"Wir sind eine starke, mächtige Nation mit enormen Errungenschaften und großen Siegen. Und, wie es in der Geschichte großer Nationen vorkommt, auch mit großen Tragödien. Davor muss man keine Angst haben. Man muss auch keine Angst davor haben, Schulkindern davon zu erzählen", beruhigte der Vorsitzende des russischen Menschenrechtsrats, Waleri Fadejew, seine Zuhörer bei einem Auftritt vor der Militärgeschichtlichen Gesellschaft [externer Link].
Das aus heutiger Sicht hochbrisante Thema der Tagung: Am 25. Februar vor genau 70 Jahren rechnete der damalige sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow (1894 - 1971) in einer vielstündigen Geheimrede auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei mit Terror und Massenmord unter seinem Vorgänger Josef Stalin ab. Er geißelte auch den "Personenkult" um den Diktator. Wie aktuell diese Art kritiklose Beweihräucherung eines Machthabers in Putins Zeiten ist, darüber streiten sich russische Propagandisten und Kremlkritiker.
"Waffe im Kampf gegen Russland"
Laut Putins Menschenrechts-Funktionär Fadejew trug Chruschtschows Auftritt zwar zur "Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas" bei und habe dem Kulturleben "neuen Auftrieb" gegeben, doch die wegweisende Rede dürfe nicht als "Waffe im Kampf gegen Russland" missbraucht werden: "Gerade heute."
Mit Hinweis auf angeblich zu viele Gedenktafeln für Stalins Opfer fügte er an [externer Link]: "Es ist klar, dass es im Zentrum Moskaus in jedem Gebäude Betroffene der Unterdrückung gab. Ja, wir müssen uns erinnern. Aber warum geht man jetzt durch die Innenstadt, als wäre sie ein Friedhof? Das ist kein Erinnerungsprojekt, sondern ein politisches Projekt."
"Personenkult gehört zum 'Premium-Machtpaket'"
Während Kreml-Propagandisten wie Fadejew sich bemühen, keine Vergleiche zwischen Stalin und Putin aufkommen zu lassen, zielen Politologen wie Andrei Kalitin genau darauf ab. Er schrieb unter Anspielung auf die "Tauwetter"-Periode, die nach Chruschtschows Rede im Februar 1956 einsetzte [externer Link]: "Tauwetter bedeutet noch keinen Frühling. Es lässt lediglich das Eis schmelzen und bringt graue Regenschleier statt Schnee mit sich."
Infotafel
Kalitins bitteres Fazit: "Dieses politische Klima, das der kurze Sommer des späten 20. Jahrhunderts unterbrach [der Zusammenbruch der UdSSR], wurde Jahre später erneut von Frost und Schneeverwehungen von der Dimension eines ganzen Landes abgelöst. Es konnte nicht anders sein. Wenn die Regierung nicht gegen den Personenkult als solchen kämpft, sondern nur gegen den Namen Stalin, dann gewinnt Stalin. Der Personenkult gehört zum 'Premium-Machtpaket' dazu."
"Aufarbeitung kann warten"
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise behauptete [externer Link], die Rhetorik der Stalin-Ära sei "wieder in den offiziellen Sprachgebrauch zurückgekehrt". Manche glaubten sogar, die damaligen "Methoden", also die Repressionen, seien bis heute "erkennbar": "Eine offizielle Aufarbeitung der Stalin-Ära ist äußerst komplex und erfordert mindestens die Öffnung zahlreicher Archive. Es ist unwahrscheinlich, dass in dieser historischen Phase Zeit dafür ist. Die Geschichte unseres Landes ist viel zu schwierig. Doch die historische Wahrheit – so bitter sie auch sein mag – ist dringend notwendig."
Publizist Dmitri Trawin äußerte sich ähnlich kritisch [externer Link]: "Viele möchten die Liebe des Volkes zu Stalin als wichtigstes Merkmal des russischen Volkes darstellen, das sich bewusst für den Totalitarismus und gegen die Freiheit entschieden habe. Aber wenn ein solch stabiles Merkmal in unserer nationalen Mentalität existierte, würde die Liebe zu Stalin kaum je nach Epoche und Umständen schwanken. Und sie schwankt stark."
"Wiederholung vergangener Fehler"
Trawin ergänzte, ein Grund für die Stalin-Renaissance sei der "Kult um den Großen Sieg" im Zweiten Weltkrieg: "Nur wer ein gutes Geschichtsverständnis hat, erkennt, dass die Dinge komplexer sind und dass der 'große Held' bei großen Siegen nicht so viel bedeutet. Allerdings gibt es nur wenige Menschen, die sich gut mit Geschichte auskennen und nicht bereit sind, sie durch Mythologie zu ersetzen. Entsprechend das Ergebnis."
Ein weiterer viel zitierter Polit-Blogger warnte [externer Link]: "Leider ordnet die Geschichtsschreibung nicht immer alles richtig ein, denn sie wird von den Siegern geschrieben. Chruschtschow und Gorbatschow waren Verlierer, was die Bewertung ihres historischen Erbes vorbestimmte. Doch wie wir wissen, führt Geschichtsvergessenheit zur Wiederholung früherer Fehler."
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