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Ein Nikotinpflaster zum Aufkleben auf die Haut.
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Ein Nikotinpflaster zum Aufkleben auf die Haut.

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Suchtstoff Nikotin als Heilmittel? Studienlage zu dünn

Suchtstoff Nikotin als Heilmittel? Studienlage zu dünn

Einige Influencer feiern Nikotin als medizinisch hilfreich, etwa bei Alzheimer - um es vom Image als schädlichen Stoff zu befreien. Doch Mediziner empfehlen Nikotinpflaster nur zur Rauchentwöhnung - und ansonsten: kein Nikotin. Ein #Faktenfuchs.

Darum geht's:

  • Influencer verzerren die Studienlage und beschreiben Nikotin als potenziell "hochwirksames Medikament".
  • Sie behaupten, der Suchtstoffe helfe bei Alzheimer oder Schizophrenie.
  • Forschungsergebnisse zu Nikotin sind jedoch zu dünn, um den Stoff als Heilmittel zu empfehlen. Seine Suchtwirkung und andere Gesundheitsrisiken überwiegen.

Nikotin als Medikament bei Alzheimer? Nikotin ist vor allem als Suchtstoff in Zigaretten bekannt. Einige Influencer behaupten aber, das Problem sei nicht Nikotin, sondern nur der Tabak und die Verbrennung. Darunter die US-Influencerin Jillian Michaels, die der Kampagne "Make America Healthy Again" von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. nahesteht. Rauchen ist unbestritten sehr gesundheitsschädlich. Einige Influencer aber sagen: Nikotin werde zu unrecht verteufelt - und könne sogar medizinisch helfen. Nikotin ist jedoch ein Nervengift, das Gefahren bringt.

Der E-Zigaretten-Influencer Thomas Frohnert aus Bayern sagt dennoch in einem Video: "Was wäre, wenn ich dir sage, dass eins der am meisten gehassten Gifte der Welt in Wahrheit ein hochwirksames Medikament sein könnte?" So verwendet, helfe Nikotin etwa bei Schizophrenie und Alzheimer. "Wir müssen aufhören, die Substanz mit dem Verbrennen von Tabak gleichzusetzen." Auf Anfrage des #Faktenfuchs schreibt Frohnert, er habe in der Vergangenheit Geld mit Vaping-Produkten verdient, sein primäres Einkommen bestreite er aber "vollständig außerhalb der E-Zigaretten- und Tabakbranche".

Im Video sagt Frohnert: "Wer Nikotin sauber konsumiert, nutzt ein mächtiges Stimulans mit enormem medizinischem Potenzial." Mit "sauberem" Konsum meint er Produkte, die ohne Verbrennen auskommen, wie Nikotinpflaster, Nikotinbeutel (Pouches) oder Vapes, wie er auf #Faktenfuchs-Anfrage angibt. In seiner Mail an den #Faktenfuchs schreibt er, Nikotin sei kein Heilmittel, aber ein therapeutischer Ansatz zur Symptomlinderung. Experten widersprechen: Um einen angeblichen medizinischen Nutzen zu belegen, ist die Studienlage nicht gut genug.

Nikotin und Alzheimer: Warum die zitierte Studie nicht ausreicht

Die Wirkung von Nikotin in Bezug auf Demenzerkrankungen ist zu wenig erforscht, um es zu empfehlen. Auf die Frage nach seiner Quelle, verweist der E-Zigaretten-Influencer Frohnert in einer Mail an den #Faktenfuchs auf eine Studie, die gewisse Verbesserungen durch Nikotinpflaster bei Patienten mit leichten kognitiven Störungen (mild cognitive impairment, MCI) zeigt. In seiner E-Mail nennt Frohnert MCI eine Vorstufe von Alzheimer. Allerdings erkrankt nicht jeder mit MCI-Diagnose automatisch an Alzheimer. MCI kann auch andere Ursachen haben, zum Beispiel Gefäßschäden oder Medikamente, nicht nur die Alzheimer -typischen Veränderungen im Gehirn. Die Studie untersuchte also nicht speziell Alzheimer-Patienten. Sie zeigt deshalb weder, dass Nikotin Alzheimer verhindert, noch dass es zur Behandlung der Alzheimer-Erkrankung taugt.

Forschungslage noch zu dünn

Christiane Thiel von der Universität Oldenburg ist Neurobiologin und interpretiert die Nikotinpflaster-Studie zwar so, dass sie in Richtung eines Vorteils bei kognitiven Einschränkungen zeige. Sie schreibt dem #Faktenfuchs aber auch: "Zur Prävention und Behandlung würde ich das aktuell nicht empfehlen, ganz einfach, weil die Evidenz, dass es hilft, noch zu dünn ist."

Keine Empfehlung für den medizinischen Einsatz

MCI könne zudem etwa auch ein Symptom einer Depression sein, sagt Neurologe Özgür Onur, Demenz-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Leitender Oberarzt an der Uniklinik Köln dem #Faktenfuchs. "Daraus abzuleiten, dass mittel- bis langfristig positive Effekte von Nikotin auf Alzheimer-Patienten beobachtet wurden, das würde zu weit führen."

Auch die anderen vom #Faktenfuchs befragten Experten sagen: Untersuchungen lieferten bisher keine überzeugenden Daten dafür, dass reines Nikotin bei der Vorbeugung oder Behandlung von Demenz helfen könnte.

