Martin Wiegand arbeitet im Unfallklinikum Murnau und ist auf dem Weg zu einer 81 Jahre alten Patientin. Sie ist zu Hause gestürzt und musste aufgrund einer Oberschenkelfraktur operiert werden. Seitdem hat sich ihr Zustand verschlechtert – es besteht der Verdacht einer beginnenden Demenz. Eine Situation, die für den Fachkrankenpfleger zum Arbeitsalltag gehört.
Unfallklinikum Murnau: Pfleger begleiten Demenz-Kranke
Denn Martin Wiegand ist in Murnau Leiter des Demenz-Pflegeteams Team ORANGE (externer Link). Gemeinsam mit zehn weiteren Kollegen betreut er pro Tag bis zu 24 Patienten – die neben einer akuten Erkrankung auch eine Demenz haben.
"Wir nehmen quasi die Perspektive durch die Brille des Betroffenen ein", sagt Wiegand. Beispielsweise werden im Unfallklinikum Murnau Menschen mit Demenz zu Untersuchungen begleitet und durch eine gezielte Anleitung immer wieder reorientiert. Denn laut Angela Biermann, Oberärztin der Alterstraumatologie am Unfallklinikum Murnau und Mitgründerin von Team ORANGE, ist genau das unabdingbar: "Patienten mit Demenz kommen aus einer gewohnten Umgebung, in der sie sich häufig noch einigermaßen gut zurechtfinden, in eine ganz neue Situation, die sie einfach überfordert. Dazu kommt dann noch die akute Erkrankung, meist mit Schmerz verbunden – das verunsichert zusätzlich."
Bayern braucht mehr demenzsensible Krankenhäuser
Das Unfallklinikum Murnau ist ein Haus, das besonders gut auf die Bedürfnisse dementer Patienten eingestellt ist – ein sogenanntes demenzsensibles Krankenhaus und damit eine Seltenheit. Der Begriff "demenzsensibles Krankenhaus" ist bisher weder geschützt noch sind laut Bayerischem Gesundheitsministerium entsprechende Strukturen einheitlich systematisch erfasst.
Meike Feyrer von der Koordinierungsstelle Bayern Demenz im Krankenhaus (externer Link) ergänzt, dass es im Freistaat bislang keine verbindliche Definition dafür gebe, wann ein Krankenhaus als „demenzsensibel“ gelte, weshalb Krankenhäuser nicht verpflichtet seien, demenzsensible Strukturen zu melden.
Team ORANGE BG Unfallklinik Murnau
Barmer-Krankenhausreport bestätigt: Die Zahlen steigen
Laut des aktuellen Barmer-Krankenhausreports (externer Link) wird die Zahl dementer Menschen in Bayern von aktuell rund 255.300 auf rund 335.300 im Jahr 2040 steigen und somit auch die Zahl der Krankenhausfälle. Im Jahr 2023 wurden in Bayern 161.700 Krankenhausbehandlungen mit Demenz erfasst. 2040 werden es voraussichtlich mehr als 176.500 sein.
Laut Report leiden schon heute mehr als sieben Prozent aller Patienten in bayerischen Krankenhäusern an Demenz – Tendenz steigend. Des Weiteren belegt die Barmer, dass elf Prozent aller Patienten mit Demenz während oder kurz nach der stationären Behandlung verstarben. Besonders häufig werden in den Kliniken Demenzkranke wegen Herzinsuffizienz, Oberschenkelhalsbruch oder Dehydration behandelt.
Das Problem liegt in der Umsetzung
Diplom-Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer-Zangl vom Institut "aufschwungalt" München berät Kliniken und Betroffene. Sie betont, dass das Problem vor allem bei den einzelnen Krankenhäusern liegt: "Wir haben kein Wissensproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Das passiert unter anderem dann, wenn zum Beispiel ein Personalwechsel in der Führungsebene von Kliniken stattfindet. Dann verläuft ganz viel wieder im Sand, weil dann eben die neue Geschäftsführung den Schwerpunkt in einem anderen Bereich sieht."
Und im Zuge dessen sei auch das Thema Wirtschaftlichkeit ein zentraler Punkt. So gäbe es laut Tschainer-Zangl viele Fachleute, die eine Abkehr von der zunehmenden Privatisierung von Krankenhäusern fordern. Auch die Finanzierung von speziell geschultem Personal müsse gesichert sein und dürfe "nicht irgendwo im Klinikalltag untergehen", so Tschainer-Zangl.
Das Unfallklinikum Murnau als Positivbeispiel
Für Martin Wiegand und seine Kollegen vom Team ORANGE steht fest: Es kann funktionieren – auch in Zeiten von Personalmangel in der Pflege.
"Ich bin seit 40 Jahren in der Pflege. Ich kenne die Probleme, ich weiß aber auch, dass es besser geht. Ich bin mit Team ORANGE wieder dort angekommen, was für mich die Seele der Pflege ausmacht: die Betreuung, die Beziehung zum Patienten, das gelingende Miteinander. Das motiviert mich jeden Tag. Und das gemeinsam im Team umzusetzen – das ist ein großes Glück."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

