Darum geht's:
- Zu Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine drehte sich die prorussische Desinformation vor allem um Geschehnisse auf dem Schlachtfeld.
- Mit der Zeit rückten auch ukrainische Geflüchtete sowie Verbündete der Ukraine in den Fokus der Propaganda.
- Auch die neuen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz verändern die russischen Desinformationskampagnen.
Russische Raketen und Drohnen haben in den vergangenen vier Jahren viele zehntausende Ukrainer das Leben gekostet und ganze Städte massiv beschädigt. Und auch im Netz feuert Russland gegen die Ukraine, ihre Bürger und Verbündete wie Deutschland. Die Munition: gefälschte Nachrichtenwebsites, KI-Videos, Lügen. Die koordinierten Kampagnen werden einerseits von den staatlichen Propaganda-Medien des Landes verbreitet, andererseits von anonymen Accounts und Bots auf Social-Media-Plattformen.
Die Osteuropa-Historikerin Susanne Spahn sagt vier Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine 2022 im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: "Die russische Desinformation spielt in dem Konflikt weiterhin eine Schlüsselrolle". Seit Beginn des Krieges finde in den russischen Medien eine Täter-Opfer-Umkehr statt: "Nicht Russland sei der Aggressor, sondern der Westen", sagt Spahn, die zu Russlands medialer Einflussnahme und Propaganda forscht.
Kriegsbeginn: Ereignisse auf dem Schlachtfeld im Fokus der Desinformation
Joseph Bodnar, Senior Researcher am Institute for Strategic Dialogue (ISD), sagt, Russland verfolge mit seinen Desinformationskampagnen weiterhin dieselben Ziele wie zu Beginn des Konflikt. "Sie wollen Zwietracht innerhalb und zwischen den westlichen Ländern säen. Sie wollen, dass die NATO zerbricht, dass die Ukraine als Aggressor und als Verschwendung westlicher Hilfe angesehen wird."
Über die vier Jahre hinweg habe sich die Ausrichtung aber teilweise verändert. "Zu Beginn des Krieges lag der Fokus vor allem auf den Ereignissen auf dem Schlachtfeld", sagt Bodnar. Die russische Propaganda stellte zum Beispiel das Massaker von Butscha im Frühjahr 2022 mit falschen Behauptungen und irreführenden Videos als ein von der Ukraine inszeniertes Ereignis dar. Dabei gab es bereits kurz nach dem Rückzug der russischen Truppen zahlreiche Belege für das russische Kriegsverbrechen an Dutzenden ukrainischen Zivilisten.
Nach einem russischen Raketenangriff auf den Bahnhof in Kramatorsk im April 2022 kursierte im Netz ein gefälschtes Video mit dem Logo der britischen Nachrichtensenders BBC, das versuchte, den Angriff der Ukraine anzuhängen.
Damit setzte die russische Seite fort, womit sie schon weit vor dem Angriff am 24. Februar 2022 begann: Die Ukraine zu diffamieren und nun als Aggressor darzustellen. Bereits vor dem russischen Überfall im Februar verbreiteten sich manipulierte Videos, die angebliche ukrainische Angriffe im Donbass zeigten, die es nicht gab. Dazu behauptete die russische Führung immer wieder, man wolle die Ukraine von "Nazis" befreien. Eine Falschbehauptung, die nichts mit den wirklichen politischen Verhältnissen in der Ukraine zu tun hat.
Insbesondere der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj steht seit Kriegsbeginn immer wieder im Fokus russischer Falschbehauptungen. Er wird etwa als Diktator dargestellt, der weder demokratische Legitimation hätte, noch Rückhalt in der eigenen Bevölkerung hätte - was nicht stimmt, wie dieser #Faktenfuchs zeigt.
Im Video: Ukraine-Krieg - Vier Jahre russischer Terror
Die EU-Spitze hat in Kiew der Opfer des Krieges gedacht - gemeinsam mit Präsident Selenskyj.
Ukrainer im Ausland werden mit Falschbehauptungen überzogen
Nachdem viele westliche Länder sich zur Unterstützung der Ukraine zusammengeschlossen hatten, Sanktionen erließen und zahlreiche ukrainische Flüchtlinge aufnahmen, wirkte sich das auf die Ausrichtung der russischen Desinformationskampagnen aus, sagt ISD-Forscher Bodnar. "Sie sahen darin Druckpunkte, die sie ausnutzen konnten, und verlagerten einen Teil ihrer Aufmerksamkeit hin zu Informationsoperationen, die auf diese westlichen Länder abzielen. Und auch die ukrainische Diaspora und die Flüchtlinge wurden ein großes Ziel und sind es bis heute geblieben."
