Von G9 zu G8 zurück zu G9: 2003 wurde in Bayern die Abschaffung des neunjährigen Gymnasiums verkündet. Es folgte massive Kritik an G8 von Lehrkräften, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern. 2017 beschloss die bayerische Staatsregierung die Rückkehr zu G9. Jetzt macht der erste Jahrgang wieder nach neun Jahren Abitur.
Schülerinnen und Schüler fühlen sich mit G9 reifer fürs Abitur
Wir treffen Leni, Nele, Luis, Johanna und Ozan aus dem 13. Jahrgang am Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf im Landkreis Augsburg. Sie sind schon aufgeregt, fühlen sich aber gut vorbereitet, weil sie ein Jahr mehr Zeit hatten.
Luis, 19 Jahre, fühlt sich reifer. "Wenn ich mir überlege, in der 11. wäre es schon so weit gewesen, dass wirklich jede Note zählt, bin ich echt froh, dass es jetzt erst ab der 12. oder der 13. (Jahrgangsstufe) war." Ozan, ebenfalls 19 Jahre, sieht es genauso: "Ich habe erst jetzt herausgefunden, was ich nach dem Abi machen möchte. Ich schätze diese Zeit als sehr wertvoll ein und nicht als verschwenderisch."
Für den ersten G9-Jahrgang lief es noch nicht rund
Auch Nele und Johanna, 18 und 19 Jahre alt, finden G9 besser als G8. Aber sie haben auch die Probleme der Umstellung zu spüren bekommen. Neue Lehrpläne, zu spät gelieferte Bücher, andere Prüfungen als G8: "Der G9-Jahrgang hat sich wie ein Versuchskaninchen gefühlt", erzählt Nele lachend. "Auch die Lehrkräfte mussten sich an G9 erst gewöhnen", sagt Johanna. "Die Lehrer haben sich dann in die Lehrpläne eingearbeitet."
Üben fürs G9-Abitur am Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf bei Augsburg: Leni, Nele, Luis, Johanna und Ozan finden G9 besser als G8.
In der Oberstufe gibt es jetzt nicht nur ein Unterrichtsjahr mehr, sondern auch mehr Flexibilität: So können die Schülerinnen und Schüler nach ihren Talenten und Interessen individuelle Schwerpunkte setzen, teilt Bayerns Kultusministerium mit. Die fünf Prüfungsfächer beim Abi bleiben: drei schriftlich, zwei mündlich. Neu ist zum Beispiel: Es muss nur noch eines der beiden verpflichtenden Fächer Deutsch und Mathe schriftlich abgelegt werden.
G9 sei für die Schülerinnen und Schüler weit mehr als ein reines Zeitgeschenk, sagt Kultusministerin Anna Stolz. "Es bringt ein spürbares Plus an gymnasialer Bildungsqualität, schafft zusätzlichen Raum für die Wiederholung und Vertiefung von fachlichem Wissen und Können und bietet ganz neue Chancen zur persönlichen Profilbildung."
Landesschülerrat: G9 richtig, aber Startschwierigkeiten
Die Entlastung durch G9 sei in der Praxis noch nicht wirklich überall angekommen, stellt der Landesschülerrat Bayern fest. Aber: Das System befinde sich noch in einer Art Übergangsphase. Verbesserungen brauchten Zeit. "Durch den ersten G9-Abiturjahrgang gibt es jetzt erst eine richtige Grundlage an Rückmeldungen, auf die reagiert werden kann."
Pro und Contra vom Bayerischen Elternverband
Mit der Rückkehr zu G9 wurde vor allem gehofft, den Leistungsdruck spürbar zu reduzieren, mehr Zeit für Vertiefung und Wiederholung zu schaffen sowie den Schulalltag durch weniger Nachmittagsunterricht zu entzerren.
Das habe sich nur teilweise erfüllt, schreibt der Bayerische Elternverband (BEV) auf BR24-Anfrage. Der Leistungsdruck sei nicht gesunken. Viele Schülerinnen und Schüler hätten weiterhin umfangreichen Nachmittagsunterricht. Hinsichtlich der Belastung in den unteren Jahrgangsstufen bringe G9 aber sehr wohl spürbare Verbesserungen.
Lehrerverbände begrüßen G9
Anspruchsvoll, leistbar und fair: Das sei das Ziel vom neuen G9, sagt der Bayerische Philologenverband, der die Reform begrüßt, wie auch der Deutsche Lehrerverband. Es sei eine sehr gute Weiterentwicklung des bisherigen Gymnasiums, sagt ihr Präsident Stefan Düll, Schulleiter in Neusäß bei Augsburg. Im Gegensatz zum Elternverband stellt er fest: "Die jungen Menschen haben Zeit gewonnen am Nachmittag für Hobbys, Vereine und Ehrenamt."
Besseres Abi bei G9 als bei G8?
Am Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf schreiben heuer 67 Schülerinnen und Schüler Abitur. Auch für Schulleiter Günter Manhardt ist der erste G9-Abi-Jahrgang spannend. Er beobachtet: Ein Jahr macht viel aus in dem Alter. Der 13. Jahrgang ist reifer. "Es ist schön, junge Erwachsene zu unterrichten. Das ist schon ein großer Zugewinn für unsere Schule." Günter Manhardt kann sich vorstellen, dass das Abitur durch das zusätzliche Jahr besser ausfällt als zu G8-Zeiten.
Bis Mitte Juni werden die Prüfungen in Bayern dauern. Ende Juni werden dann die Zeugnisse des ersten G9-Abi-Jahrgangs überreicht.
Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Artikels lautete die Überschrift: "Premiere an Bayerns Gymnasien: Erster G9-Jahrgang schreibt Abi". Das war missverständlich, da es in der Vergangenheit vor G8 natürlich viele G9-Jahrgänge gab und es sich nun um den ersten "neuen" G9-Jahrgang handelt. Wir haben die Überschrift deshalb geändert.
Video: eine Premiere für 29.000
Rund 29.000 Schülerinnen und Schüler treten an - sie sind der erste neue G9-Jahrgang.
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