"Moskau ist innenpolitisch verwundbar. Die Bewohner der 25 Millionen Einwohner zählenden Metropolregion haben ein übersteigertes Selbstwertgefühl und, was noch wichtiger ist, überzogene Zukunftserwartungen. Folglich ist das Protestpotenzial dort höher", schreibt der russische Polit-Blogger Sergej Mardan [externer Link] nach einem massiven ukrainischen Drohnen-Angriff auf die Hauptstadt. Ironisch ergänzt Mardan, die verschärfte Internet-Zensur habe die Raketeneinschläge offenbar nicht verhindern können.
"Bilder wirken geradezu apokalyptisch"
Allerdings ereiferten sich russische TV-Propagandisten darüber, dass im Netz Hunderte von Videos von den Raketentreffern gepostet wurden. Notorische Kriegshetzer wie Wladimir Solowjow (1,1 Millionen Fans) und Armen Gasparjan (180.000 Abonnenten) forderten Haft für alle, die diese Handy-Videos aufgenommen und verbreitet hatten. Gesinnungsgenosse Sergei Markow hoffte inständig [externer Link], dass die Videos "nach einigen exemplarischen Strafen" verschwinden.
Publizist Juri Dolguruki zeigte sich ebenfalls beunruhigt, die ukrainischen Drohnenangriffe zielten auf das "kollektive Bewusstsein" [externer Link]: "Die Bilder wirkten geradezu apokalyptisch."
Er appellierte an das Verantwortungsbewusstsein seiner Landsleute, fügte aber auch an: "Die Beseitigung der Bilder allein löst jedoch nicht das Kernproblem: Nicht nur in Moskau, sondern auch in anderen russischen Städten sind infolge massiver (und oft chaotischer) Bautätigkeiten gefährliche Objekte in der Nähe von Wohngebieten und häufig sogar mitten unter ihnen errichtet worden. Während dies in stabilen Zeiten kein dringliches Problem darstellte, wurde es nun eines."
Dagegen spottete Journalist Sergei Erschenkow [externer Link]: "Seltsame Zeiten. Anstatt nach den Ursachen der Bedrohungen zu suchen, verfolgt man die Augenzeugen. Anstatt über Sicherheit zu diskutieren, streitet man über das Recht, aus dem Fenster zu schauen."
Exil-Politologe Abbas Galljamow sprach von einem "schweren Schlag" für Putins Ansehen, Kollege Wladimir Pastuchow höhnte [externer Link]: "Der Panzerzug des Zaren rollt zwar noch vorwärts, aber die Schwellen werden langsam, sowohl vorne als auch hinten, zu Brennholz verarbeitet."
"Deutungsmonopol bröckelt rapide"
Die Ängste der Propagandisten sind nach Meinung russischer Kommentatoren durchaus begründet. "Für die russischen Behörden liegt die Gefahr weniger in den Drohnen selbst als vielmehr in der Demonstration ihrer eigenen Ohnmacht", heißt es bei einem der anonymen Blogger [externer Link]: "Moskau galt jahrzehntelang als Hort der Stabilität, fernab jeglicher militärischer Bedrohungen. Nun wird deutlich, dass der Staat weder die Sicherheit der Hauptstadt garantieren noch die Folgen der Ereignisse wirksam vertuschen kann."
Jeder neue Angriff untergrabe den "zentralen politischen Gesellschaftsvertrag der letzten Jahre – das Versprechen von Ordnung und Sicherheit im Austausch für Loyalität": "Wenn die Realität deutlicher sichtbar wird als die geschönten Berichte, bröckelt das Deutungsmonopol der Regierung rapide."
Infotafel
Militärblogger Alexei Schiwow (116.000 Fans) gab sich ebenfalls irritiert [externer Link]: "Es ist etwas beunruhigend, dass sich sogar der Außenminister [Lawrow, Anm. der Red.] zur Entwicklung von Drohnenabwehrsystemen in Russland geäußert hat. Alle reden darüber, nur diejenigen nicht, die dafür öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Auch die Diskussion um 'Wunderwaffen' ist kein gutes Zeichen."
"Destabilisierung der öffentlichen Meinung"
Ähnlich pessimistisch zeigte sich Propagandist Juri Barantschik [externer Link]: "Was für das Regime weitaus gefährlicher ist, sind nicht die Angriffe auf Moskau selbst, sondern die schleichende Normalisierung dieser Angriffe. Denn dann stellt sich nicht die Frage nach der Stärke der Luftverteidigung, sondern nach der Fähigkeit des Staates, das bisher als selbstverständlich geltende Sicherheitsniveau zu gewährleisten."
Auf einem der mit 411.000 Fans größten russischen Telegram-Kanäle fürchtete ein anonymer Politikwissenschaftler [externer Link] eine "Destabilisierung der öffentlichen Meinung" und meinte: "Es ist wichtig zu bedenken, dass Putin gezwungen sein wird, seine Präsenz in der Moskauer Region einzuschränken, was die Regierungskrise verschärfen könnte."
"Hoffnung auf ein Wunder"
Ein weiterer viel zitierter Beobachter sprach von einem "ohrenbetäubenden Schweigen des Kremls" und erwartete eine "sehr heftige Eskalation" [externer Link]: "Insgesamt sind sehr schwierige Zeiten angebrochen."
Fazit des auch im Westen veröffentlichenden Publizisten Wladislaw Inosemtsew [externer Link]: "Das Hauptergebnis der letzten drei Monate ist, dass Russland sich wie jemand verhält, der keinen Ausweg aus einer schwierigen Lage sieht und sie lieber einfach vergisst, in der Hoffnung auf ein Wunder."
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