Bereits 2023 berichtete der #Faktenfuchs über gefälschte Nachrichtenvideos. Mit diesen wurde versucht, ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland mit falschen Behauptungen Fehlverhalten anzuhängen. Derartige Behauptungen und Gerüchte werden immer wieder verbreitet - etwa während der Olympischen Winterspiele 2026, wie der ARD Faktenfinder recherchierte. Demnach kursierten gefälschte Videos, in denen behauptet wurde, das ukrainische Olympia-Team sei im Olympischen Dorf möglichst weit entfernt von den anderen Nationen untergebracht, da sie für Konflikte sorgen würden.
Laut Joseph Bodnar ist schon seit Jahren zu beobachten, wie die anti-ukrainische Desinformation an aktuellen Themen und Ereignissen anknüpf: "Wenn die Aufmerksamkeit aller auf die Olympischen Spiele gerichtet ist, versuchen sie, diese Aufmerksamkeit als Waffe einzusetzen um die Unterstützung der Menschen für die Ukraine zu verringern." Das war auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar 2022 der Fall, als fälschlicherweise behauptet wurde, ukrainische Fans hätten Nazi-Symbole verbreitet. Die Ukraine war nicht mal für das Turnier qualifiziert.
Künstliche Intelligenz verändert Inhalte - und wird selbst zum Ziel von Desinformation
Einfluss auf die Desinformationskampagnen hatte auch die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz. Joseph Bodnar vom ISD sagt über russische Kampagnen: "Zum einen nutzen sie KI, um die Menge an Inhalten zu erhöhen, die sie produzieren können, und um besser zu imitieren." Das zeigt sich etwa an einfach herzustellenden KI-Videos - wie im Falle des Deepfakes eines angeblich jungen ukrainischen Soldaten in 2025, der unter Tränen an die Front geschickt wird.
"Zum anderen", so Bodnar, "versuchen sie auch, die KI für den Rest von uns zu vergiften". Russland versucht gezielt falsche Inhalte zu erstellen, die von KI-Modellen gelesen werden und dann an die Nutzer dieser Modelle ausgegeben werden. Der #Faktenfuchs hat erst kürzlich über das Pravda-Netzwerk berichtet, das versucht die Künstliche Intelligenz mit solchen falschen Informationen zu füttern. Dort werden Millionen von Fake-Beiträgen auf eigenen Websites erstellt, laut Bodnar, "alles mit dem einzigen Ziel, die Daten zu vergiften, mit denen KI-Sprachmodelle trainiert werden. Die Ergebnisse können dadurch zu einer pro-russischen Voreingenommenheit tendieren."
Politischer Wandel in den USA: Europa als neuer Hauptfeind
Auch politische Veränderungen in den vergangenen vier Jahren haben die Ausrichtung der russischen Propaganda und Desinformation beeinflusst, sagt Osteuropa-Historikerin Susanne Spahn. Seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump würden die USA anders bewertet. "Im Vorfeld waren die USA der Feind Nummer Eins, zusammen mit der NATO, und das hat sich jetzt grundlegend geändert. Die USA sind jetzt vor allem Bündnispartner und Europa ist der Hauptgegner".
Das zeigte sich etwa, als prorussische Accounts Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer Kokainkonsum andichteten. Die angeblichen Belege eines Kokainbeutels auf einer Zugfahrt nach Kiew ließen sich auf hochauflösenden Bildern schnell als Lüge entlarven - tatsächlich handelte es sich um ein zusammengeknülltes Taschentuch. Oder im Falle des Berliner Stromausfalls im Januar 2026, als sich die falsche Behauptung verbreitete, es fehlen Notstromaggregate, weil sie an die Ukraine gegeben worden seien.
Viele dieser Behauptungen, Fake-Videos oder aus dem Zusammenhang gerissenen Inhalte verbreiten sich nicht über offizielle russische Medien, sondern über anonyme Accounts auf Plattformen wie X oder Tiktok. Wer genau dahintersteckt, lässt sich häufig nicht zweifelsfrei sagen. Doch letztlich decken sich die Inhalte mit den Zielen der russischen Propaganda- und Desinformationsstrategie.
Professionelle Desinformations-Kampagnen auf Social Media
Besonders die russische Desinformationskampagne "Storm 1516" hält Bodnar für eine "sehr professionelle Operation", da sie viele Akteure einbinde und breit aufgestellt sei. Sie versucht mit gefälschten Nachrichtenportalen und manipulierten Inhalten systematisch, die öffentliche Meinung in Europa – insbesondere in Deutschland und zur Ukraine – zu beeinflussen. "Es gibt viele Komponenten, und es ist schwer, sie in den Griff zu bekommen", so Bodnar. "Storm 1516" steht im Verdacht, vor der Bundestagswahl 2025 in die Verbreitung von Videos involviert gewesen zu sein, die Wahlbetrug suggerierten, wie der #Faktenfuchs damals berichtete.
