Mit Würzburg haben sich die Veranstalter vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) einen katholischen Hot-Spot ausgesucht. Vom Festungsberg aus sieht man rund 60 Kirchen. Der Stadtplan liest sich wie ein Verzeichnis der städtischen Kirchengeschichte: Vom Kiliansplatz über die Augustinerstraße geht es in die Franziskaner- und Ursulinergasse. In Würzburg haben viele Orden ihren Sitz. Bis ins 7. Jahrhundert reicht die katholische Geschichte der Stadt.
Ihr Zentrum nennen die Würzburger liebevoll Bischofshut. Doch selbst im vermeintlich katholischen Idyll zeigt sich: Die gute alte Zeit ist vorbei. Inzwischen sind nur noch 35 Prozent der Würzburger Mitglied in der katholischen Kirche, 2012 waren es noch die Hälfte der Einwohner. Dominant zwar im Stadtbild – mit Dom, Stiften, Klöstern, Kapellen – schwindet die Kirche aber offenbar aus dem Alltag und den Traditionen der Menschen – so wie in ganz Bayern und Deutschland.
Kirche und Demokratie unter Druck
Beim Katholikentag soll es nun genau darum gehen, was die Kirche zu den aktuellen Herausforderungen zu sagen hat. In Zeiten von Krieg und Krisen will Gastgeberbischof Franz Jung trotz sinkender Mitgliederzahlen "in der Gesellschaft als Kirche Gesicht zeigen" – und sich den Fragen der Menschen stellen. "Die großen Zukunftsfragen werden wir nur alle gemeinsam lösen können und nicht durch nationale Abschottung und binnenorientierte Engstirnigkeit", so Jung bei der Auftaktpressekonferenz. Die Kirche will zeigen, dass sie immer noch zur Stärkung der Demokratie beitragen kann.
"Wir müssen uns einmischen", fordert auch ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. Kirche müsse politisch sein und sich zur Menschenwürde, zur Solidarität und zu konkretem Handeln in der Not der Zeit bekennen. Den Auftrag dazu finde sie in der Bibel, so Stetter-Karp, und rief Christinnen und Christen dazu auf, dem Druck von rechts standzuhalten. Das Motto "Hab Mut, steh auf!" sei vor allem ein Appell, "sich mit demokratischen Mitteln für unsere Werte der Gesellschaft einzusetzen", betont auch Sabrina Frenkel, die stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Katholikentags.
Kanzler und Bundespräsident zu Gast
Für Aufmerksamkeit sorgen jedenfalls prominente Gäste aus der Politik. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt zur Eröffnung und wird am Donnerstag ein eigenes Podium zu Demokratie und Ehrenamt bestreiten. Am Freitag will Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit Jugendlichen über Zukunftsfragen diskutieren.
Außerdem werden der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), mehrere Bundesministerinnen und -minister sowie Prominente aus Gesellschaft und Kultur erwartet. So debattiert der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer auf einem Podium zum Thema Aufrüstung.
Auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer ist zu Gast und Entertainer Harald Schmidt spricht über Wege aus der Depression. Insgesamt stehen über 900 Veranstaltungen auf dem Programm, darunter neben Diskussionsrunden und Gottesdiensten Konzerte, Ausstellungen und Mitmachaktionen.
Vatikan mit kritischem Blick auf deutsche Reformbewegung
Daneben werden in Würzburg – wie immer auf Katholikentagen – auch kirchenpolitische Themen im Fokus stehen. Die Missbrauchsskandale werden gleich mehrfach aufgegriffen. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Kirche selbst Aufarbeitung leisten kann oder staatliche Intervention braucht.
Auch die Reformdebatte der deutschen Katholiken wird thematisiert: Wie geht es weiter in der Frage nach Mitbestimmung, nach der Rolle der Frau oder der Segnung von homosexuellen Paaren? Und wird es Reformen im Einklang mit Rom geben können – oder droht ein offener Konflikt mit dem Vatikan, der sich in den vergangenen Wochen gerade beim Beispiel Paarsegnungen mehrfach kritisch gegenüber den deutschen Vorstößen geäußert hat? Mit Spannung erwartet wird diesbezüglich auch der Besuch von Kurienkardinal Mario Grech in Würzburg. Er ist im Vatikan für den Reformprozess der Weltsynode verantwortlich.
Bis Sonntag rechnen die Verantwortlichen mit rund 30.000 zahlenden Teilnehmenden und noch einmal etwa gleich vielen Besuchern. Die meisten Veranstaltungen finden im Stadtzentrum statt. Während die Kirche um ihren Einfluss in der Gesellschaft kämpft, wird sie zumindest in Würzburg in den nächsten Tagen kaum zu übersehen sein.
Im Video: Katholikentag - Auftakt in Würzburg
Würzburg sendet ab heute ein besonders helles Licht aus: Der Katholikentag hat begonnen.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Sie interessieren sich für Religion, Kirche, Glaube, Spiritualität oder ethische Fragen? Dann abonnieren Sie den Newsletter der Fachredaktion Religion und Orientierung.

