In Bayern sind derzeit etwa 113.000 Menschen in Asylunterkünften untergebracht. 26.400 Plätze stehen frei, teilt das Innenministerium auf BR-Anfrage mit. Und: 54.000 Plätze, also fast die Hälfte, sind sogenannte Fehlbelegungen. Heißt: Die Bewohner haben beispielsweise eine Duldung und müssten sich eigentlich selbst eine Wohnung suchen. Doch sie finden keine. Deswegen bleiben sie in den Asylunterkünften wohnen.
Sinkende Flüchtlingszahlen: Brauchen wir trotzdem Asylunterkünfte?
Jeder Landkreis ist für die Unterkünfte zuständig. Beispiel: Landkreis Ebersberg, südöstlich von München. Hier sind sogar mehr als die Hälfte der 1.200 Bewohner von Asylunterkünften sogenannte Fehlbelegungen. Doch würde der Landkreis sie vor die Tür setzen, müssten die Gemeinden die Betroffenen unterbringen. Landrat Robert Niedergesäß (CSU) stellt klar: "Um das Problem nicht auf die nächste Ebene zu verlagern, haben wir gesagt: Okay, ihr könnt bei uns bleiben, aber wir motivieren natürlich die Menschen, Wohnungen zu suchen, was in der Metropolregion München ein großes Problem ist, weil wir kaum Leerstand haben", so Niedergesäß.
Bestehende Verträge verzögern Schließungen
Finanziert werden die Asylunterkünfte vom Freistaat – und der drängt: Mit der Nennung einer Hausnummer von 42.000 Plätzen macht das Ministerium Druck auf die Landkreise, die für das operative Geschäft zuständig sind. Eine konkrete, zu erwartende Einsparsumme kann das Ministerium nicht nennen. Bislang seien im Jahr 2026 aber bereits mehr als 15.300 Plätze eingespart worden, heißt es beim Ministerium.
Im Landkreis Ebersberg sind heute 59 Unterkünfte in Betrieb, zu den Hochzeiten der Flüchtlingskrise waren es noch knapp 80. Notunterkünfte seien sämtliche bereits geschlossen. Heißt: Man schließt, was möglich ist, und sieht "keinen Dissens" mit dem Innenministerium. Es gebe aber auch bestehende Mietverträge, die zu erfüllen sind.
Unterschiedliche Gründe für Rückgang von Flüchtlingsankünften in Europa
Der konkrete Rückgang der Ankunftszahlen in Europa in den letzten Jahren habe viele Gründe, erklärt unterdessen Migrationsforscherin Petra Bendel von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Bedeutend sei vor allem die politische Stabilität in Syrien. Hinzu kommen Abkommen mit nordafrikanischen Ländern wie Tunesien, Menschen dort zurückzuhalten.
Doch Bendel weist darauf hin, dass bei einem verschärften Vorgehen Fluchtrouten sich eher verlagern. So versuchen heute zwar deutlich weniger Menschen eine Überfahrt von Tunesien nach Italien, dafür steigt beispielsweise die Zahl der Überfahrten von Marokko aus auf die Kanarischen Inseln.
Empfehlung: Zwischennutzung von leerstehenden Unterkünften
117,8 Millionen Menschen sind laut UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, weltweit auf der Flucht, der allergrößte Anteil im Inland der jeweiligen Krisenländer oder in den unmittelbaren Nachbarländern. Bendel warnt: Humanitäre Migration könne jederzeit wieder ansteigen und sei letztlich schwer steuerbar. Als Beispiel nennt sie den Iran, wo seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe viele Menschen im Landesinneren auf der Flucht seien. Eine weitere Verschärfung der Lage dort könnte dazu führen, dass diese Menschen zunächst in die Nachbarländer wie den Irak oder die Türkei fliehen und von dort aus weiter in die EU. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, die Nachbarländer und die dortigen NGOs verlässlich zu unterstützen, damit dort keine humanitäre Notlage entsteht. UN-Organisationen beklagen allerdings, dass die Bundesregierung die Mittel hier einsparen wolle.
Den Kommunen empfiehlt Migrationsforscherin Bendel deswegen, trotz weniger Ankünfte eine gewisse Anzahl an Unterkünften weiterhin vorzuhalten. Damit sie nicht leer stehen, sollten die Kommunen Konzepte entwickeln, wie die Räumlichkeiten temporär genutzt werden könnten, beispielsweise für Start-ups oder als kulturelle Einrichtungen auf Zeit.
Landrat Niedergesäß: "Gelernt aus Krisen"
Landrat Niedergesäß sagt, Liegenschaften vorhalten können man in seinem Landkreis nicht. Er hatte die Flüchtlingskrisen 2015 und 2023 als Landrat in Ebersberg managen müssen. Man habe anfänglich Fehler gemacht, sagt er rückblickend, beispielsweise würde er keine Turnhallen mehr für Unterbringungen nutzen. Das bremse Schulen und Vereine am Ende zu lange aus, und die Abnutzung und die Folgekosten seien immens. Sollten irgendwann die Ankunftszahlen wieder steigen, müsste er dann nach neuen Unterkunftsplätzen Ausschau halten: "Wir sind erfahren damit, wie wir das dann vor Ort lösen können, schnell und pragmatisch."
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