Mit 44 Jahren übernimmt Michael Fritz das Oberbürgermeisteramt für die Freien Wähler – zum ersten Mal in der Geschichte Ambergs. Sein Sieg war eine Überraschung: Fritz kommt nicht aus einer klassischen Parteikarriere, er war nicht einmal Mitglied des Stadtrats.
Kompromisse werden zum Alltag gehören
Bislang hat er an der Polizeischule im benachbarten Sulzbach-Rosenberg ausgebildet, mit festen Diensten und klaren Strukturen. Künftig sitzt er an anderer Stelle vorne: im Sitzungssaal des Amberger Rathauses, als Vorsitzender eines Stadtrats mit zehn Parteien und Gruppierungen. Die Freien Wähler haben dort keine eigene Mehrheit, die CSU ist stärkste Fraktion. Kompromisse werden für den neuen Oberbürgermeister zum Alltag gehören.
Als er das erste Mal in seiner künftigen Rolle im großen Sitzungssaal steht, wirkt der Moment auch auf ihn selbst: "Man realisiert es langsam aber sicher. Es ist ankommen", sagt Fritz. Gerade bei den Freien Wählern sei man im Wahlkampf nicht automatisch davon ausgegangen, dass es am Ende tatsächlich für das Amt reichen würde. "Dann hier zu stehen, ist trotzdem irgendwie beeindruckend."
Zwischen Kinderspielsachen und Wahlplakaten
Wer Michael Fritz zu Hause besucht, findet kein repräsentatives Politiker-Domizil, sondern ein Mehrfamilienhaus mitten in Amberg. Drei Zimmer, Kinderspielsachen auf der Couch, Schulranzen am Boden – hier beginnt sein Tag, bevor es künftig ins Rathaus geht (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt).
Fritz ist geschieden und dreifacher Vater. Zwei Kinder leben im Wechselmodell in Amberg, das jüngste Kind wohnt bei seiner Partnerin in München. "Bis jetzt war es ein klassisches Wechselmodell, also eine Woche zwei Kinder bei mir, eine Woche bei meiner Ex-Frau", erklärt er. Termine, Schule, Arztbesuche – alles streng durchgeplant. Mit dem Oberbürgermeisteramt werde das "erstmal ein bisschen unstrukturierter", vermutet er. "Aber ich versuche, dass ich da eine Struktur reinkriege."
Familie als Realität – auch in der Politik
Die Zeit mit den Kindern ist für den neuen Oberbürgermeister nach eigener Aussage das Wichtigste. Gerade deshalb will er ein Signal setzen, dass Familie und Politik kein Widerspruch sein müssen. Sonst wäre eine Familie ja ein K.-o.-Kriterium für ein politisches Amt, meint Fritz. "Genau das ist ja das, was fehlt in der Politik: das Verständnis für Menschen mit Familie."
Er selbst sieht seine Lebenssituation als Vorteil: Wer sich um Kinder kümmert, im Kita-System unterwegs ist und Vereinsleben aus Elternperspektive kennt, der bringe Erfahrungen mit, die in politischen Debatten oft fehlen. Es sei wichtig, zu wissen, "wie wichtig gute Versorgung vor Ort ist, dass die Kita nicht überfüllt ist und genug Personal da ist" – und was Vereine tatsächlich leisten, etwa wenn Fußball oder Musik Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zusammenbringen.
Fritz will mit seinem Beispiel zeigen, dass Kommunalpolitik auch von Menschen gemacht werden kann, die mitten im Berufs- und Familienleben stehen – und nicht nur von denen, die ihre gesamte Laufbahn auf Politik ausgerichtet haben.
Anspruch: Mehr Verständnis, mehr Miteinander
In den nächsten Jahren wartet viel Arbeit auf den neuen Oberbürgermeister: Zehn Parteien und Gruppierungen im Stadtrat, eine angespannte Haushaltslage und zahlreiche Projekte, die Bürgerinnen und Bürger in Amberg bewegen. Fritz weiß, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Ihm ist wichtig, dass die Stadt offen kommuniziert, was möglich ist – und was nicht.
Ein zentrales Ziel beschreibt er so: "Am Ende des Tages, glaube ich, wäre es einfach schön, wenn die Leute wieder mehr Miteinander hätten in der Stadt und einfach mehr Verständnis dafür haben, dass halt einfach manchmal das Städtische nicht immer so laufen kann, wie man es sich vorstellt, und dass das manchmal schwerer ist, als man denkt."
Michael Fritz will die Menschen in Amberg stärker einbinden und für kommunale Entscheidungen interessieren. Gleichzeitig möchte er ein Vorbild sein – für Eltern, Alleinerziehende und Pflegende, die sich bisher nicht zutrauen, politische Verantwortung zu übernehmen.
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