Sophia Thiel gehört zu den ersten und bekanntesten Influencerinnen Deutschlands. Über mehr als ein Jahrzehnt hat sie über einer Million Followern angesammelt. Bekannt wurde sie für ihren Fitness-Content: sie teilte Workouts, gab Ernährungstipps und präsentierte ihren durchtrainierten Körper.
Doch hinter dem öffentlichen Erfolg verbargen sich persönliche Probleme. Thiel sprach immer wieder über psychische Belastungen, eine Essstörung, Leistungsdruck und Burnout. Im BR24Sport-Podcast "Pizza & Pommes" mit Felix Neureuther und Philipp Nagel blickt die heute 31-Jährige offen auf diese Zeit zurück und erzählt, wie sie aus dem Kreislauf herausgefunden hat.
- "Pizza & Pommes" – der BR24Sport-Podcast mit Felix Neureuther und Philipp Nagel. Die neue Folge jetzt anhören bei ARD Sounds und überall, wo es Podcasts gibt. Den Podcast gibt es jetzt auch als Videopodcast bei BR24Sport auf YouTube.
Negative Kommentare zu Thiels Körper: "Narben im Gehirn"
Der kritische Blick auf den eigenen Körper habe sie seit ihrer Kindheit begleitet, berichtet Thiel. Schon im Kindergarten habe sie Erfahrungen mit Mobbing gemacht. Abwertende Bemerkungen über ihr Gewicht hätten sich tief eingeprägt. "Das sind so kleine Sachen, die wie Narben im Gehirn sind oder auf der Seele", beschreibt sie die Auswirkungen bei "Pizza & Pommes".
Ihr Körpergewicht sei jahrelang ein bestimmendes Thema gewesen. Als Jugendliche begann Thiel abzunehmen, intensiv zu trainieren und ihre Ernährung zu kontrollieren. Gleichzeitig wuchs ihre Präsenz in den sozialen Medien. Die Followerzahlen stiegen, Werbedeals kamen hinzu. Ihre Bekanntheit insbesondere bei einem jungen Publikum wuchs.
Thiel: "Habe nur noch auf Autopilot funktioniert"
Thiel dachte, ihre früheren Probleme überwunden zu haben: "Alle meine Probleme sind gelöst. Jetzt kann mich ja keiner mehr mobben." Doch der Erfolg brachte neue Belastungen mit sich. Mit der zunehmenden Bekanntheit veränderte sich Thiels Alltag.
Freundschaften gingen in die Brüche, das Verhältnis zu ihrer Familie wurde schwieriger. Gleichzeitig wuchs der Drang nach Kontrolle. "Ich war sehr verbissen, verkrampft und wollte alles kontrollieren", sagt Thiel. Sie habe so sehr versucht, ihr Leben und ihren Körper im Griff zu behalten, dass sie "nur noch auf Autopilot" funktioniert habe.
Thiel: "Man wird zur Hülle, die keine Kraft mehr hat"
Heute betrachtet sie diese Phase kritisch. Vor ihrer Fitness bedingten Prominenz sei sie wesentlich lebhafter und unbeschwerter gewesen. "Und auf einmal wird man zu dieser Hülle, die keine Kraft mehr für nichts hat", beschreibt sie ihren damaligen Zustand. "Man kann sich seine Persönlichkeit wirklich wegdiäten."
Thiel geriet nach eigenen Angaben in einen Kreislauf aus psychischen Problemen, extremen Gewichtsschwankungen und dem ständigen Versuch, den eigenen Körper zu verändern. Dabei habe sie erfahren, wie unterschiedlich Menschen aufgrund ihres Aussehens behandelt werden.
Wenn sie stark abgenommen habe, habe sie viele positive Reaktionen erlebt. Sobald sie wieder zunahm, seien diese Erfahrungen teilweise verschwunden. Das habe ihr die enge Verbindung der gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit und dem eigenen Selbstwert gezeigt.
Social Media als Verstärker – aber nicht als alleinige Ursache
Die Verantwortung für Körperideale möchte Thiel nicht ausschließlich bei sozialen Medien suchen. Schönheitsnormen habe es lange vor Instagram, TikTok und Co. gegeben. "Was halt heute Social Media ist, war früher die Bravo oder Barbie oder irgendwelche TV-Sendungen von damals", sagt sie. Formate wie "Germany's Next Topmodel" hätten vor dem digitalen Zeitalter Schönheitsbilder vermittelt.
Neureuther sieht die Entwicklung dennoch kritisch. Soziale Medien könnten bestehende Unsicherheiten verstärken und zusätzlichen Druck erzeugen. Der ehemalige Skirennfahrer beschäftigt sich als Vater von vier Kindern mit der Frage, welchen Einfluss soziale Netzwerke auf jüngere Generationen haben.
Es komme darauf an, offen über eigene Gefühle und Probleme zu sprechen, betont Neureuther. Ein stabiles soziales Umfeld und gegebenenfalls psychologische Unterstützung könnten helfen.
Thiel: Selbstwert darf nicht vom Aussehen abhängen
Thiel sieht einen entscheidenden Ansatz darin, den eigenen Selbstwert nicht von äußerlichen Merkmalen abhängig zu machen. Gerade in einer Welt, in der sich ein großer Teil des sozialen Lebens im Internet abspielt, sei es wichtig, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. "Dass man einfach seinen eigenen Wert bedingungslos immer bei sich hat und dass man einfach versteht, dass es nichts mit dem Aussehen zu tun hat", lautet ihr Rat.
Von Körperidealen wie dem auf TikTok verbreiteten Skinny-Trend müsse man sich bewusst distanzieren. Für Thiel ist die eigene Geschichte Warnung vor einem Streben nach einem vermeintlich perfekten Körper: Fitness und Selbstoptimierung können nach außen Erfolg versprechen – gleichzeitig aber zum Problem werden, wenn der eigene Selbstwert davon abhängig gemacht wird.
