Francis Fukuyama – das ist der US-Politikwissenschaftler, der Anfang der 90er-Jahre mit einem einzigen Buch berühmt wurde: "Das Ende der Geschichte". Die These: Mit dem Zerfall des Sowjetkommunismus haben sich Demokratie und Marktwirtschaft als Ziel der Menschheitsentwicklung erwiesen, zu dem es keine Alternative mehr gibt. Wie wir wissen, ging die Geschichte dann doch weiter, mit neuen Konflikten, Krisen, Kriegen. Und Fukuyama wurde immer wieder gefragt, ob ihn die Wirklichkeit nicht rabiat widerlegt habe. Er antwortete mit weiteren Büchern, nun erscheint ein neuer Band: "Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?"
Vom "Ende der Geschichte" zur Rückkehr der Konflikte
Eigentlich ist Francis Fukuyama Optimist. Einer, der immer an die Überlegenheit der Demokratie geglaubt hat – und an die Kraft des Kapitalismus, Geltungsdrang zu zähmen. Im Schlusskapitel von "Das Ende der Geschichte" bekam ein Unternehmer aus New York einen Kurzauftritt: Donald Trump. Damals dachte Fukuyama, ein Vorteil des Kapitalismus sei, dass er ehrgeizige Leute wie Trump zufriedenstellt, weil sie mit all ihrer Energie viel Geld verdienen. "Und dass so das politische System vor einem neuen Julius Cäsar bewahrt würde."
Es kam anders. Heute sieht Francis Fukuyama Trumps Politik als Angriff auf liberale Prinzipien: Trump mache die USA zu einem autoritären Land, seine Außenpolitik sei ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, in dem Großmächte die Welt in Einflusssphären aufteilten, schreibt Fukuyama in seinem neuen Buch, einer Art Rückschau auf seinen Werdegang und seine wichtigsten Themen.
Fukuyamas Bruch mit den Neokonservativen
Vor seiner akademischen Karriere arbeitete Fukuyama unter Reagan und Bush Senior in Strategieteams des Außenministeriums. Er war ein Neokonservativer, im Kalten Krieg ein "Falke", wie er schreibt. Ein Bruch war der Irakkrieg 2003: Fukuyama wandte sich gegen den Krieg – und verlor alte Freunde. Solche Auseinandersetzungen werden im Buch überblicksartig verhandelt, wie der Konservatismus zum Autoritarismus wurde, analysiert Fukuyama dagegen nicht. Stattdessen greift er erneut auf Hauptmotive aus "Das Ende der Geschichte" zurück. Dazu gehört auch der "letzte Mensch" im Buchtitel, den Fukuyama bei Friedrich Nietzsche findet. Für Nietzsche erscheint am Ende der Geschichte der "letzte Mensch". Ein Mensch ohne Stolz, Zorn oder Ambition, weil alle seine Bedürfnisse befriedigt sind.
Krude These: Polarisierung ein Wohlstandsphänomen?
Für liberale Gesellschaften sei der "letzte Mensch" eine Gefahr, so Fukuyama: Gleichberechtigung ist erreicht, Wohlstand gesichert, es gibt nichts mehr, wofür zu kämpfen sich lohnen würde. Nicht alle jedoch wollten ambitionslose "letzte Menschen" sein, also kämpfe man gegen die gerechte Sache oder einfach "aus einer gewissen Langeweile" heraus. Von rechts ebenso wie von links – diese Formel kommt bei Fukuyama immer wieder vor. Die MAGA-Bewegung will Vorherrschaft, pro-palästinensische Uni-Demos suchen "Abwechslung", "Gefahr und Risiko" in einem privilegierten Leben.
Diese Deutung ist dann doch reichlich krude. Sie schaut nicht wirklich auf die politischen Phänomene – wohl vor allem, um an der alten Großthese vom historischen Sieg des Liberalismus festhalten zu können. Die allerdings war schon damals kühn und ist es heute erst recht. Als wichtigen Wandel in seinem Denken konstatiert Fukuyama, er sei in den zurückliegenden Jahren "zu der festen Überzeugung [gelangt], dass es sehr wichtig ist, einen modernen Staat zu haben."
Optimist wird zum ratlosen Melancholiker
Die neoliberale Skepsis gegenüber dem Staat also habe er aufgegeben. Hier hätte es interessant werden können, auch für die Frage nach den Ursachen des Populismus, doch Fukuyama geht nicht ins Detail. Was bleibt, ist ein Buch, das analytisch wenig Neues bietet und Bekanntes mit stellenweise verblüffender Leutseligkeit vorträgt. Seltsam unverbunden stehen darin persönliche Einblicke in Fukuyamas Leben: seine Herkunft aus einer japanischen Einwandererfamilie, Hobbys wie Möbeltischlerei, Klingenschleifen oder Programmieren. Der Optimist Fukuyama scheint ein ratloser Melancholiker seiner selbst geworden zu sein – der von Geschichtsphilosophie mit einer Portion Nietzsche nicht lassen kann.
"Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?" von Francis Fukuyama erscheint bei Hoffmann und Campe (272 Seiten, 26,00 Euro).
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