11 Uhr vormittags am Bavariapark auf der Theresienhöhe. Wie aus dem Nichts taucht er auf, bewegt sich auf eine Gruppe Kinder zu und streckt ihnen die Carbonfaust zum Gruß entgegen: Ein ungefähr 1,20 Meter grosser Roboter in Trachtenhemd und Lederhose, auf dem Kopf einen Jägerhut. Einige der Kleinen fliehen, andere erwidern den Gruß, die Mutigsten zupfen an seiner Kleidung. Der Roboter bedankt sich mit einem Tänzchen und einigen Kampfsportposen, die seine Beweglichkeit zur Schau stellen. Schnell haben die Kinder sich an ihren neuen Spielgefährten gewöhnt. "Cool", "geil", "legendär" sei der, so die einhellige Meinung.
Der Mann hinter dem Roboter
Die Eltern, die daneben stehen, stellen sich dagegen Fragen: Was macht der Humanoid hier im Westend? Ist er Teil einer Werbeaktion? Funktioniert er autonom? Und wenn nicht - wer steuert ihn? Das Geheimnis löst sich, wenn man an den Rand des Platzes blickt: Unter einem Baum, bekleidet mit einem grauen Kapuzenpullover, steht ein Mann, er ist um die 40 Jahre alt. Beide Hände hat er in der Bauchtasche des Pullis vergraben. Dort hat er das Control Panel versteckt; unauffällig steuert er damit den Roboter aus dem Hintergrund. Er ist der Besitzer des Roboters. Da er in der KI-Branche arbeitet, möchte er anonym bleiben, vor allem jetzt, da der Westend-Roboter über einen eigenen Instagram-Account (externer Link) immer populärer werde.
Bestellung aus China, Tracht aus Pakistan
Bestellt hat der Mann, der selbst im Westend lebt, den Roboter im Oktober vergangenen Jahres bei dem chinesischen Technologieunternehmen Unitree Robotics (externer Link) . Ende Juli kam das Modell R1 in Deutschland bei ihm an. Da der Roboter bei ihm im Westend wohnt, "bloß 200 Meter von der Wiesn entfernt", kam als Kleidung für ihn nichts anderes in Frage außer Tracht. Die Hose hat er über das Internet in Pakistan bestellt; sie ist aus dünnem Plastik, damit der Roboter nicht überhitzt. Die Stoffschuhe wiederum verhindern, dass der Roboter sich auf dem Asphalt die Gummiüberzüge abläuft. Denn Ersatzteile liefert der Hersteller des Humanoiden bisher noch nicht.
Ein Roboter zum Preis eines Kleinwagens
Ins Haus kam der Roboter mit vier fest installierten Programmen: zwei Tänzen und einer Kickbox-Choreografie. Diese Programmierungen möchte sein Besitzer bald durch zusätzliche, selbst entworfene erweitern, zusammen mit einer KI. Dann könne er sich nahezu autonom bewegen und dank eingebauten Kameras und eines Lautsprecher auch sehen und reden. Doch all das kostet: Bezahlt hat der Besitzer für den Roboter den Preis eines Kleinwagens, wie er sagt. Allein die schon jetzt lieferbaren Hände mit fünf Fingern würden noch einmal so viel kosten wie der Roboter selbst. Durch das Westend lässt er den Humanoiden laufen, um den Bewohnern des Viertels die Scheu vor solchen Maschinen zu nehmen:
"Keiner im Westend hat bisher einen Humanoiden gesehen. Ich möchte den Leuten zeigen, was für eine Technologie es gibt und was kommt. Denn in den nächsten Jahren wird man diese Roboter überall sehen. Sie werden unsere Pakete liefern, dazu kommen Straßenreinigung, Pflegedienst und noch viel mehr. Ich schätze, ab 2030 sieht man diese Roboter dann überall", schätzt der Mann.
Begeisterung und Skepsis
Bei einem Spaziergang durch die Straßen des Westends zeigt sich, dass diese Mission durchaus erfolgreich ist. "Süss" ist das meist gebrauchte Wort, das vor allem jüngeren Frauen beim Anblick des Roboters über die Lippen kommt. Passanten und Touristen filmen den humanoiden Spaziergänger oder machen ein Selfie mit ihm, eine Radfahrerin ist an diesem Tag extra im Viertel herumgefahren um den Roboter zu suchen, nachdem sie ihn auf einem Social Media-Kanal gesehen hat. Doch es gibt auch kritische Stimmen: "Wenn der in der Pflege oder in der Kinderbetreuung eingesetzt wird, dann wird das den Effekt haben, dass die Menschen immer einsamer werden", befürchtet eine ältere Dame. Und ein Mann macht sich beim Anblick des Roboters Sorgen darum, dass dieser bald "auf dem Arbeitsmarkt auftauchen könnte, um den Menschen die Arbeitsplätze wegzunehmen."
Nur eine Stunde Strom
Plötzlich sackt der Roboter zusammen und legt sich auf den Bürgersteig: sein Lebenssaft, der Strom, reicht nur für eine Stunde. Der Besitzer knöpft das Trachtenhemd auf, entnimmt seinem Rucksack einen ziegelsteingroßen Akku und schiebt diesen in die Hüfte des Humanoiden. Nach knapp einer Minute erhebt der seinen Oberkörper, dann stemmt er sich selbständig in die Standposition und spaziert weiter die Kazmairstraße hinunter.
Lilli, die Betreiberin eines Getränkemarkts umarmt ihn herzlich und küsst ihn ins Gesicht. Fast jeden Tag in den vergangenen zwei Wochen sei der Roboter an ihrem Laden vorbei gegangen, freut sie sich. In dieser Zeit hätte sie ihn richtig lieb gewonnen. Schade sei nur, dass er – trotz seines bayerischen Aussehens - kein Bier trinke. Beziehungsweise überhaupt nicht trinke. Der Besitzer plant, den Humanoiden in Tracht auch während des Oktoberfests durch das Westend spazieren lassen. Aber nur mit Vorsicht, erklärt er. Denn seine Befürchtung, dass Betrunkene den Trachtenroboter beschädigen, die sei dann doch zu groß.
BR24 auf TikTok: Roboter in Lederhose unterwegs
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