Die vergangene Saison war für das deutsche Frauen-Team im Biathlon historisch schwach. Im Weltcup blieben die großen Erfolge weitgehend aus, Podestplätze waren selten. Auch bei den Olympischen Spielen konnte die Mannschaft nicht an frühere Zeiten anknüpfen. Lediglich die Mixed-Staffel sorgte mit Bronze für einen versöhnlichen Moment.
Nach einer historisch schlechten Saison hat nun Sandra Flunger das Zepter in der Hand und muss prompt den Umbruch nach dem Abschied von Aushängeschild Franziska Preuß moderieren. "Die letzten Monate waren sehr arbeitsintensiv. Es war eine Zeit mit sehr, sehr vielen Gesprächen", sagt die neue Bundestrainerin. Nach den ersten Monaten der Zusammenarbeit zieht Flunger ein vorsichtig positives Fazit. "Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Wir haben gute Trainingsmonate hingelegt, ohne große Problemfelder, ohne große Einschränkungen."
"Besseres aus der Historie gewohnt"
Gleichzeitig weiß sie, dass es im deutschen Biathlon einiges aufzuarbeiten gibt. Bei den Olympischen Spielen habe sie durchaus gesehen, dass "vielleicht nicht alles perfekt gelaufen" sei. Insgesamt sei es aber "nicht ganz schlecht" gewesen. Nur: "Natürlich ist man viel, viel Besseres aus der Historie gewohnt."
Genau daran soll sich die Arbeit der kommenden Jahre orientieren. "Es ist unser Ansporn, dass wir das in vier Jahren vielleicht ein Stück weit erfolgreicher gestalten können."
Schießen, Laufen, Tempo: Wo Deutschland ansetzen muss
Konkrete Schwachstellen auszumachen, sei allerdings nicht ganz einfach. Biathlon bestehe aus mehreren entscheidenden Bausteinen: "Es geht immer darum, dass man so schnell wie möglich läuft und so gut wie möglich schießt, im besten Falle auch noch schnell." Vor allem beim Schießen sieht Flunger eine gute Grundlage. "Die technische Grundausbildung am Schießstand ist sehr, sehr gut." Teilweise habe es jedoch an der Geschwindigkeit gefehlt.
Dabei müsse jede Athletin individuell betrachtet werden. Einige junge Läuferinnen hätten vor allem körperlich noch großes Entwicklungspotenzial. Andere verfügten über hohe Trefferquoten, müssten aber lernen, am Schießstand mutiger und schneller zu agieren.
Keine großen Ansagen – aber große Ambitionen
Auf einen konkreten Medaillen- oder Titelplan will sich Flunger zunächst nicht festlegen. "Was jetzt nicht heißt, dass wir nichts Großes erreichen wollen", betont sie. Es wäre aber der falsche Weg, "etwas Großes auszurufen", bevor sie die Athletinnen und das Umfeld ausreichend kenne.
Die Ausgangslage sei trotzdem gut: "Wir wissen, dass es etwas zu tun gibt, die Motivation ist groß." Nach der vergangenen Saison sei kaum jemand zufrieden gewesen – entsprechend groß sei nun der Arbeitseifer.
Flunger setzt auf eine neue Fehlerkultur
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Umgang mit Fehlern. Gerade am Schießstand will Flunger Mut sehen. "Mir persönlich ist ein Fehler mit Überzeugung lieber als irgendwie so ein ewiges Rumgeeiere am Schießstand", sagt sie. Fehler dürften nicht automatisch zu einer Rüge von den Trainern führen. "Ich glaube, diese Fehlerkultur ist ein Stück weit auch zuzulassen, weil nur aus Fehlern kann man auch lernen." Denn nur wer den Sprung wagt, könne langfristig Sicherheit entwickeln. Für Flunger bedeutet das nicht, kopflos zu schießen – sondern mit Überzeugung.
Keine Leitfigur? Auch eine Chance
Dass ohne Preuß eine klare Leitfigur fehlt, sieht Flunger nicht ausschließlich als Problem. Eine dominante Athletin könne zwar Druck von den anderen nehmen. Fehle diese Person, könne sich die Verantwortung aber auch auf mehrere Schultern verteilen. "Wir haben eine schöne Konstellation in der Gruppe mit arrivierteren, erfahrenen Athletinnen und der jungen Garde dahinter."
Und gerade in der Nachwuchsarbeit sieht Flunger Grund zum Optimismus: "Da kommen wirklich ehrgeizige junge Mädels nach, die wirklich ihr Bestes geben." Der Weg zurück an die Weltspitze dürfte dennoch Zeit brauchen. Flunger aber sieht die Voraussetzungen dafür. Vor allem eines hat sie in ihren ersten Monaten in Deutschland beeindruckt: "Erstaunlich eigentlich, wie groß Biathlon Deutschland ist." Das Know-how im Land sei enorm. Nun muss aus diesem Potenzial wieder Erfolg werden.
Dieser Artikel ist erstmals am 9. September 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
