Sie rollen Mürbteig aus, tunken Nussecken in weiche Schokolade und formen Semmel und Brezeln: Sechs Auszubildende aus Vietnam sind in der Backstube im Altusrieder Ortsteil Frauenzell am Werk. Bäckermeister Erwin Weber hat vor zwei Jahren den ersten Lehrling aus Vietnam eingestellt, nachdem er seine Lehrstellen jahrelang mangels geeigneter Bewerber nicht besetzen konnte.
Nicht nur der Bäckermeister profitiert – die 20-jährige Quynh Anh genießt in Deutschland, dass sie eine gute Ausbildung bekommt: "Ich kann hier viele Erfahrungen sammeln und habe eine gute Bezahlung." Einen Teil des Lohns schickt sie heim zu ihrer Familie.
Fachkräfteabkommen erleichtert Zugang für Vietnamesen
Auf die Idee, angehende Fachkräfte aus dem rund 9.000 Kilometer entfernten Land einzustellen, kam Weber durch einen Freund aus Vietnam. Wer ein Sprachzertifikat, eine Mindestausbildungsvergütung und eine Wohnung nachweisen kann, darf von dort nach Deutschland kommen. Ein Fachkräfteabkommen zwischen der Bundesregierung und Vietnam erleichtert seit 2024 die Vermittlung.
Weber sieht deutsche Sprache als Schlüssel der Integration
Seit die sechs Lehrlinge bei ihm arbeiten, ist es in der Backstube wieder schön, sagt Erwin Weber. Sie sollen nicht nur das Bäckerhandwerk lernen, sondern sich bei ihm auch wohlfühlen: "Wenn ich frühstücke im Büro und ich höre sie, wenn sie dann "kitteret" und loslachen, dann weiß ich, es ist alles gut."
Dabei ist dem Chef wichtig, dass sie die Sprache üben. Auch wenn die sechs Auszubildenden unter sich in der Backstube sind, sprechen sie deshalb ausschließlich Deutsch. Weber bezahlt ihnen die Hälfte des Deutschkurses, den sie sechs Stunden pro Woche besuchen. Er sieht in der Sprache den Schlüssel zur Integration.
Agenturen kümmern sich um die Vermittlung
Die meisten Auszubildenden aus Vietnam finden den Weg nach Deutschland über Agenturen. Ausbildungsbetriebe bezahlen dann eine Aufwandsentschädigung für Visum, Flug und Online-Vorstellungsgespräch. Wenn die Chemie zwischen Chef und angehendem Auszubildenden stimmt, kann die Ausbildung meist schon wenige Wochen später starten.
Weber: Schwarze Schafe nutzen Vietnamesen aus
Erwin Weber ist Obermeister der Allgäuer Bäckerinnung und hatte es auch schon mit schwarzen Schafen zu tun, die Arbeitskräfte aus Vietnam ausnutzen. Er sagt, sie brächten die jungen Menschen zu überteuerten Mieten unter, sodass ihnen von ihrem Gehalt kaum etwas übrig bliebe, oder verlangten von ihnen, dass sie länger arbeiten als erlaubt: "Das geht gar nicht. Das ist nicht der normale Fall, aber man muss aufpassen. Es darf nicht sein, dass man es ausnutzt." Nur zufriedene Auszubildende würden auch gern in Deutschland bleiben, sagt er. Und Fachkräfte zu gewinnen, die bleiben, ist sein Ziel.
Chance und Herausforderung für Berufsschule
Mittlerweile arbeiten in schwäbischen Bäckereien laut Handwerkskammer 100 Lehrlinge aus Vietnam – das ist schon fast jeder vierte. Für die Berufsschulen ist das Herausforderung und Chance zugleich, sagt der Leiter der Berufsschule in Kempten, Michael Vögele. Die Klassen werden je nach Sprachniveau gebildet, sodass die Sprachkenntnis gezielt gefördert werden kann. Das erfordert von den Schulen Organisation. Einige Schülerinnen aus Ländern wie Vietnam seien aber sehr erfolgreich, sagt Vögele: Beim letzten Abschluss seien sie mit einer Eins vor dem Komma ausgezeichnet worden.
Vietnamesen lernen Allgäuerisch
In Erwin Webers Backstube arbeiten die Auszubildenden bereits seit zwei Uhr morgens. Trotzdem sind sie kurz vor Feierabend um zehn Uhr bester Stimmung. Sie sind stolz, dass sie auch Allgäuer Worte wie "luag amol" für "schau mal" schon sagen können. Es wird viel gelacht: "Es macht viel Spaß hier", sagt Thu Trang. Und Thi Quynh fügt hinzu: "Ich möchte bei Erwin bleiben, weil ich habe einen guten Chef."
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