Nikotin und Schizophrenie

Auch bei Schizophrenie empfiehlt Andrea Rabenstein von der Tabakambulanz der LMU Klinikum München Nikotin nicht. "Schizophrenie-Patienten sind unsere schwerst-nikotin- oder -tabakabhängigen Patienten", sagt die Suchtmedizinerin. Sie konsumierten teils sehr hohe Dosen von Nikotin, etwa bis zu 90 Zigaretten am Tag. Denn kurzfristig könne Nikotin die Symptome ihrer Erkrankung reduzieren - wie Konzentrationsmangel, Angst oder Unruhe - oder auch Nebenwirkungen bestimmter Medikamente gegen Schizophrenie für kurze Zeit abschwächen.

Kurzfristiger Effekt, langfristige Abhängigkeit

Aber auch wenn für Patienten mit psychiatrischer Erkrankung Nikotin sehr attraktiv erscheine, halte die positive Wirkung auch hier nur kurz an, sagt Rabenstein. Denn Nikotin mache sehr schnell abhängig und eine Gewöhnung setzt ein. Mit der Zeit seien immer höhere Dosen nötig, um denselben Effekt zu erzielen und Entzugserscheinungen zu dämpfen. Der anfänglich als positiv empfundene Effekt gehe dabei verloren.

Nikotinpflaster bei ME/CFS?

Einige User weisen auf Social-Media-Plattformen darauf hin, dass Patienten mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) Nikotinpflaster nutzen, "im Selbstversuch", wie es in einem Kommentar heißt. Manche schreiben, dass das Berliner Universitätsklinikum Charité Nikotin in einem Leitfaden zur Behandlung von ME/CFS erwähnt.

Der Text des Charité-Leitfadens zeigt aber, wie wenig Mediziner noch darüber wissen, ob Nikotin helfen kann. In dem Leitfaden steht zwar, dass manche Patienten positive Erfahrungen mit niedrig dosiertem, über die Haut aufgenommenen Nikotin berichten. Mehr aber nicht. "Es gibt diverse positive Patientenberichte im Internet, aber Studien stehen noch aus", heißt es in dem Leitfaden. Zudem weisen die Autoren darauf hin, dass es ebenso anekdotische Berichte über Zustandsverschlechterungen gibt.

Andrea Rabenstein von der LMU München fasst es so zusammen: "Als Suchtmedizinerin würde ich sehr befürworten, dass man Nikotinpflaster bestimmungsgemäß als leitliniengerechte Tabak- oder Nikotinentwöhnung einsetzt." Denn nur dafür seien sie gedacht. Aber nicht zur Behandlung von Symptomen - aufgrund der gesundheitlichen Risiken, die auch reines Nikotin mit sich bringe. Jeder Konsum von Nikotin birgt die Gefahr der Gewöhnung, der Abhängigkeit und damit von Entzugserscheinungen. Nikotin kann leichte bis schwere Vergiftungssymptome hervorrufen. Zudem warnen etwa Krankenkassen vor Gefäßschäden durch Nikotin.

Hier lesen Sie mehr über die Risiken von Nikotin.

Fazit

Mediziner warnen davor, Nikotin - auch ohne Tabak - als Heilmittel zu benutzen. Es ist ein Suchtstoff, der schnell in die Abhängigkeit führt. Studien, die positive Effekte auf Patienten mit leichter kognitiver Störung - etwa des Gedächtnisses - seien nicht aussagekräftig genug, um Nikotin etwa als potenzielles Medikament gegen Alzheimer zu empfehlen. Auch für Schizophrenie-Patienten gilt: Die Nachteile überwiegen.

BR24 auf TikTok: Nikotin gegen Alzheimer?

Quellen:

Interviews/Presseanfragen:

Andrea Rabenstein, Tabakambulanz LMU Klinikum München

Özgür Onur, Leitender Oberarzt Uniklinikum Köln, Demenz-Experte DGN

Christiane Thiel, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Veröffentlichungen

Alzheimer Forschung Initiative e.V., Mild Cognitive Impairment

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), S3-Leitlinie "Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung"

Annual Review of Pharmacology and Toxicology, Pharmacology of nicotine: addiction, smoking-induced disease, and therapeutics

AOK, Welche Wirkung hat Nikotin?

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), S3-Leitlinie "Müdigkeit"

Bundesinstitut für Risikobewertung, Gesundheitliche Bewertung von Nikotinbeuteln (Nikotinpouches)

Charité, Praxisleitfaden Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS)

CNN, Influencers promote Nicotine for wellness

Cureus, Effects of Smokeless Tobacco on Oral Health: A Cross-Sectional Study

Europäische Kommission, Tabakerzeugnisse: Kommission verklagt Dänemark vor dem Europäischen Gerichtshof, weil es nicht alle Arten von Snus verbietet

Forensic Science International, A one-year monitoring of nicotine use in sport: frontier between potential performance enhancement and addiction issues

Frontiers in Pharmacology, Small pouches, but high nicotine doses—nicotine delivery and acute effects after use of tobacco-free nicotine pouches

LMU Klinikum, Neue Studie findet extrem hohe Nikotindosen in tabakfreien Nikotinbeutel

Neurology, Nicotine treatment of mild cognitive impairment: a 6-month double-blind pilot clinical trial New York Times, Influencers are spinning Nicotine as a 'natural' health hack

Sports Medicine, Nicotine: Sporting Friend or Foe? A Review of Athlete Use, Performance Consequences and Other Considerations

Psychopharmacology, Meta-analysis of the acute effects of nicotine and smoking on human performance

The Lancet, From periodontal inflammation to oral cancer: the impact of smokeless tobacco

The New England Journal of Medicine, Nicotine addiction

The Washington Times, RFK Jr. calls pouches "safest way to consume nicotine'

WADA, The 2026 Monitoring Program

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