Eine tote Hirschkuh im Schnee, daneben Blutspuren – und nur wenige Meter entfernt Häuser: Ein Foto auf Facebook, das wahrscheinlich einen Wolfsriss zeigt, sorgt in Haidmühle im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau für Aufregung. Über 160 Kommentare sammelten sich unter dem Beitrag – viele davon voller Sorge: Von "Es reicht" bis zu "Vorbei mit den schönen Wanderungen in Wald und Flur".
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Den Bürgern die Ängste nehmen
Laut Jagdpächter Hermann Schuster, der das Revier in Haidmühle seit 2019 betreut, ist das bereits der dritte Wolfsriss in unmittelbarer Nähe von Häusern – ein weiterer habe auf einer Wiese stattgefunden. "Das Problem ist, dass die Wölfe hier sehr nah an die Häuser herankommen", sagt Schuster. Er fordert eine gemeinsame Strategie und beklagt, auf seine Schreiben an Politiker bislang keine Antwort erhalten zu haben.
Auch Bürgermeister Roland Schraml spürt Verunsicherung bei einigen seiner Bürger. "Ich habe zehn bis 20 Nachrichten bekommen", erzählt er. Die Gemeinde versuche, Ängste zu nehmen – doch absolute Sicherheit gebe es nicht. "Wenn in 99 Prozent der Fälle nichts passiert, bleibt immer noch das eine Prozent." Die Sorge seiner Bürger wolle er ernst nehmen, betont Schraml, "und natürlich verhindern, dass etwas passiert".
"Der Wolf ist vorsichtig und meidet den Menschen"
Wie gefährlich ist der Wolf wirklich? Das Bayerische Landesamt für Umwelt schreibt dem BR, beim bayerischen Wolfsmanagement stehe der Menschenschutz an oberster Stelle. Seit der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland (1996) und Bayern (2006) habe es keinen Angriff auf Menschen gegeben. "Der Wolf ist von Natur aus vorsichtig und meidet den Menschen", heißt es aus dem Landesamt. Fachlich sei derzeit nicht von einer erhöhten Gefahr auszugehen.
Ähnlich sieht das Uwe Friedel vom Bund Naturschutz (BN). Die Sorgen seien nachvollziehbar, sagt er, schließlich sei der Wolf für viele ein fremdes Tier. "Aber Wölfe sind vorsichtig und leben seit über 25 Jahren friedlich in Deutschland."
Ist der Wolf von Haidmühle ein "Problemwolf"?
In den Niederlanden hingegen gab es einen Vorfall: Am Rande eines Naturschutzgebietes wurde im August 2025 ein Kind von einem Wolf attackiert und mitgeschleift. Im Dezember dann wurde der sogenannte "Problemwolf Bram" erlegt. Er war schon zuvor mehrmals auffällig geworden.
Da fragen sich einige Bewohnerinnen und Bewohner von Haidmühle, ob auch der Wolf in ihrer Nachbarschaft ein solcher "Problemwolf" sein könnte. Fachleute sehen momentan keine Hinweise darauf. "Sollte ein Wolf mehrfach in geringer Distanz zum Menschen auftauchen oder auffälliges Interesse zeigen, würde er entnommen werden", erklärt Friedel. "Entnahme" – so der Fachbegriff für das Töten eines Tieres.
In Bayern hat es bisher keinen solchen Fall gegeben. Allerdings wurden in der Rhön schon Wölfe entnommen, weil sie Zäune überwunden haben, um Schafe zu reißen.
Richtiges Verhalten beim Anblick eines Wolfs
Wichtig ist, sich bei einer Wolfssichtung richtig zu verhalten: Wölfe dürften weder angefüttert noch angelockt werden, betont Friedel. Besonders Hundehalter sollten wachsam sein. "Eine Begegnung zwischen Hund und Wolf kann vorkommen – deshalb sollte man seine Tiere im Wolfsgebiet anleinen oder dicht bei sich führen."
Im benachbarten Territorium "Leopoldsreuter Wald" sind laut Landesamt derzeit mindestens sechs Wölfe nachgewiesen, die gemeinsam in einem Rudel leben. Ein zweites Rudel ist im Bayerischen Wald unterwegs. Die Bestände seien dynamisch, viele Tiere wanderten regelmäßig zwischen Bayern und Tschechien hin und her. Bayernweit zählt die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) neun nachgewiesene Rudel, bundesweit 209.
Information und Wissen über den Wolf schützen
Trotz der jüngsten Vorfälle haben sich viele Haidmühler offenbar mit der Rückkehr des Wolfs arrangiert. "Wölfe tun nichts", sagt eine Frau im Ortszentrum. "Sie haben bei uns genug zu fressen." Ein anderer Einwohner sagt: "Ich habe schon Respekt, wenn ein Riss direkt neben den Häusern passiert." Angst aber hat kaum jemand – die meisten gehen weiterhin in den Wald, zum Spazieren oder Langlaufen. Einig sind sich viele darin, dass Aufklärung der beste Weg ist: Jeder solle wissen, wie man sich bei einer Begegnung verhält.
Um genau das zu fördern, organisiert die Gemeinde Haidmühle mehrere Informationsveranstaltungen. Nächste Woche beginnen kindgerechte Schulungen in Kindergarten und Grundschule – mit dabei: die Regierung von Niederbayern. Eine Veranstaltung für Erwachsene im Umgang mit dem Wolf ist zeitnah geplant. Und auch die Freyunger Hundeschule "Brainy & Active Dogs" bietet am 22. März einen Info-Abend rund um den Wolf an.
Im Video: Tier-Doku – Kurt und seine Wölfe
Tier-Doku: Kurt und seine Wölfe.
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