Susanne Spahn beschreibt in ihrem Buch "Das Russland-Netzwerk" die russische Desinformations- und Propagandamaschinerie. Dem #Faktenfuchs sagt sie im Gespräch: "Russland hat ein Netzwerk aus Politikern, Influencern und Aktivisten aufgebaut. Zum einen wiederholen sie diese russischen Narrative und zum anderen werden sie dann aber auch von der Inlandspropaganda, also im russischen Staatsfernsehen, in Russland selber dann eben auch wieder zitiert."
- Lesen Sie dazu auch die #Faktenfuchs-Recherche: Wie Russland Propaganda zum Zwei-plus-Vier-Vertrag streut
Strategische Ambivalenz: Russland versucht zu verängstigen und verunsichern
Wie erfolgreich Russland mit seinen Desinformationskampagnen ist, sei letztlich schwierig zu beurteilen, sagen Spahn und Bodnar. Laut Bodnar liegt das teilweise auch an den Social-Media-Plattformen selbst. Früher habe man die Verbreitung von Inhalten etwa auf den Plattformen von Meta noch besser untersuchen können. "Das geht nicht mehr, wir haben keinen Zugriff mehr darauf." X, das ehemalige Twitter, sei im Hinblick auf die Verbreitung von prorussischer Propaganda "katastrophal", so Bodnar. "Ich habe mich heute bei X angemeldet und mir wurden durch den Algorithmus mehrere Beiträge von bekannten russischen Informationsoperationen angezeigt. Das ist äußerst problematisch."
Laut Susanne Spahn sei deutlich, dass manche der russischen Narrative im Hinblick auf die Täter-Opfer-Umkehr in Deutschland gewissen Anklang finden. Russland setze dabei sehr stark auf das rhetorische Mittel der strategischen Ambivalenz. "Da weiß man am Ende gar nicht mehr, was man denken soll: der Kreml soll einerseits friedliebend sein, auf der anderen Seite droht er aber dann doch mit den Atomwaffen." Damit, so Spahn, sollen die Menschen verunsichert und verängstigt werden.
Fazit
Auch vier Jahre nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine spielen russische und prorussische Desinformation und Propaganda Experten zufolge eine bedeutende Rolle in dem Konflikt. Während anfangs vor allem Ereignisse auf dem Schlachtfeld im Fokus von Falschbehauptungen und gefälschten Bildern stand, sind mittlerweile die Ukrainer selbst sowie ihre Unterstützer das Ziel von Desinformation.
Quellen:
Interviews/Presseanfragen:
Interview mit Susanne Spahn, Osteuropa-Historikerin und Buchautorin
Interview mit Joseph Bodnar, Senior Research Manager am ISD
Veröffentlichungen
BR24, #Faktenfuchs: Falsche Behauptungen zu Video aus Butscha
BR24, #Faktenfuchs: Angebliches BBC-Video über Kramatorsk ist Fake
BR24, #Faktenfuchs: Die Hintergründe von Russlands Nazi-Narrativ
BR24, #Faktenfuchs: Nein, Selenskyj ist kein "Diktator ohne Wahlen"
BR24, #Faktenfuchs: Falsche News-Videos machen Stimmung gegen Ukrainer
BR24, #Faktenfuchs: Video mit weinendem Ukraine-Soldaten ist KI-Fake
BR24, #Faktenfuchs: Wie russische Propaganda KI-Chatbots beeinflusst
BR24, #Faktenfuchs: Erfundene Kokain-Vorwürfe gegen Macron und Merz
BR24, #Faktenfuchs: Kein Notstrom-Mangel in Berlin wegen Ukraine-Hilfe
BR24, #Faktenfuchs: Fake-Meldungen über deutsche Politik fluten TikTok
BR24, #Faktenfuchs: Videos mit gefälschten Stimmzetteln aus Leipzig
BR24, #Faktenfuchs: Desinformation durch Bilder im Ukraine-Krieg
BR24, KI-generiert und gesteuert: Prorussische Kampagnen vor der Wahl
BR24, Putins Desinformation - Mit Lügen in den Krieg
BR24, Wie Russland Propaganda zum Zwei-plus-Vier-Vertrag streut
tagesschau.de, Desinformation bei den Olympischen Spielen
dpa factchecking, Youtube-Videos für «Al Jazeera»-Fake verwendet
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