Maximilian Estendorfer hält ihn in Händen – endlich: Der Brief der Bundeswehr ist da. Zehn Tage, nachdem der Oberstufenschüler aus Rott am Inn im Landkreis Rosenheim Anfang Februar seinen 18. Geburtstag gefeiert hat, ist das zweiseitige Schreiben mit Bundeswehr-Logo im Briefkasten. "Ist schon etwas Besonderes", sagt Maximilian. Schließlich schreibe die Bundeswehr nicht alle Tage.
Überhaupt verschickt die Bundeswehr einen solchen Brief, wie ihn nun auch Maximilian bekommen hat, in der Form zum ersten Mal – und zwar an alle, die im laufenden Kalenderjahr 18 Jahre alt werden, männlich wie weiblich. Es ist die "Aufforderung zur 'Wehrerfassung' nach §15a Absatz 1 Satz 1 Wehrpflichtgesetz", wie der Betreff auf Behördendeutsch lautet. Weiter unten ist von "einer Chance, etwas zu bewegen", zu lesen – "für sich selbst, für andere und für unser Land"; "übernehmen Sie Verantwortung".
Mehr freiwillige Wehrdienstler "zwingend notwendig"
Die Zeilen sind das Ergebnis der vom Bundestag beschlossenen Wehrdienstreform. "Angesichts der massiven Verschärfung der Bedrohungslage in Europa infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine", wie es in dem Anfang Dezember angenommenen Gesetzentwurf heißt, sei "die Gewinnung von deutlich mehr Freiwilligen für die Streitkräfte" "zwingend notwendig".
Entsprechend sieht die Gesetzesnovelle vor, dass in einem ersten Schritt alle aus dem Geburtenjahrgang 2008, die also in diesem Jahr volljährig werden, brieflich aufgefordert werden, Auskunft über ihre Wehrdienst-Bereitschaft und -Fähigkeit zu geben. Das geht über einen QR-Code im Brief, der zu einem digital auszufüllenden Fragebogen führt.
Männern, die Fragebogen nicht ausfüllen, droht Bußgeld
Die weiblichen Angeschriebenen können den Fragebogen freiwillig ausfüllen. Die männlichen Brief-Empfänger begehen derweil eine Ordnungswidrigkeit, wenn sie der Aufforderung zum Fragebogenausfüllen nicht innerhalb der angegebenen Frist nachkommen. Nach Auskunft der Bundeswehr ist dann ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro fällig.
Durch die verpflichtende Befragung zumindest aller männlichen 18-Jährigen sei davon auszugehen, "dass die Befragung – in Verbindung mit umfassenden Informationen über berufliche Möglichkeiten und Perspektiven in den Streitkräften – zu einer intensiveren Befassung der jüngeren Generation mit dem militärischen Dienst führt und damit auch die Anzahl freiwilliger Bewerbungen steigen wird", heißt es in dem Gesetz.
Auf rund 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten soll das Heer perspektivisch aufgestockt werden – ausgehend von zuletzt 180.000. Als Anreiz wurde auch das Einstiegsgehalt für freiwillig Wehrdienstleistende um rund 900 Euro auf 2.600 Euro brutto angehoben.
Kein Hinweis auf potenziellen Kriegseinsatz im Brief an 18-Jährige
In ihrem Standardschreiben, das bis Jahresende rund 650.000 junge Erwachsene erreichen soll, verspricht die Bundeswehr den Angeschriebenen "Erfahrungen, die Sie persönlich im Leben weiterbringen". Wahnsinnig Eindruck macht das auf Maximilian Estendorfer aus Rott am Inn nicht. "Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass eben andere Menschen das anders sehen." Die Aussicht auf den Ernstfall – einen Einsatz im Krieg – ist für den 18-Jährigen jedenfalls keine Verlockung, darauf wird im Brief allerdings auch nicht hingewiesen.
"Ich finde es wenig verwunderlich, dass die Bundeswehr versucht, den Dienst in den Streitkräften positiv darzustellen", sagt Christian Braun vom Hamburger Institut für Theologie und Frieden dem BR. Für den Theologen ist "der Dienst in den Streitkräften ein Dienst für das Gemeinwesen". "Natürlich ist der Militärdienst mit Risiken verbunden, über die selbstverständlich auch von Seiten der Bundeswehr hingewiesen werden muss. Allerdings finde ich nicht, dass auf dieses Anschreiben zwingend eine Warnung vor den möglichen Risiken eines Ernstfalles gehört."
Bundeswehr-Werbung "wie eine Steuererklärung"
Die Militärexpertin Dorothee Frank ist trotzdem skeptisch, ob auf die Art viel an der aktuellen Personallage geändert werden könne. "Der freiwillige Wehrdienst ist bereits heute attraktiv, sowohl in Bezug auf die Möglichkeiten als auch auf das Geld", sagt Frank dem BR. "Wo sonst kann man mit dem geforderten Bildungsnachweis so interessanten Tätigkeiten für so viel Netto-Gehalt nachgehen? Wenn trotzdem keine jungen Menschen kommen, liegt es daran, dass sie von der Werbung nicht erreicht werden."
Das gelte auch für die derzeit verschickte Post an alle 18-Jährigen: "Die Flyer stellen die Bundeswehr als einen Arbeitgeber wie jeden anderen dar, nur mit vielleicht besserer Bezahlung. Die jungen Menschen wissen allerdings, dass dies nicht stimmt. Die Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie andere, sie ist nicht nur ein 'motiviertes Team', sie ist eine Armee."
Glaubwürdiges Werben um junge Menschen bräuchte entsprechende Botschaften, die weder aus dem Brief noch aus dem Fragebogen hervorgingen. "Die vorgesehenen Fragebögen sind als Werbung genauso attraktiv wie eine Steuererklärung. Sie erzählen sogar dieselbe Botschaft, nämlich gar keine", urteilt Frank.
Bislang 77.000 Briefe verschickt
Leonard Heese aus München hat der Brief noch nicht erreicht – der Oberstufenschüler wird auch erst im September 18. Er sagt: "Ich bin offen dafür, was kommt." Das sagt er mit Blick auf die erwartete Post von der Bundeswehr wie auch auf einen möglichen Wehrdienst. "Es ist für viele Menschen in meinem Alter einfach auch eine Chance, was Neues zu erleben – Disziplin und auch, was es heißt, sein Land zu verteidigen."
Stand heute würde er sich freiwillig melden – anders als Maximilan Estendorfer aus Rott am Inn. Der hat den Fragebogen pflicht- und fristgemäß schon ausgefüllt – und an der entscheidenden Stelle eine "0", also "gar kein Interesse" am Wehrdienst angegeben.
Wie viele es ihm bislang gleichgetan haben, konnte die Bundeswehr auf Anfrage nicht mitteilen. Bislang seien jedenfalls rund 77.000 Briefe verschickt worden.
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