Waschbären gelten, ebenso wie Quaggamuscheln, in der EU als gebietsfremde invasive Art. 115 davon gibt es in Deutschland, darunter auch Signalkrebse, Riesenbärenklau und Ambrosien. Wie gefährlich sind sie für die Artenvielfalt? Was lässt sich gegen ihre Ausbreitung tun? Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht.
Nistkästen als Falle
Gut 600 Nistkästen betreut Vogelschützer Friedhelm Dittmar im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen. Eigentlich sollen sie den Vögeln fehlende natürliche Bruthöhlen in Bäumen ersetzen. Doch die Nistkästen sind zu Fallen geworden: Waschbären plündern sie problemlos.
"Der Waschbär hat so zugenommen, dass er eine absolute Geißel ist und systematisch von Kasten zu Kasten geht. Und wenn er das einmal raus hat, macht er das immer wieder", klagt Dittmar. Aber er tut etwas dagegen: Er tüftelt daran, Nistkästen waschbärsicher zu machen.
Waschbären: Bekämpfen oder arrangieren?
Bis zu zwei Millionen Waschbären leben geschätzt schon in Deutschland. Sie breiten sich hier aus, seit einige Exemplare vor über 90 Jahren in Hessen ausgewildert wurden. Ihr Vorteil: Sie sind Allesfresser und haben bei uns keine natürlichen Feinde – bisher jedenfalls. Für ohnehin bedrohte Arten – etwa bei Vögeln und Amphibien – könnten Waschbären der sprichwörtlich letzte Sargnagel sein, befürchten Artenschützer wie Thomas Aumer vom Landesbund für Vogelschutz.
Wie sehr sie die Artenvielfalt langfristig gefährden, ist unter Wissenschaftlern aber umstritten. Das gilt auch für den Umgang mit ihnen: Forscher aus dem ZOWIAC-Projekt der Goethe-Universität Frankfurt [externer Link] etwa fordern eine intensive und flächendeckende Jagd auf Waschbären. Die Jäger müssten dabei besser von Bund und Ländern unterstützt werden.
Waschbären sind schon zu lange bei uns, um sie zu vertreiben, sagt dagegen Waschbär-Forscherin Berit Michler vom Thünen-Institut Eberswalde [externer Link]. Um bedrohten Arten zu helfen, müssten vor allem deren Lebensbedingungen verbessert werden.
Quaggamuschel setzt Renken unter Druck
Am oberbayerischen Chiemsee sorgt sich Fischer Florian Lackerschmid um seine Renken. Die stehen schon wegen des Klimawandels unter Druck. Jetzt kommen die Quaggamuscheln dazu. Sie breiten sich seit etwa zwei Jahren explosionsartig im Chiemsee aus und verändern die Nahrungskette im See.
Die wenigen Renken, die Lackerschmid noch in seinen Netzen hat, sind oft klein und dürr. Er arbeitet deshalb mit einem Forschungsteam der Ludwig-Maximilians-Universität München zusammen, das die Entwicklung der Muscheln im See untersucht.
Werden Quaggamuscheln den Chiemsee zerstören?
Die zwei Zentimeter kleinen Einwanderer aus der Schwarzmeer-Region erobern auch bayerische Gewässer: Im Chiemsee überwuchern Quaggamuscheln schon fast alles unter Wasser: ob Steine, Äste oder verlorene Sonnenbrillen.
Weil sie das Wasser filtrieren, fehlt es anderen Seebewohnern an Nahrung. Für Arten wie die Renke oder die ohnehin gefährdete große Teichmuschel ein Problem. Andere wie Armleuchter-Algen profitieren davon.
Wie stark sie sich noch ausbreiten werden, ist offen, sagt Herwig Stibor [externer Link] von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Irgendwann könnten zum Beispiel Viren oder Bakterien die Muscheln befallen und zu Populationsabnahmen führen. Auch heiße Sommer wie der letzte verlangsamen die Ausbreitung spürbar. Seine Prognose: Der Chiemsee wird nicht sterben wegen der Quaggamuscheln – aber er wird sich verändern.
Neuer BR-Podcast: Mission Artenvielfalt
Die Artenvielfalt steht unter Druck – durch Hitze und Dürre wie in diesem Sommer, durch Pestizide oder veränderte Lebensräume. Über 80 Prozent selbst geschützter Ökosysteme sind in Europa in schlechtem Zustand [externer Link].
In sechs Podcast-Folgen von "Mission Artenvielfalt" begleiten BR-Reporter Menschen, die etwas dagegen tun wollen. Sie erzählen von ihren Versuchen, bedrohte Arten zu retten, von den Bemühungen, die Biodiversität zu erhalten, vom Sinn, den auch ungeliebte Tiere für die Natur haben – und von ihrem Umgang mit invasiven Waschbären und Quaggamuscheln.
"Die trickreiche Quaggamuschel" sowie fünf weitere Folgen des neuen BR-Podcasts "Mission Artenvielfalt": ab 25.09. in ARD Sounds.
Im Audio: "Mission Artenvielfalt" - Die hartnäckigen Waschbären (3/6)
Mission Artenvielfalt: Die hartnäckigen Waschbären (3/6)
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