Stimmt das Notfallkonzept zum Trinkwasserschutz in Reichling noch? Rund ein halbes Jahr nach der umstrittenen Erdgas-Probebohrung im Landkreis Landsberg am Lech sind behördliche Zweifel bekanntgeworden. Das geht aus einem Schreiben des Wasserwirtschaftsamtes Weilheim an das Bergamt Südbayern vom September 2025 hervor, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Schadstoffe fließen schneller zur Trinkwasserquelle
Demnach weisen neue Proben darauf hin, dass die Fließgeschwindigkeit des Grundwassers vor Ort mindestens dreimal so hoch ist wie bisher angenommen. Dadurch könnten Verunreinigungen deutlich schneller vom Bohrplatz bei der Trinkwasserquelle ankommen, als bisher im Notfallkonzept vorgesehen.
Durch das schneller fließende Wasser verringere sich die angenommene Reaktionszeit "möglicherweise auf nur wenige Monate", heißt es vom Wasserwirtschaftsamt - statt, wie bisher angenommen, auf rund zwei Jahre. Die Behörde pocht nun auf engmaschigere Wasserproben und auf ein angepasstes Notfallkonzept.
Kritik an verzögerten Prüfberichten
Doch die fehlerhafte Fließberechnung ist nicht der einzige Kritikpunkt des Wasserwirtschaftsamts. Die Behörde beklagt, dass die für die Proben zuständige Firma wiederholt Prüfberichte, die für den wirksamen Schutz der Trinkwasserversorgung nötig seien, nicht rechtzeitig vorgelegt hätte. Wörtlich ist die Rede von einer "systematischen und anhaltenden Missachtung der Bescheidsauflage".
Ob die Firma die angeforderten Proben bereits nachgereicht hat, blieb zunächst offen. Auf Nachfrage von dpa teilte das Landratsamt Landsberg am Lech mit, es könne "aufgrund fehlender Beteiligungen zum Vollzug der Auflagen oder dessen möglicher Nebenerscheinungen keine Antworten" geben. Fragen von BR24 zu den Vorwürfen des Wasserwirtschaftsamts ließen die Betreiber der Gasbohrung bisher unbeantwortet.
Neue Proben zeigen Anstieg von teils giftigen Schadstoffen
Zudem zeigen die vorgelegten Proben laut Wasserwirtschaftsamt einen signifikanten Anstieg vor allem "der Parameter von Zink, Barium und BTEX mit teilweise deutlicher Überschreitung der Geringfügigkeitsschwellenwerte". BTEX ist die Sammelbezeichnung für die leichtflüchtigen aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole. Diese giftigen Substanzen sind Bestandteile von Treibstoffen, Lösemitteln und Farben, die Böden und Grundwasser verunreinigen können. Benzol ist zudem als krebserzeugend eingestuft. Auch Barium gilt als giftig.
Es könne sein, dass die Stoffe aus einer alten Gasbohrung stammten, die früher an gleicher Stelle erfolgt war, so die Weilheimer Behörde. Die neue Bohrung im letzten Spätsommer erfolgte größtenteils durch ein ehemaliges, wieder geöffnetes Bohrloch. Ob die Schadstoffe also Altlasten sind, könne erst verifiziert werden, wenn weitere Grundwasseruntersuchungen vorlägen.
Greenpeace spricht von Skandal
"Die Unterlagen des Bergamtes belegen: Das mit der Bohrung beauftragte Unternehmen hat sich offensichtlich nicht an Auflagen gehalten", sagte Saskia Reinbeck von Greenpeace Bayern. Es sei unverantwortlich, dem Wasserwirtschaftsamt über einen Monat lang die Messergebnisse zum Trinkwasserschutz vorzuenthalten. "Es wird abermals deutlich, dass es dem Unternehmen nicht um das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger, sondern lediglich um die Ausbeutung des Erdgasvorkommens geht."
Anwohner sorgen sich schon länger ums Trinkwasser
Viele Menschen in Reichling sehen sich nun in ihrer Kritik an der Erdgasbohrung bestätigt. Von Anfang an hatte es etwa die Sorge gegeben, dass die nahe Trinkwasserquelle verunreinigt werden könnte. Hinter den Förderplänen steht die "Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH", die zu 80 Prozent im Besitz der MRH Mineralöl-Rohstoff-Handel GmbH mit Sitz in Düsseldorf ist und zu 20 Prozent von der Genexco GmbH gehalten wird.
Nachdem die Probebohrung im September 2025 abgeschlossen war, laufen derzeit Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit des Projektes. Der Betreiber hatte damals mitgeteilt, dass die Erkundungsbohrung "ohne Komplikationen sowie ohne Schädigung der Umwelt" erfolgt sei. Das Gasvorkommen könnte laut dpa den Gasbedarf von 10.000 bis 15.000 Haushalten decken.
Mit Informationen von dpa.
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