In einer Geschichte der Medizin in München und auch in Bayern darf der Name Rahel Straus nicht fehlen. Als eine der ersten Ärztinnen eröffnete sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine eigene Praxis in München. In ihren Erinnerungen "Wir lebten in Deutschland" erzählte sie unter anderem von ihrem Weg in die Medizin. Geboren 1880 in Karlsruhe war sie die erste Medizinstudentin an der Universität Heidelberg – die "erste akademische Bürgerin" der Stadt, wie sie nicht ohne Selbstbewusstsein schrieb.
Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Sie arbeitete bis 1933 als Ärztin und engagierte sich gleichzeitig aktiv in der Frauenrechtsbewegung. Und sie war eine beeindruckende Vorkämpferin mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie heiratete den Münchner Rechtsanwalt Elias Straus und bekam fünf Kinder. "Rahel Straus war eine Verkörperung dieser Doppelbelastung", sagt Heike Specht, eine aus Nürnberg stammende Autorin und Historikerin.
Specht hat die Memoiren von Rahel Straus herausgegeben. Sie entdeckte sie bei ihren Recherchen zur Geschichte der Feuchtwangers und anderer jüdischer Familien aus München. Die Erinnerungen waren in den frühen 1960er Jahren schon einmal in Deutschland veröffentlicht worden. Für die Neuausgabe griff Specht auf das 1940 in Palästina entstandene Typoskript zurück, das im Archiv des New Yorker Leo Baeck-Institutes liegt.
Engagierte Pionierin der Medizin
Die aus einer orthodoxen Rabbiner-Familie stammende "erste akademische Bürgerin Heidelbergs" schrieb in ihren Memoiren auch über die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern und über die jüdischen Traditionen der Familie. Ebenso berichtet sie von der Flucht nach Palästina. "Sie sagt selber, mit Mitte 20 wäre es viel leichter gewesen auszuwandern, als mit Mitte 50", berichtet Specht.
In Palästina und später in Israel habe sich Rahel Straus weiterhin vor allem sozial engagiert, für Kinder mit Behinderung, ebenso für Mädchenbildung und die Aufklärung von Mädchen. "Rahel Straus war wirklich eine Pionierin", so Heike Specht. "Sie hat sich auch für das Recht auf Verhütung und auch Abtreibung eingesetzt. Dabei war sie orthodoxe Jüdin. Man kann sich vorstellen, wie sie an verschiedenste Vorurteile 'gedotzt' ist und sich verschiedenste Augenbrauen gehoben haben, bei ihrer Arbeit."
Ein Foto aus dem Familienalbum von Rahel Straus: vier ihrer Kinder in Starnberg in der Sommerfrische.
Der große Traum vom Leben in Israel
Rahel Straus verlor früh – sie war drei Jahre alt – ihren Vater. Die Mutter ermöglichte ihr und auch ihren Geschwistern, darunter den beiden älteren Schwestern, dennoch Schuldbildung und Studium. Sie eröffnete damit Wege zur beruflichen Unabhängigkeit, ungewöhnlich für die Zeit. Rahel Straus, die dann als Gynäkologin arbeitete, wurde zudem Anhängerin der zionistischen Idee: der Rückkehr nach Israel.
"Sie war fasziniert davon, dass man zurückkehrt und 'Alija macht' ins Heilige Land, als deutscher, französischer oder englischer Jude", so Specht. "Das schien ihr als Lösung und Möglichkeit, in einer Zeit, wo in Europa durch die Dreyfuß-Affäre Schockwellen durch die jüdischen Gemeinden gingen und man erkannte, das Aufgehen in der deutschen Nation, der französischen Nation – und trotzdem Jude bleiben dürfen, das wird schwierig."
Chronik des wachsenden Judenhasses in Deutschland
Rahel Straus' Erinnerungen "Wir lebten in Deutschland" enthalten unter anderem die eindrückliche Schilderung einer Reise 1907 nach Palästina, zusammen mit ihrem Mann. Ebenso gibt es ausführliche Berichte über das Leben in München und die politischen Zäsuren: Kriegsbeginn 1914, Revolution und Räterepublik, Hitler-Putsch, die wirtschaftliche Not und vor allem eben der Antisemitismus. Rahel Straus nahm den massiven Rechtsruck im Land sehr sensibel wahr.
Und sie wusste, wie tief der Einschnitt der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sein würde: Ein Weiterleben in Deutschland war für sie nicht mehr denkbar. Ihr Mann starb im gleichen Jahr, an den Folgen einer Krebserkrankung. Sie schickte die Kinder ins Ausland, rettete das Vermögen und zog nach Jerusalem. 1963 starb sie in Israel. Ihre Erinnerungen kommen nun zurück in das Land, aus dem sie vertrieben wurde. Mit ihnen die Geschichte einer so besonderen Frau.
"Wir lebten in Deutschland", die Erinnerungen von Rahel Straus, herausgegeben von Heike Specht, sind in der Buchreihe "Die Andere Bibliothek" erschienen.
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