Eigentlich wollten die beiden Freunde Flavio und Bene in dieser Sommernacht im Juli 2024 nur nach Hause. Nach einer Party steigen die damals 19-Jährigen am Bahnhof in München-Trudering aus der S-Bahn. Wenig später treffen sie eine spontane Entscheidung: Sie klettern auf einen abgestellten Güterzug. Sekunden danach trifft Flavio ein Stromschlag mit 15.000 Volt. Wenige Tage später stirbt er an seinen Verletzungen.
Fast monatlich schwere Unfälle an Bahnoberleitungen
Nach Angaben der Bundespolizei werden in Deutschland regelmäßig solche Bahnstromunfälle registriert. Bis Ende Oktober 2024 wurden bundesweit 14 Unfälle an Bahnoberleitungen gezählt. Im Jahr 2023 waren es 16, im Jahr 2022 sogar 19 Fälle. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Die Bundespolizei spricht aber von Bahnstromunfällen, die fast monatlich vorkommen. Besonders häufig betroffen sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Die größte Gefahr ist unsichtbar
Viele Menschen gehen davon aus, dass eine Oberleitung nur gefährlich wird, wenn man sie berührt. Genau das stimmt nicht. Durch die Leitungen der Bahn fließen 15.000 Volt. Schon in einem Abstand von etwa 1,5 Metern kann ein sogenannter Lichtbogen entstehen. Dabei springt der Strom durch die Luft über. Wer auf einen Güterwagen steigt, kann der Oberleitung deshalb bereits so nahe kommen, dass ein tödlicher Stromüberschlag entsteht. Genau das passierte offenbar auch in Trudering.
Eine spontane Entscheidung mit fatalen Folgen
Als Flavio und Bene, deren volle Namen nicht genannt werden sollen, in der Nacht auf den 7. Juli 2024 am Bahnhof Trudering aussteigen, wollen sie daheim noch eine Runde Fifa zocken und dann schlafen. Doch die letzte U-Bahn ist schon weg, sie müssen ein Stück laufen. Dann tun sie etwas, was sie noch nie getan haben: Sie wollen einmal über die Gleise, auf der anderen Seite beginnt der Fußweg zu Bene nach Hause. Auf dem letzten Gleis steht ein abgestellter Güterzug. Eigentlich müssen sie nur einmal zwischen den Waggons durch, doch dann sehen sie die Leiter des Kesselwagens. "Lass mal da hoch", sei ihr Gedanke gewesen, sagt Bene. "Es war einfach eine kurze, instinktive, schlechte Entscheidung. Da haben wir nicht viel drüber nachgedacht."
Bene steht im Zimmer von Flavio. Die Eltern haben es so hinterlassen, wie es kurz vor dem tödlichen Stromschlag an der Oberleitung aussah.
Flavio geht vor, Bene klettert ihm nach. Kurz darauf sieht Bene einen grellen Lichtblitz und hört einen lauten Knall. Sein Freund wurde von einem Stromüberschlag getroffen (externer Link). Er habe verzweifelt "Flavio, Flavio" gerufen, erinnert sich Bene. Er robbt zum schwer verletzten Flavio auf dem Waggon und leistet erste Hilfe. Flavio kommt wieder zu sich, bittet den Freund, seine Hand zu halten. Gleichzeitig beginnt für die Einsatzkräfte ein Wettlauf gegen die Zeit.
Warum die Retter zunächst nicht eingreifen konnten
Denn selbst Feuerwehr und Rettungsdienst können in einer solchen Situation nicht sofort helfen. Als die ersten Einsatzkräfte am Bahnhof eintreffen, steht die Oberleitung noch unter Spannung. Die Gefahr eines weiteren Stromschlags ist zu groß. "Es war sehr dramatisch", sagt der Einsatzleiter der Unglücksnacht Carsten Höfer von der Berufsfeuerwehr München. Ihr Alptraum wäre es gewesen, wenn auch Bene noch einen Stromschlag bekommen hätte, während er versucht zu helfen.
Für die Retter gehören solche Einsätze zu den schwierigsten Situationen überhaupt. Solange der Bahnstrom fließt, kann jeder Rettungsversuch weitere Menschen in Lebensgefahr bringen. Deshalb müssen zunächst die Gleise gesperrt, die Oberleitung abgeschaltet und geerdet werden. Erst danach können die Helfer die beiden jungen Männer vom Zug holen. Bis dahin ist Bene ihre einzige Verbindung zu Flavio, um zu erfahren, was passiert ist. Und wie schwer beide verletzt sind.
Flavio überlebt den Unfall nicht
Als die Rettungskräfte Flavio vom Zug retten, sagt er laut den Rettungskräften "Ging ja nochmal gut". Wie schwer er verletzt ist, ist da noch nicht klar: Er wird in einer Spezialklinik behandelt, doch die inneren Verletzungen durch den Stromschlag sind zu schwer. Nach zwei Tagen im künstlichen Koma versagen seine Organe. Der 19-Jährige stirbt.
Für Bene und Flavios Familie bleibt die Erinnerung an eine Nacht, in der eine kleine Entscheidung alles veränderte. "Bene hat seine Hand gehalten, in dem schwierigsten Moment von Flavios Leben. Das ist so mutig, das ist so toll", sagt Flavios Mutter heute. "Ich kann nur dankbar sein."
Die Warnung von Bundespolizei und Bahn
Bundespolizei und Deutsche Bahn warnen seit Jahren vor den Gefahren an Bahnoberleitungen. Die wichtigste Botschaft: Niemand muss eine Leitung berühren, um einen lebensgefährlichen Stromschlag zu erleiden. Schon die Annäherung kann ausreichen. Die meisten Bahnstromunfälle enden laut den Behörden mit schwersten Verletzungen oder tödlich.
Die ganze Geschichte von Bene und Flavio erzählt der Podcast "15.000 Volt – Zwei Freunde, ein Zug und ein Stromschlag an der Oberleitung" von SWR Report bei ARD Sounds.
Im Video: Bene erzählt von der Unglücksnacht
Im Video: Wie Bene heute auf den Unfall blickt und was Flavios Eltern sagen
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