Der 7. Oktober 2023: Dieser Tag hat nicht nur weltweit das Leben von Jüdinnen und Juden grundlegend verändert, sondern auch das von Palästinenserinnen und Palästinensern. Etwa das von Scherif Zaki, dreifacher Familienvater aus München, der sich gerade zum Psychotherapeuten für Kinder ausbilden lässt.
Er erinnert sich noch genau, als er die schrecklichen Nachrichten las, vom Terror der Hamas, die den Grenzzaun nach Israel überwunden hatte und wahllos Zivilisten tötete und entführte. "Da war mir sofort klar, dass jetzt eine sehr, sehr schwere Zeit kommen wird, vor allem für die Leute im Gazastreifen. Aber mir war auch klar, dass die ganze Bevölkerung, auch die, die an diesem Angriff nicht beteiligt waren, die der Hamas vielleicht sogar kritisch gegenüberstanden, trotzdem den Preis dafür zahlen werden müssen."
Es sei dann noch viel schlimmer gekommen, als er sich das vorgestellt habe, so Zaki, der unter anderem in der palästinensisch-israelischen Dialoggruppe "Yallah, Let's talk" engagiert ist. Schon in den Jahren vor 2023 habe es immer wieder israelische Luftangriffe im Gazastreifen gegeben, mit vielen Toten und viel Zerstörung. Aber nie so wie jetzt. "Und es hat bis heute nicht aufgehört."
Im Video: Gedenken und Mahnungen am Jahrestag des Hamas-Überfalls
Gedenken und Mahnungen am Jahrestag des Hamas-Überfalls
Rund 74.000 Tote – darunter Zehntausende Zivilisten
Wie groß das Leid in Gaza ist, zeigen auch die Zahlen: Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden bei Angriffen der israelischen Armee seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 74.000 Menschen in Gaza getötet, darunter etwa 21.000 Kinder und Jugendliche. Das Ministerium wird größtenteils von der Hamas geführt, die Zahl von internationalen Beobachtern und US-Geheimdiensten aber als glaubwürdig eingeschätzt.
Die Zahl der zehntausenden Toten bleibt hier, aus der Distanz, oft abstrakt. Für Zaki ist sie spätestens seit August 2025 sehr konkret. Er erinnert sich an eine Gedenkveranstaltung, bei der die Namen aller getöteten Kinder verlesen wurden: von denen, die am 7. Oktober 2023 in Israel getötet wurden, und von den Kindern im Gazastreifen. Am späten Vormittag begannen sie damit, die Namen der Kinder vorzulesen, die in Gaza getötet wurden und jünger als 12 Jahre waren. "Und als es zu dämmern begann, gegen 21 Uhr, waren wir noch lange nicht fertig."
International wurde der israelische Krieg im Gazastreifen zunehmend heftig kritisiert. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Kriegsverbrechen, nicht wenige – wie Amnesty International oder B'tselem - inzwischen auch von einem Genozid.
Palästinenser in Israel können nicht nach Gaza zurück
In größter Sorge um die eigene Familie lebt seit dem 7. Oktober auch Farid. Er kommt aus dem Gazastreifen, arbeitet seit sechs Jahren als Tagelöhner in Israel, auf Baustellen oder als Gärtner in arabischen Städten. Eigentlich wollte er im Herbst 2023 zurück zu seiner Familie. Doch dann griff die Hamas Israel an, Israel begann die Operation "Eiserne Schwerter" – und Farid war gestrandet.
Seine Familie in Gaza musste derweil aus ihrem Zuhause in Khan Yunis im Süden des Gazastreifens fliehen, ihr Haus wurde bei einem Luftangriff zerstört. Nun leben sie bei Verwandten, wie so viele andere in notdürftigen Unterkünften. Neun von zehn Menschen in Gaza geht es so, sie konnten laut OCHA (dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten) bisher nicht in ihre Häuser zurück. Vor allem in den kommenden Herbst- und Wintermonaten laufen ihre Unterkünfte Gefahr, überschwemmt zu werden.
Fast der ganze Lohn geht nach Gaza
Und auch die Gewalt im Gazastreifen hält an: Über 60 Prozent des Gebiets werden noch immer vom israelischen Militär kontrolliert, Angriffe auf Terroristen treffen immer wieder auch Zivilisten. Seit Beginn eines "Waffenstillstands" zwischen Israel und der Hamas vor rund einem Jahr hat die israelische Armee dort mehr als 1.400 Menschen getötet. Hinzu kommen immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen im Gazastreifen.
