Louis sitzt in seinem Studentenzimmer und wartet auf seine Verhaftung. Gerade als er aufstehen will, um sich im Supermarkt eine Apfelschorle zu kaufen, stürmt ein Spezialeinsatzkommando (SEK) seine Wohnung. "Ich hatte keine Kraft und keine Lust, davor wegzulaufen. Ich wollte nur noch, dass es vorbei ist", erzählt Louis später.
Eigentlich kommt Louis aus einem kleinen Ort in Niederbayern. Zum Informatikstudium zieht er 2019 nach Landshut. Nebenher betreibt der damals 22-Jährige seit 2018 Deutschlands größten Online-Drogenmarktplatz. Rund 36.000 Nutzer waren hier registriert. Zwei Jahre dauert es, bis das Bundeskriminalamt (BKA) herausfindet, wer hinter der Plattform steckt. Am 22. Oktober 2022 bekommen sie Louis zu fassen.
Der Fall erinnert auf den ersten Blick an "Shiny Flakes", einen 20-jährigen Leipziger, der in seinem Kinderzimmer einen Online-Drogenhandel aufbaute und 2015 geschnappt wurde. Auf seiner Geschichte basiert eine Netflix-Doku sowie die Serie "How to sell drugs online (fast)".
Doch anders als im "Shiny Flakes"-Fall steht hier ein bayerischer Student im Mittelpunkt: Wie kam es dazu, dass Louis die Plattform aufbaute, die zu Deutschlands größtem Onlinemarktplatz für Drogen wurde?
In der Doku-Serie "SUDO – Vom Schüler zum Darknet-Boss" sprechen Louis, der BKA-Cybercrime-Chef Carsten Meywirth und weitere Beteiligte über den Fall.
- Zur Doku-Serie: "SUDO – Vom Schüler zum Darknet-Boss" über Louis' Geschichte in der ARD Mediathek.
In der Schule gemobbt, online gefeiert
"Schule war für mich Hölle", sagt Louis. "Ich war halt einfach der unbeliebte Typ, den man nicht mag, weil er anders ist." Noch heute hat er ein ungutes Gefühl, wenn er ein Schulgebäude betritt. Er sei in der Schule beleidigt, irgendwann auch körperlich angegriffen worden. Seine Eltern hätten versucht, ihm zu helfen und mit der Schule gesprochen. Geändert hätte sich nichts. Die ehemalige Schule von Louis hat zu den Vorgängen inhaltlich keine Stellung genommen, aber auf die Anforderungen des bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen sowie die strafrechtliche Beurteilung auf die Strafverfolgungsbehörden verwiesen.
Weil die Eltern sein Talent für Technik erkennen, schenken sie dem 14-jährigen Louis einen Laptop. Damit eröffnen sie ihm eine Welt, in der er Zuflucht findet. In seinem Kinderzimmer lernt er zu programmieren, will alles über Computer und das Internet erfahren. Er entdeckt das Darknet, den verborgenen Teil des Internets, das oft für kriminelle Aktivitäten genutzt wird. Doch das schreckt den Schüler nicht ab, im Gegenteil. "Ein Anonymisierungsnetzwerk? Bin dabei, finde ich cool", habe er sich damals gedacht. Louis beginnt die Netzwerkstruktur des Darknets zu unterstützten, indem er eigene Tor-Knotenpunkte betreibt. "Ich habe die schnellste Tor Exit Node der Welt betrieben. Dafür gab es online massivste Anerkennung."
Ein neues Zuhause im Darknet
Louis ist auch auf illegalen Marktplätzen wie "Deutschland im Deep Web 2" unterwegs. Das ist die Nachfolgeplattform von "Deutschland im Deep Web", bekannt durch den Terroranschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München 2016. Dort hatte sich der rechtsextreme Täter die Tatwaffe besorgt. Nach dem Anschlag wird die Seite offline genommen, kurzzeitig gibt es die Nachfolgeplattform "Deutschland im Deep Web 2". Louis nennt sich dort "SUDO". Der Name kommt von einem Linux-Computerbefehl und steht für "Superuser do". Als Ermittler den Betreiber von "Deutschland im Deep Web 2" verhaften und die Plattform offline genommen wird, hat Louis das Gefühl, seine digitale Heimat verloren zu haben.
Er will einen Ort im Darknet, an dem jeder frei sagen und tun kann, was er will. Also entscheidet sich der mittlerweile 18-Jährige, im November 2018 selbst so einen Ort zu erschaffen. Seine neue Plattform nennt er "Deutschland im Deep Web 3". "Mit der Übernahme des Namens 'Deutschland im Deep Web' war klar, dass das Bundeskriminalamt ermitteln wird", sagt Louis heute. "Für mich war das eher eine technische Herausforderung: besser zu sein als das Bundeskriminalamt."
