Silhouetten von Männergestalten, die nicht zu erkennen sind. Sie tragen schwarze Anzüge und Hüte
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Rekrutierte Wegwerfagenten arbeiten oft ohne direkte Anbindung an den Geheimdienst
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Rekrutierte Wegwerfagenten arbeiten oft ohne direkte Anbindung an den Geheimdienst

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"Wegwerfagenten" – Putins verdeckter Krieg in Deutschland

"Wegwerfagenten" – Putins verdeckter Krieg in Deutschland

Seit Mitte März stehen in Stuttgart drei Ukrainer vor Gericht. Sie sollen für einen russischen Nachrichtendienst einen Anschlag auf einen ukrainischen Paketdienstleister geplant haben. Spuren führen nach Bayern.

Über dieses Thema berichtet: Der Funkstreifzug am .

Mitte April 2022 in einer kleinen Gemeinde in Unterfranken. Am Ostergottesdienst in der örtlichen Kirche nehmen auch Geflüchtete aus der Ukraine teil. Erst wenige Wochen zuvor sind sie vor den russischen Truppen geflohen, die Ende Februar 2022 in ihr Land eingefallen waren. Nach dem Gottesdienst entsteht ein Gruppenfoto vor der Kirche, das später im Netz veröffentlicht wird. Gut vier Jahre später fällt dieses Bild Reportern von SWR und BR auf: Denn einer der Männer darauf ist Yevhen B., heute 30 Jahre alt – und Angeklagter in einem Spionageprozess.

Schnell rekrutiert, schnell wieder "weggeworfen"

Seit 17. März 2026 muss sich Yevhen B. mit zwei ukrainischen Mitangeklagten vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten. Der Vorwurf: Anschlagspläne im Auftrag eines russischen Geheimdienstes. Sie sollen als sogenannte "Wegwerfagenten" angeheuert worden sein. Diese seien oft nicht direkt an einen Geheimdienst angebunden, erklärt der Jurist und Sicherheitsexperte Ferdinand Gehringer: "Man setzt da auf relativ einfach zu rekrutierende Personen, die man schnell und auch punktuell in operative Aufgaben einbinden kann, die man dann aber auch ganz schnell wieder wegwerfen kann."

Rekrutiert werden solche "Wegwerfagenten" laut Gehringer häufig online, etwa über den russischen Messenger Telegram. Viele steckten in finanziellen Schwierigkeiten, seien als Kleinkriminelle aufgefallen. Anfällig sind auch Geflüchtete aus Osteuropa mit Sympathien für Russland.

Spionage gegen niederbayerischen Drohnen-Produzenten

Zuletzt sollen Wegwerfagenten wiederholt im Auftrag Russlands aktiv gewesen sein, auch in Bayern. So ließ die Bundesanwaltschaft erst vor wenigen Wochen zwei Personen festnehmen. Sie sollen in Niederbayern einen Geschäftsmann ausgespäht haben, dessen Firma Drohnenteile in die Ukraine liefert.

Den drei Angeklagten in Stuttgart wirft die Bundesanwaltschaft vor, einen Anschlag auf den ukrainischen Paketdienst Nova Post geplant zu haben, der auch Filialen in Deutschland unterhält. Laut Oberstaatsanwalt Gerd Kaiser war geplant, Pakete mit Brandsätzen aus Deutschland in Richtung Ukraine zu versenden: "Diese Pakete sollten beim ukrainischen Versanddienstleister in Deutschland aufgegeben werden. Sie sollten sich auf dem Versandweg in Richtung Ukraine entzünden, mutmaßlich auch in Deutschland."

Testpakete mit GPS-Trackern

Die Bundesanwaltschaft ist sich sicher, dass die Angeklagten zunächst Testpakete mit GPS-Trackern verschickt haben, um Lieferwege auszuspähen. Yevhen B., der nach seiner Flucht aus der Ukraine zunächst in Bayern gelebt hat, soll dabei eine Schlüsselfigur gewesen sein. Sein Kontaktmann war laut Anklage ein Bekannter aus seiner Heimatstadt Mariupol mit mutmaßlicher Nähe zu russischen Diensten. In Chats, die BR und SWR auszugsweise bekannt sind, gibt der Kontaktmann Anweisungen. Laut Bundesanwaltschaft soll Yevhen B. diese umgesetzt haben, etwa indem er Kontakte zu den Mitangeklagten knüpfte.

Im Audio: Wegwerfagenten - Terrorexperte Schindler schätzt ein

Terrorexperte Hans-Jakob Schindler
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Terrorexperte Hans-Jakob Schindler

"Nützliche Idioten" im Dienste Russlands

Für Sicherheitsbehörden sind solche Fälle schwer zu fassen, sagt Sicherheitsexperte Ferdinand Gehringer. Über mögliche Anschläge werde – wenn überhaupt – nur sehr verklausuliert gesprochen: "Man kann sie dann eben ganz schnell wieder loswerden, kann alles abstreiten. Letztlich sind es nützliche Idioten, die sich im Sinne des russischen Staates einsetzen."

Oft ahnten die "Wegwerfagenten" gar nicht, dass sie von Geheimdiensten angeworben werden. So könnte es auch bei einem der Mitangeklagten von Yevhen B. gewesen sein: Vladsylav T. Bei einer Vernehmung soll er nach Informationen von BR und SWR angegeben haben, er habe Yevhen B. nur einen Gefallen tun wollen, nur deshalb habe er ein Testpaket mit GPS-Tracker bei der Kölner Filiale des Paketdienstes Nova Post aufgegeben. Auch der Anwalt von Vladyslav T. widerspricht den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft. Sein Mandant sehe Russland sehr kritisch. Schließlich sei sein Großvater bei einem russischen Angriff ums Leben gekommen. Die Verteidiger der anderen beiden Angeklagten wollten sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Auch Iran soll auf "Wegwerfagenten" setzen

Der Prozess in Stuttgart wird zeigen, wie belastbar die Vorwürfe sind – und wie schwierig es ist, solche verdeckten Strukturen sichtbar zu machen.

Übrigens scheint nicht nur Russland auf "Wegwerfspione" zu setzen. Sicherheitsbehörden beobachten ähnliche Vorgehensweisen auch beim Iran, um jüdische Einrichtungen in ganz Europa anzugreifen. Auch im Fall des Anschlags auf ein israelisches Restaurant in München Anfang April ermitteln die Behörden unter anderem in diese Richtung.

Die ganze Recherche hören Sie im Funkstreifzug am 22.04.2026 um 12:15 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder als Podcast in ARD Sounds.

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