Den Blutzucker rund um die Uhr messen zu können, ganz ohne Piks – das könnte den Alltag vieler Menschen mit Diabetes vereinfachen. Weltweit forschen Firmen an solchen nicht-invasiven Messsystemen. Doch bislang gibt es dafür keine verlässliche, zugelassene Technik. Online werden aber schon jetzt Smartwatches angeboten, die genau das versprechen: Blutzuckermessung jederzeit, bequem vom Handgelenk. Was nach medizinischer Revolution klingt, kann für Betroffene lebensgefährlich werden.
Ulmer Forscher testet "Wunderuhren"
Am Institut für Diabetes-Technologie in Ulm hat Manuel Eichenlaub einige dieser Uhren genauer unter die Lupe genommen. Der Wissenschaftler ist selbst Diabetiker und trägt ein anerkanntes kontinuierliches Glukosemesssystem am Körper. Eichenlaub hat einen Test mit zwei im Netz bestellten Smartwatches gemacht. Zunächst hat er die Uhren selbst getragen und vergleicht deren angezeigte Werte mit seinen tatsächlichen Blutzuckerwerten. Auf dem Auswertungsdiagramm lassen sich die Unterschiede deutlich erkennen: Dort stellt jeweils eine Linie die Werte der Uhren dar, eine weitere Linie bildet den tatsächlichen Glukoseverlauf von Eichenlaub ab, gemessen mit dem Sensor seines Glukosemesssystems am Körper.
Gefährliche Fehleinschätzungen
Das Diagramm zeigt bei der Kurve des Glukosemesssystems zwei deutliche Ausschläge nach oben im Verlauf des Tests, bei den Kurven der Uhren nicht. Bei diesen Ausschlägen sei es gefährlich geworden, erklärt der Wissenschaftler: "Da war mein Blutzucker hoch und ich habe mir Insulin spritzen müssen – was ich nicht getan hätte, wenn ich nur die Werte der Uhr gesehen hätte."
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Wie real diese Gefahr ist, zeigt ein aktueller Fall aus einer bayerischen Klinik, den Eichenlaub derzeit untersucht. Ein Patient hat sich über Wochen auf die Werte seiner Smartwatch verlassen und entsprechend weniger Insulin gespritzt. "Das hat dazu geführt, dass dessen Blutzucker entgleist ist", sagt Eichenlaub. "Er ist sehr stark angestiegen und war über lange Zeit sehr, sehr hoch."
Banane mit schwankendem Blutzuckerwert
Wie unzuverlässig die Uhren sind, demonstriert Ingenieur Manuel Eichenlaub mit einem ungewöhnlichen Test: Er befestigt die Uhren an einer Banane. "Da hat sich zu unserem Überraschen gezeigt, dass diese Uhren auch an der Banane exakt den gleichen Glukoseverlauf angezeigt haben wie bei mir, als ich die Uhren getragen habe", berichtet Eichenlaub. Sein Fazit: Offensichtlich findet keine echte Blutzuckermessung statt. Die Banane zeigte laut Uhr ständig schwankende Werte – obwohl sich ihr "Blutzucker" natürlich nicht verändert.
Essen und Trinken ohne Auswirkung bei Uhren
Der Wissenschaftler unternimmt noch einen weiteren Selbstversuch. Nach dem Mittagessen trinkt Eichenlaub zusätzlich Orangensaft – ein klarer Zuckerimpuls. Die Smartwatch zeigt 108 Milligramm pro Deziliter an. "Das passt nicht ganz zu der Tatsache, dass ich gerade eben Orangensaft getrunken habe", kommentiert Eichenlaub. Die zweite Uhr am anderen Handgelenk zeigt 122 – ebenfalls unauffällig.
Ein Blick auf seinen medizinisch zugelassenen Sensor ergibt dagegen 212 – und weiter steigend. Das bestätigt auch ein Blutschnelltest, den er zusätzlich macht. "Für mich ist es höchste Zeit, Insulin abzugeben", sagt Eichenlaub. "Aber wenn ich auf die Uhr hören würde, wäre alles in Ordnung und ich müsste vielleicht sogar etwas essen."
Wissenschaftler warnen
Die getesteten Smartwatches hat Manuel Eichenlaub über große Handelsplattformen im Internet bestellt. Sie kommen aus China ohne Angaben über einen Hersteller. In der Anleitung der einen Uhr findet sich der Hinweis, dass es sich nicht um ein Medizinprodukt handle und die Messergebnisse nicht für medizinische Zwecke verwendet werden dürften. Bei der anderen Uhr wird zusätzlich darauf verwiesen, sich nicht auf die Messergebnisse zu verlassen.
Für Eichenlaub ist das zu wenig. "Uns beunruhigt das natürlich", sagt er. "Deswegen war unsere Strategie, das Wissen, dass diese Uhren unzuverlässig sind, an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn unserer Erfahrung nach kann man nicht erwarten, dass die Behörden einschreiten."
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