Protestierende AEG-Beschäftigte in roter Streik-Kleidung
Protestierende AEG-Beschäftigte in roter Streik-Kleidung
Bild
Vor 20 Jahren protestierten die AEG-Beschäftigten in Nürnberg gegen die Schließung des Werkes.
Bildrechte: dpa/ Daniel Karmann
Schlagwörter
Bildrechte: dpa/ Daniel Karmann
Audiobeitrag

Vor 20 Jahren protestierten die AEG-Beschäftigten in Nürnberg gegen die Schließung des Werkes.

Audiobeitrag
>

Arbeitskampf und Solidarität: Rückblick auf 20 Jahre AEG-Streik

Arbeitskampf und Solidarität: Rückblick auf 20 Jahre AEG-Streik

Im Winter vor 20 Jahren haben 1.750 AEG-Beschäftigte in Nürnberg sechs Wochen lang gestreikt. Damit wollten sie verhindern, dass das Werk geschlossen wird. Doch das ist inzwischen Geschichte. Nun haben die Beteiligten zurückgeschaut.

Über dieses Thema berichtet: Stadt Land Leute am .

Streik im Winter vor 20 Jahren: 1.750 AEG-Beschäftigte in Nürnberg legen sechs Wochen lang die Arbeit nieder. Damit wollten sie verhindern, dass das Werk geschlossen wird. Doch das ist inzwischen Geschichte. Nun haben die Beteiligten zurückgeschaut.

Zurück zum Ort des Arbeitskampfes: "Traurig"

20 Jahre nach dem großen Streik: Der frühere AEG-Betriebsratsvorsitzende Harald Dix kommt nicht gern zu dem Gelände im Nürnberger Westen zurück. "Die Menschen sind nicht mehr da, die große AEG-Familie ist weg. Ich bin dann schon traurig", sagt Dix. Heute schaut er auf die Abdrücke, die die Metalltonnen, in denen Feuer brannte, im Asphalt vor dem Werkstor hinterlassen haben. An diesen Feuertonnen wärmten sich die AEGler während des Streiks im bitterkalten Winter 2006 auf.

Bildrechte: BR/Michael Reiner
Bildbeitrag

Im Asphalt vor dem Werkstor sind die Abdrücke der Feuertonnen von 2006 heute noch zu sehen.

Werksschließung trotz schwarzer Zahlen

1.750 Beschäftigte arbeiteten damals in dem Werk. Der schwedische Mutterkonzern Electrolux schloss das AEG-Werk, obwohl es keine Verluste einfuhr. Nürnbergs damaliger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) erinnert sich, dass der Kampf um AEG die Krise war, die die höchste Solidarität in der Bevölkerung hatte. Der Grund dafür liegt nach Malys Worten beim schwedischen Konzern. "Man hat hier nie rote Zahlen geschrieben, und trotzdem hat die Geschäftsleitung in Stockholm entschieden, zuzumachen“, sagt er. Mit der großen Solidarität hätten die Menschen ihr Unbehagen gegenüber "diesem Raubtierkapitalismus" zum Ausdruck gebracht, sagt Maly heute.

Sehr große Solidarität

Die Solidarität war tatsächlich unglaublich groß vor 20 Jahren. Zustimmung bekamen die Streikenden von Vertretern der heimischen Wirtschaft sowie von Künstlern, die Konzerte vor dem Werkstor gaben. In den Elektromärkten waren die Marken AEG und Electrolux plötzlich Ladenhüter. Es kamen Besucher aus Nürnberg, Fürth und Erlangen und brachten Brennholz sowie Unmengen von Essen vorbei, Brötchen, Würste, Kuchen und Torten. "Das war unglaublich", sagt Karin Dengler, die vor 20 Jahren in der Fertigung von AEG arbeitete und mitstreikte. "Das muss man erlebt haben".

Bildrechte: dpa/Daniel Karmann
Bildbeitrag

Mit ihrem Streik wollten die AEG-Beschäftigten die Schließung des Werks verhindern.

Was der Streik gebracht hat

Der Streik dauerte sechs Wochen an: einer der längsten Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik. Doch er konnte AEG in Nürnberg nicht retten. Electrolux machte das Stammwerk in Nürnberg 2007 dicht. Die Beschäftigen erkämpften sich durch den Streik jedoch einen üppig ausgestatteten Sozialtarifvertrag. "Wir wollten es am Ende so teuer wie möglich machen", sagt der frühere Betriebsratsvorsitzende Harald Dix. Er hat inzwischen einen Job bei der IG Metall und sitzt für die SPD im Stadtrat. Die Beschäftigten mit Facharbeiterniveau fanden schnell eine Anstellung, berichtet Dix. Doch die Ungelernten hätten es schwer gehabt. "Das waren überwiegend Frauen mit Migrationshintergrund, die haben in der Industrie keinen Job mehr gefunden", erzählt Dix. Einige hätten sich als Reinigungskraft durchgeschlagen.

Aus dem AEG-Werk wurde Kultur, Wirtschaft und Forschung "auf AEG"

Nach dem Aus für das AEG-Werk wollte die Stadt nicht, dass der schwedische Electrolux-Konzern auch noch daran verdient. Zum Beispiel mit dem Abriss der Gebäude und dem Bau von Supermärkten. "Wir haben zu allem 'Nein' gesagt, was der Entwicklung für den Stadtteil hinderlich gewesen wäre", sagt der frühere Oberbürgermeister Maly. Nur deshalb gibt es heute die "Kulturwerkstatt auf AEG". Ein Treffpunkt für alle Menschen. Und ein Gewinn für den Stadtteil und den gesamten Nürnberger Westen.

Auf dem ehemalige Werksgelände, das inzwischen "Auf AEG" heißt, siedelte sich neben der Kulturwerkstatt zum Beispiel auch der Energie-Campus an, ein Forschungs-Netzwerk von Uni, Hochschulen und Unternehmen. Hier forschen sie an einer Lösung, wie Elektroautos beim Fahren aufgeladen werden können. Hier entwickeln sie Ziegelsteine mit rekordverdächtig guter Wärmedämmung. Und hier hat das Wasserstoffzentrum Bayern seinen Sitz. Gut 20 Jahre nach dem Aus für die Produktion ist das frühere AEG-Werksgelände, trotz aller Verwerfungen, ein Beispiel, wie Strukturwandel gelingen kann.

Im Video: Der lange Kampf um AEG

Beschäftigte des Nürnberger AEG-Stammwerks während einer Protestaktion im Jahr 2006: Mit roten IG-Metall-Kappen demonstrieren sie gegen die geplante Werksschließung – Beginn der längsten Werksbesetzung der deutschen Industriegeschichte.
Bildrechte: Bayerischer Rundfunk 2026
Videobeitrag

Widerstand bei AEG

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!