Janusz Szafranski, Enkel eines in München 1942 hingerichteten polnischen Widerständlers nimmt mit 80 Jahren Verspätung die Kopie des Abschiedsbriefs seines Großvaters entgegen. Er hatte seit 1970 im Staatsarchiv München gelegen.
Janusz Szafranski, Enkel eines in München 1942 hingerichteten polnischen Widerständlers nimmt mit 80 Jahren Verspätung die Kopie des Abschiedsbriefs seines Großvaters entgegen. Er hatte seit 1970 im Staatsarchiv München gelegen.
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80 Jahre zu spät: Abschiedsbriefe aus der Todeszelle übergeben
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80 Jahre zu spät: Abschiedsbriefe aus der Todeszelle übergeben

80 Jahre zu spät: Abschiedsbriefe aus der Todeszelle übergeben

BR24 hat im Staatsarchiv München rund 50 Abschiedsbriefe von zum Tode verurteilten Gefangenen aus München-Stadelheim entdeckt. Sie waren nie zugestellt worden. Nach intensiver Recherche zu den Nachkommen sind nun die ersten Briefe übergeben worden.

Über dieses Thema berichtet: Stadt Land Leute am .

Nach 80 Jahren bekommen Familien von Opfern der Münchner Guillotine endlich die Abschiedsbriefe ihrer Liebsten. Denn etwa 50 von ihnen hat die Justiz während des Nationalsozialismus nicht zugestellt, weil darin zum Beispiel Kritik am Todesurteil stand oder am NS-Regime. Seit 1975 liegen diese Briefe im "Staatsarchiv München". Offenbar hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, nach den Familien zu suchen.

Familien der Guillotine-Opfer über Europa verstreut

Auf Vermittlung von BR24 suchen nun die "Arolsen Archives" nach den Nachkommen der Opfer und haben das Projekt "#lostwords" ins Leben gerufen (externer Link). Die Familien sind über Europa verstreut und leben in Deutschland, in Polen, Tschechien, Frankreich oder Italien. 20 von ihnen sind inzwischen ausfindig gemacht. Die polnische Freiwillige Manuela Golz hat etwa den Enkelsohn des Widerständlers und Güterzugschaffners Antoni Jastrzabek gefunden.

Der Enkel wusste bereits, dass sein Großvater in seinen Zügen Widerstandsschriften gegen die deutschen Besatzer mitgenommen hatte und dafür "wegen Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt worden war. Am 3. Juli 1942 wurde er mit der Guillotine von München-Stadelheim enthauptet. Sein Leichnam wurde der Anatomie übergeben und zerlegt – wie bei etwa der Hälfte der fast 1.200 Münchner Opfer.

Enkelsohn nach detektivischer Suche gefunden

Da seine Tochter Irena schon vor Jahren bei den "Arolsen Archives" nach Informationen zu ihrem Vater gefragt hatte, kannte die Rechercheurin Manuela Golz ihren Wohnort in Polen. Weil Irena jedoch schon gestorben war, ließ Golz eine Nachricht auf ihrem Grab ablegen – mit der Bitte um Kontaktaufnahme. Diese Nachricht fand ihr Sohn Janusz Szafranksi und meldete sich.

Jetzt hat der Enkel bei einem Besuch in München eine Kopie des Briefes mit seinem Letzten Willen seines Großvaters in Empfang genommen (das Original soll im "Staatsarchiv München" bleiben). Darin heißt es: "Schreiben Sie auf mein Grab bitte meinen Namen, damit meine Frau Juzephina es nach dem Krieg finden und meine sterblichen Überreste nachhause holen kann."

Bei der Übergabe wischt sich sein Enkel Janusz Szafranksi mehrmals mit einem Taschentuch die Augen. Er sei glücklich über diesen Abschluss, sagt der 73-Jährige hinterher, aber er bedaure, dass seine Mutter nicht mehr vom Letzten Willen ihres Vaters erfahre. Sie hatte mit 14 Jahren miterleben müssen, wie die Gestapo ihn abholte. Sie hat ihn nie wiedergesehen.

"Staatsarchiv München" sieht sich nicht in der Verantwortung

Das "Staatsarchiv München" betrachtete es all die Jahre nicht als seine Verantwortung, nach den Adressaten der Briefe zu suchen. Dafür habe man auch nicht die personellen Kapazitäten, sagt Archivleiter Julian Holzapfl. Der Auftrag eines Archivs sei es nur, Schriftstücke zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – schließlich hätten die Nachkommen die Akten mit den Briefen ja jederzeit einsehen können.

Eine Suche nach den Familien der Opfer wäre nach Ansicht des Archivleiters etwa die Aufgabe von Historikern gewesen, die mit den Akten forschen. Der Generaldirektor der "Staatlichen Archive Bayerns", Bernhard Grau, schreibt in einer Stellungnahme, "die Staatlichen Archive (können) weder die rechtliche noch die moralische Verantwortung für die Unrechtshandlungen übernehmen, die in den von ihnen übernommenen Archivalien dokumentiert sind". Er begrüße das Projekt der Arolsen Archives aber "uneingeschränkt".

Abschiedsbriefe können Familiengeheimnisse lüften

Immerhin können die Abschiedsbriefe auch 80 Jahre später noch wichtig für die Nachkommen sein. So hat sich für Markus Szczypta aus Essen ein Familiengeheimnis geklärt. In den Akten konnte er jetzt nachvollziehen, dass sein polnischer Großonkel während des Krieges Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof in der Nähe von Rosenheim war und mit 18 Jahren auf der Stadelheimer Guillotine starb. Eine Magd hatte ihm eine versuchte Vergewaltigung vorgeworfen.

In Akten las Szczypta jedoch, sie habe in den Vernehmungen zunächst nur von einem Schubser gesprochen. Der Beschuldigte selbst hat den Vorwurf in seinem Abschiedsbrief vehement bestritten. Heute ist Markus Szczypta froh, dass er den Abschiedsbrief und die Akten seines Großonkels jetzt kennt, weil ihm immer erzählt worden war, der Großonkel sei im Krieg von den Deutschen erschossen worden: "Mittlerweile können wir die Geschichte für uns nachvollziehen und sie hat jetzt eine Stimme bekommen mit dem Brief."

Das Radiofeature "80 Jahre zu spät: Abschiedsbriefe aus der Todeszelle " können Sie hier bei ARD Sounds hören.

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