Mit seinem Taschengeld mietet er einen Server, installiert Sicherheitsprogramme und schickt den Link in ein Darknet-Forum. Nach wenigen Minuten, um 3.55 Uhr, registriert sich der erste Nutzer. Um 3.57 Uhr der nächste und der nächste und der nächste. Als Louis um kurz nach 4.00 Uhr ins Bett geht, sind schon rund 50 Nutzer auf der Plattform registriert. Zwei Stunden lang schläft Louis, dann muss er zur Schule.
Wie Amazon, bloß halt für Drogen
Und was macht das BKA? 2020 gründet es die Abteilung "Cybercrime", seitdem ist Carsten Meywirth dort der Leiter. "Natürlich sind wir auf vielen Marktplätzen aktiv. Und das wissen die Täter", erklärt er in der BR Doku-Serie. Besonderes Interesse hat sein Team an den illegalen Marktplätzen wie "Deutschland im Deep Web 3".
Für Louis dagegen ist "Deutschland im Deep Web 3" seine "persönliche Wohlfühloase". Hier ist er der Chef. Als SUDO erlaubt er alles, außer den Verkauf von Waffen, Sprengstoff und Kinderpornografie. Das Hauptgeschäft ist laut Louis "Amazon, bloß halt für Drogen". Heißt: Er selbst dealt nicht. Als Plattformbetreiber verdient er aber an jedem Verkauf mit.
Eigentlich ist Louis klar: "SUDO macht kriminellen Scheiß, Louis macht legalen Scheiß." Aber mit der Zeit verschmelzen seine beiden Identitäten immer mehr miteinander.
Im Video: Trailer zu "SUDO – Vom Schüler zum Darknet-Boss"
ARD Crime Time: SUDO
"Der Anfang vom Ende war, als mir der Konsum entglitten ist"
Als er zum Studium nach Landshut zieht, besucht er anfangs noch Vorlesungen und trifft sich mit Freunden. Aber schon nach kurzer Zeit isoliert er sich immer mehr, hängt nur noch in seiner Wohnung herum. "Ich bin oft an seiner Tür gewesen und habe geklingelt und habe ihn angerufen. Oft war es vergebens und dann bin ich alleine in die Vorlesung gegangen", erzählt Daniel, ein Freund und Mitstudent in der Doku-Serie.
Bis spät in die Nacht herrscht Louis über sein Darknet-Imperium. Schläft dann bis mittags, raucht nach dem Aufwachen einen Joint und geht wieder ins Darknet. "Kurzfristig war SUDO tipptopp", sagt er heute. "Auf die lange Sicht wurde SUDO dann immer mehr zu einer Bürde." Als Administrator übernimmt er Verantwortung für "Deutschland im Deep Web 3": Nutzer versuchen sich dauernd über die Regeln der Plattform hinwegzusetzten, wollen doch Waffen oder Material für Sprengstoffe kaufen. Der Neonazi André M. teilt Gewaltaufrufe in Louis' Forum. Louis schmeißt alle, die gegen die Regeln verstoßen, raus, wie er berichtet. Eine Daueraufgabe.
Und Louis ist von der Situation zunehmend überfordert. Um mit dem Druck klarzukommen, nimmt er Drogen und Angststiller. "Ich war unglaublich paranoid. Und war der festen Überzeugung, dass fast jeder Mensch ein BKA-Beamter ist, der mich gleich verhaftet."
Spurensuche im Darknet
Ende 2020 nehmen Carsten Meywirth und ein Team aus Ermittlern, Cyberanalysten und Cyberkriminalisten die Spur von SUDO auf. Die Ermittlungen seien komplex gewesen, berichtet der Cyberkrime-Chef des BKA. "Cybercrime-Ermittlungen unterscheiden sich von konventionellen Ermittlungen dadurch, dass sie einen sehr starken Technikbezug haben, eine sehr hohe Cyberkompetenz erfordern." Eine Information wird besonders relevant für das BKA: SUDO ruft auf der Plattform zu Bitcoin-Spenden auf. Dem Team gelingt es, SUDOs Wallet zurückzuverfolgen. "Dort waren dann die Klarpersonalien von SUDO hinterlegt. So sind wir auf seine Identität gestoßen", erzählt Meywirth.
Im Oktober 2022 wird Louis festgenommen. Er wird zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Während der Zeit macht er einen Entzug. Nach gut drei Jahren wird er im Herbst 2025 vorzeitig entlassen. Aus dem Vollzug habe er sich für verschiedene Jobs beworben, erzählt er. "Die Reaktionen waren gemischt". Viele Firmen hätten ihm wegen seiner Vorstrafe abgesagt, Doch sein jetziger Arbeitgeber habe an ihn geglaubt. Außerdem studiert Louis wieder im Bereich Informatik. Seine Taten bereut er: "Ich habe so vielen Menschen so krass weh getan."
Die dreiteilige ARD Crime Time "SUDO – Vom Schüler zum Darknet-Boss" läuft am 31. August 2026, um 23.35 Uhr im Ersten. Schon jetzt sind alle Folgen vorab in der ARD-Mediathek verfügbar. Es handelt sich dabei um eine Produktion der Thursday Company im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Buch und Regie: Felix Kriegsheim, Kirsten Brandt.
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