Wer über den Krankenstand spricht, denkt oft an Schnupfen, Erkältung und ein paar Tage zu Hause. Diese kurzen Ausfälle stehen im Mittelpunkt der politischen Debatte über die Krankschreibung ab dem ersten Tag und telefonische Krankschreibungen. Die Daten des BKK-Dachverbands zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild: Kurze Krankschreibungen sind zwar häufig, den größten Teil der Fehltage verursachen aber lange Erkrankungen.
Im Jahr 2025 dauerten mehr als ein Drittel aller Krankschreibungen der beschäftigten BKK-Versicherten in Deutschland nur ein bis drei Tage. Zählt man Krankschreibungen von bis zu einer Woche hinzu, machten kurze Ausfälle rund 70 Prozent aller Fälle aus. Für den Krankenstand entscheidend ist aber nicht nur, wie oft Beschäftigte krankgeschrieben werden, sondern wie lange sie ausfallen.
Lange Krankschreibungen sorgen für 44 Prozent der Ausfalltage
Auf die kurzen Krankschreibungen von bis zu einer Woche entfiel nur etwa ein Fünftel aller Fehltage. Die ganz kurzen Ausfälle von höchstens drei Tagen machten sogar nur rund sieben Prozent aus. Ganz anders sieht es bei langen Erkrankungen aus: Krankschreibungen von mehr als sechs Wochen verursachten 2025 allein 44 Prozent aller Ausfalltage bei den BKK-Versicherten.
Grafik: So hoch ist der Anteil kurzer Krankschreibungen
Die Statistik umfasst nur Fälle mit einer Krankschreibung. Je nach Kulanz-Regelung fordern Arbeitgeber erst ab dem vierten Tag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, manche Arbeitnehmer gehen trotzdem schon ab dem ersten Krankheitstag zum Arzt. Teilweise datieren Ärztinnen und Ärzte Krankschreibungen auch nachträglich zurück.
"Die Problematik der Krankheitstage wird eigentlich nicht gespeist durch die Kurzzeiterkrankungen, sondern eher durch die Patientinnen und Patienten, die sehr lange krank sind", sagt Wolfgang Ritter, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands.
Psychische Erkrankungen dauern im Schnitt am längsten
Die Dauer von Krankschreibungen variiert je nach Diagnosegruppe deutlich. Bayerische BKK-Versicherte mit einer psychischen Erkrankung waren 2024 im Schnitt knapp 38 Tage arbeitsunfähig. Krankschreibungen wegen Neubildungen, also Krebserkrankungen, dauerten durchschnittlich 31 Tage. Erkrankungen des Kreislaufsystems wie zum Beispiel Atherosklerose führten im Schnitt zu rund 22 Fehltagen je Krankschreibung.
Grafik: So lange dauern Krankschreibungen im Schnitt
Atemwegsinfekte, Rückenschmerzen und Depressionen dominieren
Auch innerhalb der einzelnen Diagnosegruppen gibt es besonders dominante Krankheiten: Beim Muskel-Skelett-System führen beispielsweise Rückenschmerzen im Schnitt zu besonders vielen Ausfalltagen. Bei den psychischen Erkrankungen stechen die depressiven Episoden hervor – und bei den Atemwegserkrankungen der medizinische Code "J06" – also alles, was der klassische Husten oder Schnupfen ist, der nicht weiter diagnostiziert wird, aber mittlerweile oft auch Covid.
Die Ausfälle aufgrund dieser Erkrankungen belasten damit auch die Wirtschaft, erklärt Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der dort am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) forscht.
"Die großen Treiber bei den Krankentagen sind lang andauernde Erkrankungen, vor allem Muskel-Skelett-Erkrankungen, zum Beispiel Rückenprobleme. Auch psychische Erkrankungen haben stark zugenommen. Sie sind mit den längsten Ausfallzeiten verbunden und damit große Kostentreiber."
Steigende Werte: Krankenstand seit eAU besser erfasst
Das sieht man auch im zeitlichen Verlauf seit 2016. Während Muskel-Skelett-Erkrankungen auf einem hohen Niveau verharren, werden Krankschreibungen aufgrund von psychischen Erkrankungen mehr. Ausschläge in den Daten entstehen weiterhin vor allem durch saisonale Infektwellen. Wolfgang Ritter, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands, führt einen großen Teil des Anstiegs seit 2021 auch auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 zurück. Früher erreichten viele kurze Krankschreibungen die Krankenkassen nicht, heute erfasst das System sie automatisch. "Die Form der Kurve hat sich nicht verändert, nur das Grundniveau", sagt Ritter.
Grafik: Entwicklung der durchschnittlichen Ausfalltage seit 2016
Seit Dezember 2023 können Ärztinnen und Ärzte bei leichten Erkrankungen wie Atemwegsinfekten wieder telefonisch krankschreiben, für maximal fünf Tage. Kritiker befürchten zusätzliche Krankmeldungen. Zahlen der BKK zum monatlichen Verlauf des Krankenstands wegen Atemwegsinfektionen zeigt aber vor allem die bekannten Erkältungswellen – die jährliche Grippesaison und seit Corona zusätzliche Erkrankungswellen im Sommer und vor Weihnachten.
Es kann kein sprunghafter Anstieg oder ein rapides Absinken während der zwischenzeitlichen Aussetzung der telefonischen Krankschreibung abgelesen werden, bestätigt die BKK.
Grafik: Durchschnittliche monatliche Ausfalltage mit und ohne telefonische Krankschreibung
Telefonische Krankschreibung kaum Auswirkungen auf Krankenstand
Laut Ritter vom Hausärzteverband ist die telefonische Krankschreibung vor allem hilfreich, um seine Patientinnen und Patienten auch während Infektwellen versorgen zu können – und kein Einfallstor für Missbrauch.
Das sagt auch Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbands. "Unsere Zahlen geben nicht her, dass die telefonische Krankschreibung schuld daran ist, dass wir plötzlich ein Volk der Krankmacher sind." Es gebe also auch keine Grundlage für diese Behauptung. Stattdessen zeigt eine Auswertung des Zentralinstituts (Zi) [externer Link] für die kassenärztliche Versorgung mit der BARMER für 2023, dass nur rund ein Prozent aller Krankschreibungen telefonisch erfolgten. Für 2024 kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) [externer Link] auf einen Anteil der telefonischen Krankschreibungen bei Atemwegserkrankungen von 0,5 Prozent.
Prävention laut Experten der größte Hebel
Einen größeren Einfluss auf den Krankenstand hat langfristig der demographische Wandel, so Graeber vom DIW. Die Erwerbsbevölkerung altert, zugleich treten weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein. Alterstypische und lang dauernde Erkrankungen gewinnen dadurch an Bedeutung. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das Ziel, Beschäftigte möglichst lange gesund im Arbeitsleben zu halten. "Hier muss ein stärkerer Fokus auf Prävention liegen."
Wichtig sei es, so Klemm vom BKK-Dachverband, ein gesundheitsförderndes Arbeitsumfeld zu schaffen. "In unseren Zahlen, die wir für Unternehmen machen, können wir zum Teil sogar nachverfolgen, wenn eine Führungskraft die Abteilung wechselt und die AU-Zahlen mit dieser Führungskraft mitwandern." Die Schulung von Führungskräften sei wichtig, ebenso das Angebot von Präventionsmaßnahmen, die auf die Arbeitnehmenden zugeschnitten sind.
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