssturz droht.
Im Video: Drohender Felssturz am Hochvogel
Drohender Bergsturz am Hochvogel
Gipfelspalt gab es schon im 19. Jahrhundert
Legendär auf dem 2.592 Meter hohen Bergmassiv ist der große Spalt, der sich hinter dem Gipfelkreuz durchs Gestein zieht. Schon der Alpenentdecker Hermann von Barth erwähnt ihn als besonderes geologisches Phänomen und beschreibt ihn als schulterbreiten Riss. Daraus ist heute eine bis zu sechs Meter breite Kluft geworden, die sich 70 Meter tief durch den Berg zieht; jenseits stehen Felstrümmer wie lückige Zähne.
Warnschilder und vor allem die Spalten im Boden machen deutlich, wo Wanderer nicht hingehen sollten. Der traditionelle Bäumenheimer Weg aus dem Tiroler Hornbachtal ist seit 2014 gesperrt und wird unter einer Gerölllawine verschwinden, wenn es zum Absturz kommt. Auf ein Felspaket von 250.000 bis 400.000 Kubikmetern schätzen die Forscher den bevorstehenden Bergsturz. Der Aufstieg von der bayerischen Seite und diese Hälfte des Gipfels gelten als sicher.
Ideales Freiluftlabor
Der Zerfall bis zum endgültigen Bergsturz könne sich über einige Jahre hinziehen, erklärt Michael Krautblatter. Wenn die Sensoren immer schnellere Felsbewegungen melden, dann können die Forscher genauer abschätzen, wann es zum Abbruch kommt. Und genau darum geht es am Hochvogel: Er ist ein ideales Freiluftlabor, denn der Bergsturz wird in unbewohntes Gebiet abgehen. So können die Wissenschaftler neueste Techniken testen, die dann auch an anderen Orten, wo Menschen direkt gefährdet sind, zum Einsatz kommen. Denn durch Extremwetter und Klimawandel werden Bergstürze immer häufiger.
Dieser Artikel ist erstmals am 04.10.2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel aktualisiert und erneut publiziert.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

