Enrico Boldrini hat ein Problem. Der Italiener besitzt eine hellblaue Vespa, sein Großvater hat sie ihm hinterlassen. Das Erbstück pflegt er gut, trotzdem stand sie in den vergangenen Jahren nur noch in der Garage herum. Italiens Städte verschärfen nämlich zunehmend ihre Verkehrsregeln für die Innenstadtbereiche. Die Vorschriften sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich, doch ein Trend ist deutlich erkennbar: Fahrzeuge mit älteren Motoren dürfen nicht mehr in die sogenannten "Zone a Traffico Limitato" (verkehrsbeschränkte Zonen). Entscheidend ist dabei vor allem die Schadstoffklasse.
Was also tun? Die alte Vespa verschrotten und durch eine neue ersetzen, das würde Boldrini nicht übers Herz bringen: "Sie hat einen hohen emotionalen Wert für mich."
Start-up gibt alten Vespas ein neues Leben
Die Lösung fand er durch Zufall, bei einer Motorradmesse. Dort lernte er das Start-up Retrokit aus Rimini kennen, das alten Vespas ein neues, elektisches Herz verpasst. Die Herangehensweise ist simpel: Der alte Motor wird ausgebaut und durch einen E-Motor ersetzt. Originale Bestandteile der Vespa wie die Karosserie bleiben dabei erhalten. Der Einbau erfolgt in der Garage von Retrokit in Rimini oder bei einem Vertriebspartner des Unternehmens. Mittlerweile hat Retrokit Dealer nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland und weiteren europäischen Ländern.
Wer handwerklich geschickt ist, kann sich auch einfach den Bausatz, also ein sogenanntes Kit, zuschicken lassen und den E-Motor zuhause selbst installieren. Retrokit unterstützt die Bastler dabei, erklärt Start-up-Gründer Alex Leardini: "Man kann ihn anhand unserer Anleitung selbst zusammenbauen, wie bei Ikea-Möbeln." Die Kosten für das Kit liegen bei rund 4.000 Euro, dabei kommt es aber auf das Modell an. Retrokit berät seine Kunden, welcher E-Motor für welchen Roller geeignet ist.
Idee kommt bei jungen Menschen gut an
Das Problem von Enrico Boldrini scheinen viele Italiener zu haben: Besonders bei jungen Menschen komme die Idee gut an, die alte Vespa in einen emissionsfreien Roller zu verwandeln, so Alex Leardini. Vielen gehe es nicht nur darum, weiter in die Innenstadt fahren zu dürfen, sondern grundsätzlich um den Aspekt der Nachhaltigkeit:"Unser Konzept ist Re-Use. Das ist deutlich nachhaltiger als Recycling. Außerdem lassen wir bei unseren Kunden alte Erinnerungen wieder aufleben."
Einmal umgebaut, wird die alte Vespa zum emissionsfreien E-Roller. Zum Aufladen der Batterie reicht eine haushaltsübliche Steckdose, der Ladeprozess dauert etwa vier Stunden. Mit einer vollen Ladung schafft die Vespa rund 85 Kilometer, teils auch 90 – das kommt laut Leardini auf den Fahrstil an. Da es für den Einbau-Motor von Retrokit eine italienweite Zulassung gibt, können die Besitzer einfach zur Kfz-Zulassungsstelle gehen und sich die Genehmigung für die modifizierte Vespa ausstellen lassen. Ähnlich verhält es sich in Deutschland: Der E-Motor ist TÜV-zulassungsfähig. Retrokit stellt die dafür notwendigen Zertifikate bereit.
Bleibt die Vespa so ein Original?
Neben den Bausätzen bietet Retrokit Ausbesserungsarbeiten, Lackierungen und Ersatzteile im Retro-Look an. Doch bleibt eine Vespa auf diese Weise ein Original?
Die Meinungen von Passanten in der Fußgängerzone von Rimini gehen auseinander: "Die Vespa ist ein Symbolobjekt der italienischen Kulturgeschichte und Anthropologie", findet Francesco. "Wenn man sie umbaut, bedeutet das, dass man das originale Erscheinungsbild verfälscht." Nessrin sieht es gelassener: "Wenn man damit die Umwelt schützen kann, bin ich absolut einverstanden." Auch für Marco überwiegen die Vorteile: "Man muss mit der Zeit gehen."
"Das hätte auch meinem Großvater gefallen"
Enrico Boldrini jedenfalls ist sehr zufrieden, als er seine hellblaue Vespa nach dem Umbau aus der Werkstatt abholt. Die erste Testfahrt absolviert er gleich in der Innenstadt, dort darf er sich wieder frei bewegen. Der Elektromotor schnurrt leise. "Ich bin nicht nur zufrieden, ich bin tatsächlich sehr glücklich", sagt Boldrini. Er ist sich sicher: Das hätte auch seinem Großvater gefallen.
Das Team von Retrokit in Rimini
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der E-Motor habe eine TÜV-Zulassung. Das ist nicht ganz richtig, vielmehr ist er TÜV-zulassungsfähig. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.
Dieser Artikel ist erstmals am 12. Oktober 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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