Wer Angehörige oder Freunde in Gaza hat, versucht zumindest, mit Geld zu unterstützen. Farid etwa überweist jeden Monat fast seinen gesamten Lohn nach Hause, bis zu 1.000 Dollar – damit sein Sohn Medizin studieren kann, damit seine Familie etwas besser lebt als andere. Seinen einjährigen Enkel kennt er nur vom Bildschirm. Das Zuhause, in das er mal zurückkehren wollte, gibt es nicht mehr.
Seine Situation ist kein Einzelfall: Schätzungen zufolge sind über 3.000 Menschen aus dem Gazastreifen nach dem 7. Oktober 2023 in Israel oder im besetzten Westjordanland gestrandet – ohne Status, ohne Sicherheit und immer in der Angst, verhaftet zu werden.
Im Westjordanland greifen radikale Siedler Palästinenser an
Auch im von Israel besetzten Westjordanland hat sich die Lage für Palästinenser seit dem 7. Oktober dramatisch zugespitzt. Immer häufiger greifen radikale Siedler palästinensische Dörfer an, töten Menschen und Tiere, besetzen Land und Häuser. Israelische Menschenrechtsorganisationen werfen der Armee vor, der Siedlergewalt tatenlos zuzusehen oder sie gar zu unterstützen.
"Die Gewalt durch Siedler hat ein beispielloses Ausmaß erreicht", sagte im August etwa Ramiz Alakbarov vom Büro des UN-Sonderkoordinators für den Nahost-Friedensprozess. Bis dato hatten die Vereinten Nationen allein in diesem Jahr über 1.430 Vorfälle unter Beteiligung israelischer Siedler dokumentiert, die zu Verletzten, Sachschäden oder beidem führten. Und: "Viele dieser Vorfälle ereigneten sich in Anwesenheit israelischer Sicherheitskräfte", so Alakbarov.
In Israel fordern rechtsextreme Politiker Annexion und Vertreibung
Der 7. Oktober 2023 hat auch die ohnehin tief gespaltene israelische Gesellschaft noch weiter polarisiert. Immer offener haben rechtsextreme Politiker wie der Nationale Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir oder Finanzminister Bezalel Smotrich in den vergangenen Jahren zuvor Unsagbares geäußert, etwa die vollständige Annexion des besetzten Westjordanlandes gefordert, zur gezielten Tötung von Zivilisten im Gazastreifen aufgerufen oder Pläne zur Vertreibung der Menschen in Gaza vorgestellt.
Wer in Israel diese Politik kritisiert, gerät zunehmend unter Druck. Das zeigte zuletzt etwa der Fall der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor. Ihr Film "Naza" wurde im September beim Filmfestival von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. 24 israelische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter sprechen darin anonym darüber, wie die israelische Armee in Gaza Ziele mithilfe von KI aussucht – und dabei den Tod von Zivilisten als "Kollateralschaden" (Codewort: Naza) bewusst in Kauf nimmt.
Die israelische Armee weist diese Darstellung zurück. Sie stellt die Glaubwürdigkeit der Zeugen infrage. Manche Aussagen beträfen Entscheidungen, über die Angehörige niedrigerer Dienstränge keinen Überblick haben könnten. Die Armee kritisierte, ihr sei der Film für eine Erwiderung nicht vorab vorgelegt worden. Der israelische Kulturminister Miki Zohar bezeichnete die Arbeit der Filmemacher als Landesverrat und forderte gar, ihnen die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Zaki: Das Bewusstsein hat sich verändert – auch in Deutschland
Für Sherif Zaki, den angehenden Kindertherapeuten aus München, hat sich in den letzten drei Jahren dennoch etwas verändert. Am Anfang schien es ihm oft so, als ließe sich in Deutschland mit dem Massaker vom 7. Oktober alles rechtfertigen, was danach kam. Doch inzwischen habe sich zumindest in der Bevölkerung das Bewusstsein verändert: "Die Leute sehen einfach über die Jahre, dass dieser Gegenschlag keine Selbstverteidigung mehr ist, sondern dass es um absolute Dominanz geht, um absolute Zerstörung."
Trotzdem würde er sich mehr echte Veränderung wünschen – vor allem auf politischer Ebene: weniger Rückhalt für die israelische Regierung und ein Ende der deutschen Waffenlieferungen nach Israel.
Im Video: Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff
Drei Jahre nach dem Massaker der Hamas im Süden Israels gedenkt das Land der Opfer des Terrorangriffs.
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