Am 4. Mai werden in den bayerischen Grundschulen die Übertrittszeugnisse ausgeteilt. Darin enthalten: die von den Lehrkräften anhand des Notendurchschnitts festgestellte Eignung für das Gymnasium oder die Realschule.
- Zum Artikel: Bildungschancen – So entscheidend ist das Elternhaus
Verteilung auf Schularten in Bayern seit Jahren ähnlich
Hartnäckig hält sich die Behauptung, dass es in Bayern jedes Jahr mehr Kinder werden, die auf ein Gymnasium gehen. Zum Schuljahr 2024/2025 erhielten über 55 Prozent eine Gymnasialempfehlung (externer Link). Tatsächlich für das Gymnasium entscheiden sich im Schnitt rund 40 Prozent aller Grundschulabsolventen.
Rund 30 Prozent starten das neue Schuljahr in einer Realschule und weitere 30 Prozent in einer Mittelschule. Im Verlauf der letzten 15 Jahre hat sich diese Verteilung kaum geändert, wie die Daten des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zeigen:
Grafik: Entwicklung der Übertrittsquoten in Bayern
Die große Bewegung gab es, so Bildungsforscher Marcel Helbig vom Leibniz-Institut in Bamberg, in den 1990er- und 2000er-Jahren. Die Ausläufer davon sind in den Daten noch zu erkennen. "Ich glaube, wir hatten es mit einem sozialstrukturellen Mechanismus zu tun [...], dass wir in der Elterngeneration einen immer größeren Anteil von Personen hatten, die selbst Abitur gemacht haben", erklärt Helbig die Entwicklung vor 2010.
Leichter Anstieg während der Corona-Pandemie
Auffällig ist noch ein leichter Anstieg der Übertrittsquoten auf das Gymnasium und die Realschule in den Jahren der Coronapandemie. Der Bildungsforscher führt das vor allem auf einen gemäßigteren Leistungsanspruch zurück. Dieser Meinung ist auch Sabine Bösl, Schulleiterin und Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV): "Da gab es einfach andere Bedingungen. Und auch wir haben als Lehrkräfte manches [...] großzügiger gehandhabt."
Grafik: Große Unterschiede zwischen den bayerischen Regionen
Auch wenn die Quoten im bayernweiten Durchschnitt stagnieren – innerhalb des Freistaats unterscheiden sie sich stark. So wechselten im Sommer 2025 in Oberbayern circa 45 Prozent der Kinder auf das Gymnasium. In der Oberpfalz und in Schwaben waren es nur rund 35 Prozent. In Niederbayern hatten die Real- und Mittelschulen mehr Übertritte als die Gymnasien.
Realschule im ländlichen Raum höher angesehen
Bildungsexperte Marcel Helbig hat diese Unterschiede analysiert und dabei auch die Quoten der Eignungsempfehlungen berücksichtig. Auch diese unterschieden sich regional (in geringerem Ausmaß) – entscheidend ist aber, dass sie anders ausgenutzt werden: In ländlichen Regionen schicken mehr Familien ihre Kinder trotz einer Gymnasialempfehlung auf die Realschule.
Das habe, so Helbig, die Konsequenz, dass auch viele leistungsstarke Kinder die Realschule besuchen. Dadurch werde die Realschule auf dem Land als starke Schulform wahrgenommen, auf die Familien ihre Kinder gerne schicken. Ein selbstverstärkender Effekt.
Einfluss auf die Übertrittsentscheidung: Bildungshintergrund, Infrastruktur, Förderung
Als weiteren Grund für die Unterschiede nennt Helbig vor allem den Bildungshintergrund der Eltern ab, aber auch die Erreichbarkeit der Schulen und die Infrastruktur vor Ort könne eine Rolle spielen.
Bildungsexpertin Sabine Bösl vom BLLV sieht das ähnlich und ergänzt: "Oft meint man, der Migrationshintergrund spiele eine Rolle, aber ich erlebe an meiner Schule viele Eltern mit Migrationshintergrund, denen die Bildung ihrer Kinder einfach sehr wichtig ist." Entscheidend beim Übertritt auf eine weiterführende Schulart sei der soziökonomische Hintergrund.
In den Städten Kluft zwischen Gymnasium und Mittelschule
In den Städten ist die Verteilung oft anders. Die meisten Kinder mit Gymnasialempfehlung würden diese auch wahrnehmen, sagt Bildungsforscher Marcel Helbig. Zulasten der Realschulen, die in Städten die niedrigste Übertrittquote haben.
Aber auch hier muss zum Teil zwischen Stadteilen differenziert werden, wie Bildungsforscherin Sibylle Schneider von der Universität Augsburg betont: "In so einer Stadt haben wir ganz unterschiedliche Situationen. Wir können den [Augsburger Stadtteil] Oberhausen nicht vergleichen mit der Augsburger Innenstadt. Das sind wie zwei Welten."
Bayernkarte: So sieht der Unterschied in den Landkreisen und kreisfreien Städten aus
Bildungsforscherin: Verbindliche Schulempfehlung kann positiven Effekt haben
In den meisten Bundesländern werden unverbindliche Schulempfehlungen ausgesprochen. Dort ist der Kinder- und Elternwille entscheidend. In Bayern hingegen braucht es für die Aufnahme aufs Gymnasium in der Regel ein Übertrittszeugnis, das die Eignung feststellt. Verbunden damit sind verstärkte Prüfungen, umgangssprachlich "Grundschulabitur" genannt.
Bildungsforscherin Schneider ist der Meinung, dass die verbindlichen Übertrittszeugnisse einen positiven Effekt haben können. Demnach würden mehr leistungsstarke Kinder auch die Realschule besuchen, was in Bayern zu einer höheren Bildungsgleichheit führe.
BLLV: Frühes, strenges Auswahlverfahren erzeugt Druck
Laut Schulleiterin Sabine Bösl vom BLLV erzeugt die Praxis aber einen enormen Druck auf Kinder und Eltern: "Es gibt viele Kinder, die leiden sehr und wir stellen immer mehr fest, dass es auch um psychische Gesundheit geht – dass es zu Ängsten kommt, dass die Kinder weinen, wenn sie eine schriftliche Leistungserhebung zurückbekommen mit einer Note drei."
Der BLLV appelliert daher dafür, den Eltern die Entscheidung über den Bildungsweg ihrer Kinder zuzutrauen. Zusammen mit vielen Bildungsforschenden wie Marcel Helbig spricht der Verband sich zudem dafür aus, die Aufteilung später im Schulleben durchzuführen – wie in anderen Bundesländern schon lange üblich.
💡 Sophie Menner und Claudia Kohler analysieren für BR24 TV, Radio und hier im Digitalen Daten – mit dem Fokus auf Bayern. Die Recherchen beleuchten datengestützt aktuelle Themen und deren Hintergründe und Zusammenhänge. Eine Kooperation mit der Tageszeitung Main-Post ist preisgekrönt. Haben Sie ein Thema, auf das wir mit der Datenbrille schauen sollen? Schreiben Sie uns: br24.feedback@br.de, Stichwort: Datenthema
Zum Video: Am Montag gibt es Übertrittszeugnisse
Am Montag gibt es in den vierten Klassen Übertrittszeugnisse - also den Fahrschein in die Mittelschule, die Realschule oder ins Gymnasium.
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