Stuttgart, Erfurt – und jetzt Würzburg: Wenn sich alle zwei Jahre Christen aus der ganzen Bundesrepublik beim Katholikentag treffen, ändert sich zwar der Veranstaltungsort, doch die Fragen, die die Gläubigen hierzulande beschäftigen, bleiben die gleichen: Welche Reformen soll es in der katholischen Kirche geben und wer darf was entscheiden?
- Zum Artikel: Debatte um den politischen Einfluss der Kirche
"Schmerzpunkte" prangern Missbrauchs-Aufarbeitung an
Überall in der Stadt fanden sich in den letzten Tagen rote Punkte – die so genannten "Schmerzpunkte". Auf Plexiglas-Scheiben gesprüht, prangten sie an vielen Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. Sie sollten darauf hinweisen, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche immer noch ein wichtiges Thema ist.
Noch immer sind Betroffene nicht zufrieden mit der Aufarbeitung. Die unabhängige Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Kerstin Claus, forderte Kirchen dazu auf, stärker um staatliche Unterstützung bei der Aufarbeitung zu werben: "Machen Sie es öffentlich, und ich stelle mich gerne an ihre Seite."
Reformprozess gerade erst begonnen
Der Missbrauchsskandal war auch der Auslöser dafür, dass die deutsche katholische Kirche im Jahr 2019 eine Reformdebatte begann. 2023 endete der "Synodale Weg" offiziell. Eine letzte Synodalversammlung fand Anfang dieses Jahres statt. Doch beim Katholikentag in Würzburg zeigt sich deutlich: Der Reformprozess hat gerade erst begonnen.
Auf mehreren Podien wurden die zentralen Anliegen des "Synodalen Wegs" diskutiert: Machtstrukturen, Rollenbilder, Partizipation. Das wohl größte Thema bleibt - weil es die größte Gruppe in der Kirche trifft - die Frage, ob Frauen irgendwann einmal gleichberechtigt sein werden mit den Männern, indem sie auch zu Diakoninnen und Priesterinnen geweiht werden können.
Zukunft der Kirche entscheidet sich an Frauenfrage
Monika Grütters saß in einer Arbeitsgruppe des "Synodalen Weg", die sich genau mit dieser Frage beschäftigte. Die CDU-Politikerin war einst Staatsministerin für Kultur unter Bundeskanzlerin Angela Merkel, sitzt im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und wird auch als mögliche nächste Bundespräsidentin gehandelt. Sie ist überzeugt: "An der Frauenfrage wird sich die Zukunftsfähigkeit der deutschen Katholischen Kirche entscheiden."
Auch wenn sich in diesem Punkt die meisten Laien und auch ein Großteil der Bischöfe einig sind: Auf die Bremse gestiegen sind in diesem und anderen Punkten immer wieder vier Bischöfe innerhalb der deutschen Bischofskonferenz. Der Passauer Bischof Stephan Oster, sein Amtsbruder aus Regensburg, Rudolph Voderholzer, der mittlerweile ausgeschiedene Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, und der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki.
Widerstand gegen Reformen auch aus Rom
Und auch aus Rom kommt regelmäßig Widerstand. Noch immer steht die Zustimmung des Vatikans zu einer Fortsetzung des Reformprozesses in Form einer Synodalkonferenz aus. Außerdem werden Initiativen aus Deutschland immer wieder kritisiert. Das aktuellste Beispiel: Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare oder für wiederverheiratete Geschiedene.
Deshalb wurde Synodalität in Würzburg auch im Hinblick auf die Gesamtkirche debattiert. Eigens dafür reiste der für den weltweiten synodalen Prozess zuständige Kardinal Mario Grech aus dem Vatikan an. Auch wenn er sich in der Vergangenheit als Befürworter der Reformdebatte gezeigt hatte, machte er in Würzburg deutlich, dass man bei grundsätzlichen Fragen an Rom nicht vorbeikomme. Die Kirche sei eben wie ein Orchester. Und da brauche es schließlich auch einen Dirigenten, damit am Schluss eine schöne Symphonie erklinge. Oder um es deutlicher zu sagen: "Die Kirche ist ihrem Wesen nach hierarchisch."
Letztes Wort liegt beim Papst
Das letzte Wort in puncto Reformen liegt folglich beim Papst Leo XIV.. Er entscheidet darüber, ob der Synodale Weg fortgesetzt werden kann. Die Satzung für entsprechende Synodalkonferenz liegt dem Vatikan seit Ende März vor. Die Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, rechnet aber frühestens Anfang 2027 mit der nötigen Genehmigung aus Rom. "Ich kann nur hoffen, dass wir kein Stoppschild bekommen, das wäre für unsere Ortskirche katastrophal."
Sie interessieren sich für Religion, Kirche, Glaube, Spiritualität oder ethische Fragen? Dann abonnieren Sie den Newsletter der Fachredaktion Religion und Orientierung.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
