Bietet sich einem Sportler oder einem Team die Möglichkeit auf einen Titel, wird gerne der Begriff "historische Chance" verwendet. Nicht immer trifft das zu. Bedenkt man die Gelegenheit, die Emma Aicher und Kira Weidle-Winkelmann aktuell haben, ist man allerdings geneigt, in die Schublade mit Wörtern wie "geschichtsträchtig" zu greifen.
Vonn-Ausfall wird zur Chance für Aicher und Weidle-Winkelmann
Das DSV-Duo, das bei Olympia 2026 in der Team-Kombination Silber gewann, steht im Abfahrtsweltcup der Frauen gegenwärtig auf den Rängen zwei und drei, während die in Führung liegende Lindsey Vonn nach ihrer schweren Verletzung nicht mehr wird eingreifen können.
Gelingt es einer oder sogar beiden Deutschen, die US-Amerikanerin noch abzufangen, wäre es die erste kleine Kristallkugel für den DSV seit Viktoria Rebensburgs Triumph im Riesenslalom 2018. Der letzte deutsche Gesamtsieg in der Abfahrt durch Maria Riesch liegt sogar zwölf Jahre zurück.
Vonns Vorsprung groß – aber nicht uneinholbar
Insgesamt standen die deutschen Frauen seit der Jahrtausendwende am Saisonende elfmal in einer Disziplin und einmal im Gesamtweltcup ganz oben. Und das, nachdem man in den 1990er Jahren mit Katja Seizinger, Martina Ertl, Hilde Gerg und Katrin Gutensohn insgesamt 15 kleine und zwei große Kristallkugeln gewonnen hatte.
Die Chance, die sieben- bzw. zwölfjährige Durststrecke zu beenden, ist riesig. Vonn kann ihrem Kontostand von 400 Punkten nichts mehr hinzufügen. Die Rückstände von Aicher und Weidle-Winkelmann sind nach der Abfahrt in Soldeu mit 94 und 144 Zählern groß, aber bei drei Abfahrten bis zum Saisonende nicht uneinholbar.
DSV-Duo macht auf Understatement: "Lindsey führt nach wie vor"
Legt man den Punkteschnitt pro Rennen in der Königsdisziplin bei Aicher (51 Punkte) und Weidle-Winkelmann (42,7 Punkte) zugrunde, werden beide noch an Vonn vorbeiziehen. Vor der anstehenden Abfahrt in Soldeu (Andorra) gab sich das Duo aber noch zurückhaltend.
"Es führt die Lindsey nach wie vor. Und auch nach morgen wird sie noch führen", sagte Weidle-Winkelmann im Sportschau-Interview am Donnerstag, während Aicher auf die übrige Konkurrenz verwies: "Es sind so viele schnelle Mädels knapp beieinander. Es sind noch viele Rennen. Es ist noch gar nichts ausgemacht."
Konkurrenz sitzt Aicher und Weidle-Winkelmann im Nacken
Tatsächlich liegt die Italienerin Sofia Goggia mit 240 Punkten nur 16 Zähler hinter Weidle-Winkelmann und 66 hinter Aicher. Auch Goggias Landsfrau Laura Pirovano (236 Punkte) sowie die US-amerikanische Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson (223 Punkte) und die Österreicherin Cornelia Hütter (219 Punkte) könnten noch gefährlich werden.
Dennoch ist die Stimmung bei Aicher und Weidle-Winkelmann, die nach den Winterspielen bei einem Kurztrip nach Barcelona entspannten, vor dem Saisonendspurt gut, wie Weidle-Winkelmann erklärte: "Jetzt haben wir sechs Rennen in zwei Wochen. Sehr wichtige Rennen auch für so ein Gesamtstanding. Ich freu mich auf die nächsten Wochen."
Im Video: Aichers Abfahrt in Soldeu
Emma Aicher
Weidle-Winkelmann vor Soldeu: "Erinnert an Skicross"
Bei ihrer ersten Hürde in den Bergen Andorras wartete dabei mit ihren eigenen Schwierigkeiten auf. "Es ist interessant dieses Jahr. Sehr viele Wellen. Es erinnert schon wieder an Skicross hier", berichtete Weidle-Winkelmann nach den ersten zwei Trainingsläufen in Soldeu. In der Abfahrt am Freitag wurde die 30-Jährige Elfte.Aicher nahm die Bedingungen in den Pyrenäen bei frühlingshaften Temperaturen gelassen. "Ich finde die Strecke ganz cool. Es sind lange, schöne Kurven, viele Wellen, aber ich finde es eigentlich ganz witzig zu fahren", meinte die Gewinnerin von Silber in der Abfahrt bei Olympia. Aicher wurde Vierte und verbesserte damit die Aussichten in der Disziplinwertung.
Wer schreibt sich in die Geschichtsbücher?Nach Soldeu stehen noch zwei Abfahrten in Val di Fasse und eine im norwegischen Lillehammer auf dem Programm. Am Ende könnten entweder Aicher oder Weidle-Winkelmann in die Fußstapfen von Rebensburg und Riesch getreten sein. Zusammen mit den Medaillen bei den Winterspielen wäre es ein Erfolg, der durchaus historisches Ausmaß hat.
Im Video: Aicher über Platz Vier in Soldeu
Emma Aicher
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